Ein Schwein schaut aus dem Transporter, der auf das Betriebsgelände der Firma Tönnies fährt. 
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LüneburgEs mag Zufall gewesen sein, oder man könnte von Einbildung sprechen – aber just an dem Tag, an dem Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wieder schlachten durfte, sah ich vermehrt Schweinetransporter auf unseren Landstraßen. Zwischen den Lüftungsschlitzen war die leicht rosafarbene Haut zu erkennen, die typischen gebogenen Rücken, manchmal ein Rüssel oder Augenpaar. Wenn der betreffende Lkw dann außer Sicht ist, trifft der Geruch der Schweine wie eine letzte stumme Anklage die menschliche Nase selbst im geschlossenen Pkw mit voller Wucht.

Quasi von der ersten Stunde an waren diese Lebewesen ökonomischen Zwängen unterworfen – nein, vorher schon! Beginnend bei dem Sperma, mit dem ihre Mutter besamt wurde, und mit den Dokumenten, die „Wurfleistung“, Ferkelsterblichkeit, Wachstumsgeschwindigkeit, Fett- und Muskelanteil protokollieren. Die Geschichte der Schweinezucht ist der Siegeszug des ökonomischen Kalküls über das Leben, und die Übel, die heute mit dem Stichwort „Massentierhaltung“ in Verbindung gebracht werden, begannen schon lange davor.

Denken wir einmal an die sogenannten alten Schweinerassen wie das Bunte Bentheimer Schwein, das Schwäbisch-Hällische Schwein oder das Angler Sattelschwein. Auf Arche-Höfen werden solche „bedrohten“ Rassen weitergezüchtet, in Bio-Hofläden dargeboten und von Selbstversorgern mit bestem Gewissen geschlachtet. Sogar auf Speisekarten wurden solche Bezeichnungen schon gesichtet.

Was für ein erbärmlicher Marketing-Trick! Denn dies sind nicht die früheren Schweinetypen, die noch bis zum Beginn der Frühen Neuzeit frei umherstreiften, ihr Futter selber suchten und sich immer wieder mit Wildschweinen kreuzten. Vielmehr machten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Bevölkerungswachstum, die Industrialisierung und die Verstädterung die Zucht neuer (heute: „alter“) Schweinerassen auf dem europäischen Kontinent erforderlich: Schweine, die auch bei der Haltung in kleinen Ställen und Koben „effiziente“ Futterverwerter waren.

Im Rahmen des Vier-Jahres-Plans der Nazis wurden Wurfgrößen, Mastgeschwindigkeit und Fettanteil sogar zum Gegenstand offizieller Politik: Man wollte eine Selbstversorgung Deutschlands vor allem mit Fett erreichen. (Tiago Saraiva: Fascist Pigs. MIT Press 2018). Bis heute sind die Stammbäume dieser deutschen Edelschweinzucht erhalten, mit Namen wie Markwart und Nandolf, Fremdling und Liebling, Dirne und Heimchen, Wotan und Werwolf.

Erst Ende der 1950er-Jahre änderte sich der Geschmack der Verbraucher, seither legt man lieber fettarme Körperteile auf den Grill. Die heutigen Tiere gehören keinen einheitlichen Rassen mehr an, sondern werden gezielt aus diversen Genpoolen zusammengekreuzt („hybrid“). Doch egal, was die Züchter mit ihnen anstellten: Alle heutigen Schweine haben sich das Verhaltensrepertoire ihrer Vorfahren bewahrt, sie haben (oder: benötigen) ein komplexes Sozialverhalten, sie wollen wühlen und ihrem Nachwuchs ein Nest bauen. Und nichts, aber rein gar nichts, was derzeit als Reform oder Reförmchen der Schweinehaltung diskutiert wird, wird diesen schlauen und lebenslustigen Tieren im Entferntesten gerecht.