Thomas Cromwell (1485-1540), der (kurzzeitige) Earl of Essex, gemalt von seinem Freund Hans Holbein (1497-1543, Ausschnitt).
Bild: Imago/United Archives International

BerlinHans schmeichelt nicht. Er malt seinen Freund Thomas im Halbprofil mit kleinen, eng stehenden Augen und Knubbelnase. Auch sieht ein markantes Kinn anders aus. „Earl of Essex“ steht oben links, obwohl Thomas Cromwell diesen Titel 1540 kein Vierteljahr trug, dann wurde er verhaftet und bald darauf, am 28. Juli, hingerichtet. Enthauptet, nicht verbrannt, der König ließ Milde walten. Hans Holbein schmeichelt weder seinem Freund noch dem König, erzählt Hilary Mantel im dritten, mächtigsten Band ihrer Trilogie über Thomas Cromwell, das Kind eines cholerischen, saufenden Schmieds und Bierbrauers, zuletzt Earl of Essex und Lord Great Chamberlain, lange Jahre rechte Hand Heinrichs VIII. – seinerseits heute vor allem bekannt durch seinen Ehefrauen-Verschleiß.

„Wolf Hall“ (dt. „Wölfe“) begann mit einem vom Vater fast totgeprügelten Jungen, der hinaus in die Welt flieht und sich bald auf elegante Weise nützlich zu machen versteht, der diverse Sprachen spricht, Strippen zieht und dabei, wenn es sein muss, sein Gewissen außen vor lässt. In „Bring up the Bodies“ (dt. „Falken“) beschreibt Mantel seinen scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg.

Von Hinrichtung zu Hinrichtung

Und nun, acht Jahre später, „The Mirror and the Light“ („Spiegel und Licht“), das von Hinrichtung zu Hinrichtung reicht, von Mai 1536, Heinrichs zweite Frau Anne Boleyn wird enthauptet, bis zu jenem Juli 1540. Insgesamt 2350 Seiten sind in der deutschen Übersetzung zusammengekommen. Hilary Mantel macht ihren Protagonisten nicht zum Ich-Erzähler, sie macht ihn zu „er“ und immer nur „er, Thomas“ oder „er, Cromwell“. Dieses „er“ ist der brillanteste Coup Mantels, denn Cromwell, geprügeltes Kind und samtgepolsterter Earl, muss einem Menschen des 21. Jahrhunderts auch während einer so langen Bekanntschaft fremd bleiben. Unbedingt. Allzu große Vertraulichkeit wäre weniger glaubhaft als diese Entrücktheit auf halbe Distanz. Er, Cromwell, bleibt schillernd auf Abstand.

In England erschien „The Mirror and the Light“ etwa zwei Wochen vor „Spiegel und Licht“; die Briten standen Schlange um das Buch. Das bedeutet nicht, dass man in Zusammenhang mit der Trilogie auch nur einmal das Wort „Schmöker“ denken sollte. Zwar dürfte es ein Engländer leichter haben mit dem Wechsel von Kosename zu Vorname zu Nachname zu Titel, Anreden, die sich ständig ändern, je nachdem, wer gerade mit wem über wen spricht. Es gibt viele Dialoge, die die Leserin auf den Zehenspitzen halten, wie man im Englischen sagt. Mantel führt nicht aus und erklärt nicht, Hans ist erst mal Hans, und wer nicht darauf kommt, dass es sich um den Maler Holbein den Jüngeren handelt, mit dem hat sie kein Mitleid.

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2350 Seiten

Hilary Mantels
Thomas-Cromwell-Trilogie


Wölfe. Aus d. Engl. von Christiane Trabant, Dumont, Köln 2010

Falken. Aus d. Engl. von Werner Löcher-Lawrence, Dumont, Köln 2012

Spiegel und Licht.
Aus d. Engl. von Werner Löcher-Lawrence, Dumont, Köln 2020. 1100 S., 32 Euro.

Sie selbst ist ja wohl auch auf Zehenspitzen geblieben. Hat sich gestreckt, bis sie das Ohr am fernen Jahrhundert hatte. Von Fall zu Fall auch die Nase und die Geschmacksknospen. Hilary Mantel erzählt von Heinrichs Regierungs- als einer Zeit, in der es besser war, unauffällig zu leben. Denn der König ist launisch. Aber keine Ambitionen zu haben, kommt für Cromwell nicht in Frage. Er arbeitet für vier, das weiß auch der König, er ist schlau und hat ein gutes Gedächtnis. Phänomenal gut, um auszurechnen, wenn wieder die Zeit für Abrechnungen kommt. Er sieht Menschen auf dem Scheiterhaufen brennen oder auf dem Schafott bluten, er hat seinen Anteil daran. „Selbst in der Republik der Tugend brauchst du einen Mann, der die Scheiße wegschaufelt, und irgendwo steht geschrieben, dass er Cromwell heißt.“

Hilary Mantel lässt diesen Cromwell sich im Licht und im Schatten drehen und wenden, lässt ihn einen liebevollen Vater und Ehemann, einen fairen Dienstherrn sein, einen skrupellosen Spieler der Macht, einen listenreichen Mann, der überall seine Spione hat und den man sich nicht zum Feind machen sollte. Er hat seine Prinzipien, aber wenn er es für nötig hält, steckt er sie weg.

Auf dem Seil der Macht

Und während Cromwell auf dem Seil der Macht balanciert, balanciert Hilary Mantel mit großer Kunst zwischen dem 16. und dem 21. Jahrhundert. Ihre Figuren – nur sehr wenige sind fiktiv – spielen ihre Rollen in einer Zeit, in der ein fehlerfreies Rollenspiel überlebensnotwendig sein konnte. Oder das richtige Glaubensbekenntnis. Und trotzdem sind diese Figuren auch modern. Sie geben einem Rätsel auf. Sie gewähren Einblick in ihre Motive, und diese sind zutiefst menschlich. Das schließt die Niedertracht ein.

Auf 1100 Seiten ist „Spiegel und Licht“ kein weites Panorama der Landschaften und Prächtigkeiten, kein Film in Cinemascope. Vielmehr ein Puzzle gesellschaftlicher Vor- und Rücksichten. Man könnte den Roman mit all seinen Schachzügen der Macht auch einen Spannungsroman nennen, obwohl man weiß, wie er endet, enden muss. Mantel respektiert die Historie, aber sie nimmt sich alle Freiheiten, die dann den großen Roman ausmachen