Hilma af Klint auf einer Fotografie aus dem Jahr 1901. 
Foto: Moderna Museet

BerlinIm Jahr 2013 gab es im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart eine sensationelle Ausstellung. Malereien im Großformat hingen da eine neben der anderen, mit Kreisen, Blumengebilden und organisch-abstrakten Formen auf rosa Grund oder in lila gefasst. Darauf leuchtete ein Orange, durch das Linien sich zu Spiralen drehten und Spektralfarben zu Blütenstrahlen fügten. Die Gemälde stammten von der Künstlerin Hilma af Klint, geboren 1862 auf Schloss Karlberg im schwedischen Solna, gestorben 1944 in Djursholm.

Ein Teil der Sensation war, dass diese Künstlerin bis dahin so gar nicht auf dem Schirm war, schon gar nicht als Pionierin der abstrakten Malerei. Denn die hatte die Kunstgeschichte einem männlichen Kollegen zugeschrieben, Wassily Kandinsky, der es geschickt verstand, sich mit seinem Hang zum „Geistigen“ zum Erfinder der ungegenständlichen Moderne zu machen.

Per Zeitkapsel in die Zukunft

Dass Hilma af Klint so ganz unter dem Radar flog, lag zum einen an dem Etikett der Esoterikerin, das ihr anhaftete, zum andern auch an ihr selbst. Denn im Jahr 1932, mit 70 Jahren, traf af Klint ihr Werk betreffend eine wichtige Entscheidung, sie schrieb: „Alle meine Arbeiten, die 20 Jahre nach meinem Tod geöffnet werden, sollen das obenstehende Zeichen tragen.“ Das lautete „+x“, fast alle ihre Notizbücher sind mit diesem Schutzsymbol beschriftet.

Wer aber ist diese Frau, die ihr Werk in einer Zeitkapsel in die Zukunft katapultiert?, fragt Julia Voss in ihrer sehr lesenswerten, gerade erschienenen Biografie „Hilma af Klint – Die Menschheit in Erstaunen versetzen“. Den Recherchen der Kunstkritikerin und Wissenschaftshistorikerin ist eine Neujustierung in zweierlei Hinsicht zu verdanken: der rebellischen Künstlerin zum einen und ihrer Schlüsselfunktion als Erneuerin der Malerei hin zu Abstraktion zum andern.

Lange vor Kandinsky und Malevich

Bei ihrem Tod hinterließ af Klint mehr als 26000 Seiten Text und 1300 Gemälde. Ihr Erbe ist das Museum ihres Lebens, das zeigt, dass sie mit allen Regeln brach, die man versucht hatte, ihr aufzubürden, als Kunststudentin an der Akademie von Stockholm, als Frau um die Jahrhundertwende oder als Künstlerin der Moderne. Die Künstlerin fing mit 44 Jahren, im November 1906 an, ungegenständlich zu arbeiten, zuerst im kleinen Format, dann in enormer Größe. Das war Jahre, bevor Kandinsky oder Malevich die Abstraktion zu ihrer Erfindung erklärten.

Kraft und spirituellen Mut holte af Klint sich in freigeistigen Zirkeln, die sie beflügelt haben müssen, in Zeiten massiver Benachteiligung ihren Weg zu gehen, innerlich unabhängig zu bleiben. Erzählerisch führt die Autorin durch af Klints Leben, sie versteht es, die Geister als Figuren zu behandeln und leuchtet damit eine lange unbeachtete Leerstelle aus.

Julia Voss: Hilma af Klint. Biografie. Fischer Verlag, 2020, 600 Seiten, 25 Euro