Die isländische Musikerin Hildur Guðnadóttir bei ihrem Auftritt am Mittwoch in Berlin
Foto: Votos/Roland Owsnitzki

BerlinDem Erdgeschoss des ehemaligen Weddinger Krematoriums, der „Betonhalle“, haftet eine tiefgaragige Trostlosigkeit an. Es passt, dass hier am Mittwochabend die in Berlin lebende isländische Musikerin Hildur Guðnadóttir im Rahmen des CTM-Festivals ihre Filmmusik zur HBO-Miniserie „Chernobyl“ über den schwersten aller Reaktorunglücke live zur Aufführung brachte: schließlich zwängte sich Guðnadóttir im ukrainischen Tschernobyl in einen Strahlenanzug, um in der Reaktorruine Klänge aufzunehmen, aus denen sie dann die metallisch wabernden Begleitharmonien zum für seine Schonungslosigkeit vielgelobte Drama über die Folgen des Unglücks konstruierte. 

Sie erhielt sowohl einen Emmy als auch einen Grammy für die beste Filmmusik; zeitgleich ist sie für ihre Musik für „Joker“ für einen Oskar nominiert; eine erstaunliche Entwicklung für eine Indie-Musikerin, die bislang vor allem für ihre Underground-Kollaborationen hervorgetreten war – für die isländische Band Múm etwa, aber auch die Industrial-Pioniere Throbbing Gristle.

Schlimm war das alles nicht

Ihrem neuem Hollywood-Ruhm entsprechend herrschte in der Betonhalle enormer Andrang; als Guðnadóttir in Begleitung von drei Musikern auf enger Bühne erschien und mittels ihrer Stimme sowie des Quellenmaterials metallen-verhallt loswaberte, wurden folgerichtig im Publikum zahlreiche Smartphones gezückt, über deren Bildschirme die bald einsetzenden Stroboskopblitze wie eine interaktive Lichtinstallation anmuteten. Das Publikum wurde so also Teil der Performance, genauso wie der kaputte Reaktor, so Guðnadóttir in einem Interview, eine eigene Stimme in der Musik habe – viele solcher ja in der um Ort und Klang sich drehenden Tonkunst oft bemühten Meta-Überlegungen fügten sich also stimmig zusammen.

Schade nur, dass die Musik − vom Filmdrama getrennt − wirkte wie ein recht beliebiges Ambient-Konzert, wie man es in den letzten drei bis vier Jahrzehnten schon sehr oft zu Gehör bekam: wehklagend an- und abschwellende Rausch- und Fiep-Akkorde, schwerfällig pulsierende Bassfrequenzen – und zum Schluss das mit einer Art Melodie und Akkordfolge ausgestattete Stück „Bridge of Death“. Schlimm war das alles nicht, nur hätte man sich angesichts des morbiden Themenzusammenhangs doch eine etwas fiesere und gern auch überraschendere Klangpackung gewünscht. Schön immerhin die dahingleitende und oft bedrohlich flackernde Neonröhrenbeleuchtung der Berliner Künstlerin Theresa Baumgartner – als meldeten sich die Geister der Halle.