Tierhaltung im alten Ägypten, zeitgnössische Hieroglyphenmalerei.
Abbildung: Wiki/ Unknown author / Public domain

BerlinOb mir das nicht allmählich langweilig würde, fragte eine Freundin in guter, geradezu mitleidiger Absicht: immer wieder über Tiere und den menschlichen Umgang mit ihnen zu schreiben? Sie dachte dabei an Kastenstand, Kükenschreddern und politische Possen, die sich ein ums andere Mal wiederholen.

Stimmt schon, vieles aus dem Bereich der Mensch-Tier-Beziehungen ist unerfreulich, eben weil es keine friedlichen Beziehungen sind. Aber langweilig? Niemals! Gerade wenn man die historische Perspektive miteinbezieht, will die Verblüffung gar nicht mehr enden.

Die alten Ägypter zum Beispiel haben bekanntermaßen nicht nur Menschen, sondern auch Tiere zur Mumifizierung präpariert, es gibt Millionen solcher Funde. Allerdings hatten solche Grabbeigaben unterschiedliche Hintergründe, denn die Achsen der Mensch-Tier-Beziehungen waren damals so vielfältig wie heute. Man hielt Katzen und Hunde als Haustiere, aber auch Affen, Gazellen und Mangusten und legte sie in mumifizierter Form den Verstorbenen als Gefährten bei; andere Tiere sollten im Jenseits als Nahrung dienen und wieder andere kultischen Zwecken. Nicht immer wird in archäologischen Berichten erwähnt, ob die Tiere friedlich starben; die als Opfertier gezüchteten Affen jedenfalls wurden an Pilger verkauft und man brach ihnen den Nacken.

Weil die Interpretation der Funde aus schriftlosen Zeiten natürlich schwer ist, wurden viele Tierfiguren und -abbildungen lange Zeit vage einer „rituellen“ Verwendung zugeordnet, und so steht es auch heute noch auf vielen Museumsschildern. Heute nimmt man immer öfter auch den alltäglichen Bezug in den Blick: Tierfiguren aus Lehm zum Beispiel müssen keinem Ritus gedient haben, sondern vielleicht wollten die Kinder (oder Erwachsene?) einfach mit ihnen spielen.

Auch etliche Baby-„Flaschen“ aus prähistorischer Zeit, die unter anderem in Bayern gefunden wurden, tragen auf ihren kugelförmigen Bäuchen Hörner und lange Ohren. Man fand die Reste von der Milch anderer Säugetiere in ihnen, und sie sind ein wichtiges Zeugnis sich verändernder Praktiken der Ernährung der Babys und ihrer Entwöhnung. Aber man wird den Kindern kaum aus „rituellen“ Gründen einen kleinen Tonkrug mit Kuhanmutung in die Händchen gedrückt haben, sondern wohl eher wegen der Assoziation von Nahrhaftigkeit – oder ganz einfach, weil den Menschenkindern Kühe gefielen.

So vieles jedenfalls, das Menschen im Laufe ihrer langen Geschichte mit anderen Tieren angestellt haben, wirkt auf uns heutige verschroben, war für die damaligen aber anscheinend normal. Und das wiederum sagt viel darüber aus, was uns „normal“ vorkommen mag, obwohl es widersprüchlich oder gar furchtbar ist. Kürzlich sah ich die Abbildung einer kalifornischen Patentanmeldung aus dem Jahr 1907 – für einen Metallkorb, den man Pferden um den Penis schnallen konnte, um die „animalische Onanie“ zu unterbinden, die „extrem schädlich“ für das Wohlergehen der Tiere sei. Wenn solche Zufallsfunde in kulturhistorischen Darstellungen zur (menschlichen) Sexualität auftauchen, fungieren Tiere dabei als Beispiele, als Metaphern, als Leinwand für menschliche Projektionen. Doch eine umfassende Globalgeschichte der Tiere, aus ihrer „Sicht“ sozusagen, wie sie mit den Menschen lebten (und unter ihnen litten), ist leider noch nicht geschrieben.