Hillary Clinton vor der Premiere des Dokfilms über ihr Leben.
Foto: dpa/Britta Petersen

BerlinFür keinen anderen Berlinale-Gast ist ein solcher Aufwand nötig: Die Polizei hat die Schaperstraße vor dem Haus der Berliner Festspiele abgesperrt, Hunderte Fotografen und Autogrammsammler warten an der Absperrung, Sicherheitsleute postieren sich. Eine Handvoll Protestierer beschimpft den Gast als Kriegtreiberin und zwar im typischen Trump-Jargon: „Hillary to Hell!“

Dabei wäre Hillary Clinton wohl kaum zur Berlinale gekommen, wenn 2016 seinen erwarteten Verlauf genommen hätte. Die Filmcrew um Regisseurin Nanette Burstein durfte vom Frühjahr 2015 an das Wahlkampf-Team begleiten, wollte hautnah dabei sein, wie sie zur ersten US-Präsidentin gewählt wurde. Doch nach der Niederlage, die die Kandidatin, ihren Stab wie die Crew komplett überraschte, wurde es ein ganz anderer Film. Statt des Siegeszugs entstand ein vielschichtiges Porträt, das zeigt, wie schwer es eine Frau hat, sich in der amerikanischen Politik zu behaupten, welch hohen Preis sie zahlen muss.

Die Regisseurin Burstein kann für ihre insgesamt vierstündige Doku aus dem Vollen schöpfen. Schon die kritische College-Abschlussrede der Jura-Studentin Hillary ist in Bild und Ton dokumentiert, erst recht all ihre politischen Aktivitäten: Sie ist schon bei der Anklage gegen Präsident Nixon aktiv.

Als sie Anfang 30 ist, wird ihr Jugendfreund und Kommilitone Bill Clinton Gouverneur von Arkansas. Die frühen Bilder und Filme als „Golden Girl“ zeigen eine energische junge Frau mit großer Brille, die mit Intelligenz und Charme besticht, sich für benachteiligte Jugendliche und für Frauenrechte einsetzt - dieses Engagement zieht sich durch ihr Leben und diesen Film. Viele Interviewte betonen die Vorbildrolle von Hillary Clinton.

Teil der Medienblase

Der Film erzählt aus drei Zeitebenen: Parallel zur Biografie wird die Wahlkampftour 2015/16 aufgerollt – und beides aus dem Heute kommentiert und bewertet. Neben Hillary und Bill Clinton sitzen Barack Obama, sowie Dutzende Mitstreiter, Jugendfreunde und politische Beobachter vor der Kamera – ausgewiesene Clinton-Gegner aber nicht. Manches, wie die Jugendjahre, wirkt erfrischend. Wie sie dagegen mit den Affären ihres Mannes im Amt umging, ist alles andere als neu.

Die Beobachtung der Kampagnen liefert viele Einblicke: So ist bezeichnend, dass die Auseinandersetzungen mit dem demokratischen Mitbewerber Bernie Sanders, der sie als korrupte Vertreterin des Establishments verunglimpft, weit mehr Raum einnehmen als der Kampf gegen Donald Trump, dem sie in drei TV-Duellen rhetorisch weit überlegen ist. Fast unweigerlich wird die Filmcrew zum Teil einer Medienblase, die die Siege in den TV-Duellen feiert, die hektisch auf jede Pressemeldung reagiert – die aber die Stimmung im Land kaum erfasst.

Die Regisseurin Nanette Burstein und Hillary Clinton beim Fotocall
Foto dpa/Jens Kalaene

Auch beim Podiumsgespräch im Haus der Berliner Festspiele wird der Name Trump kaum mal erwähnt. Hillary Clinton, eine sehr geübte Rednerin, ermutigt vor allem die Frauen, die Komfortzone zu verlassen, sich nicht einschüchtern zu lassen und die immer noch herrschende Doppelmoral bloßzustellen. Dass sie jahrzehntelang, im Grunde bis heute, so verbissen bekämpft wurde, hat sie nicht verhärtet: Sie betont, die Angriffe würden nicht ihrer Person, sondern ihren Zielen gelten.

Mit der Politik scheint sie zwar abgeschlossen zu haben. Die aktuellen Kämpfe gegen eine einen reaktionären „Backlash“, der auf Angst und Sicherheitsdenken abziele, seien ja nicht nur ein politischer, sondern vor allem ein kultureller Kampf – und hier hat sie trotz ihrer Niederlage viel erreicht. In den 70er-Jahren durfte sie, obwohl als Anwältin tätig, noch nicht mal selbst einen Kreditkartenvertrag abschließen. Hillary Clinton betont: „Die Kultur isst die Politik doch zum Frühstück!“ Das Fazit passt ja nicht nur in Amerika.