Innenansicht des Tropical Islands Resorts.
Foto: imago stock & people

Brandenburg Mistwetter – es gibt keine bessere Bezeichnung für das, was sich da draußen abspielt. Der Himmel hängt an diesem Tag tief und grau über dem flachen Brandenburger Land. Auf der Autobahn müssen die Scheibenwischer ordentlich arbeiten. Dann die Abfahrt Staakow. Nun wird es etwas schöner – zwar nicht das Wetter, aber die Landschaft. Fast vier Kilometer lang geht es geradeaus, eine schmale Allee entlang mit wunderbar verwachsenen Bäumen. Dann steht sie da auf einer riesigen Freifläche: die Halle namens Tropical Islands. 

Es ist ein Gebäude der Superlative: die größte freitragende Halle der Welt – 360 Meter lang, 210 Meter breit, 107 Meter hoch. Die Halle beherbergt den größten überdachten Regenwald der Welt, den größten tropischen Freizeitpark in Europa. Als Tropenhalle hat sie in diesem Jahr ihren 15. Geburtstag gefeiert – da stellt sich die Frage, wie sich diese Notlösung entwickelt hat.

Die Halle von außen.
Foto: Gerhard Leber/ imago

Denn eigentlich ist diese Kuppelhalle ein Industriebau – geplant, um riesige Luftschiffe zu bauen. Doch die ambitionierte Cargolifter AG ging pleite. Und so wurden 2004 viele Palmen gepflanzt, große Pools angelegt und eine gigantische Kulissenwelt. Im Frühjahr 2019 verkaufte der malayische Besitzer das Ressort an den spanische Konzern Parques Reunidos, der weltweit 60 Parks betreibt. Bereits von weitem sieht die silbergraue Kuppel groß aus, denn sie überragt die hohen Kiefernwälder erheblich.

Beliebtes Freizeitziel

Doch das Auge ist einen solchen Anblick nicht gewöhnt und die Halle wird immer höher, je näher man kommt. In unmittelbarer Nähe ist sie einschüchternd groß. Der Regen ist sehr fein und der Wind so scharf, dass die Regentropfen wie Nadelstiche wirken. Es ist sehr ungemütlich, doch Alex Ficht ist allerbester Laune. „Wir kommen aus Oberfranken und saßen fünf Stunden im Auto“, sagt der 42-Jährige. Er hat seine einjährige Tochter auf dem Arm. Die Familie ist wegen der vierjährigen Tochter angereist.

Vielfältiges Angebot im Tropical Islands.
Foto: imago/ Tropical Islands

„Sie hat Geburtstag, und was kann man bei solchem Wetter schon machen?“, fragt er. „Wir wollen jetzt ganz schnell für zwei Tage in die Tropen. Freunde waren mit ihren Kindern hier und haben nur geschwärmt.“ Es ist wie so oft: Der Ruf ist in der Fremde besser als in der Heimat. In Berlin hört man immer wieder den Satz: Wie kann man in solch einer Werkshalle nur Urlaub machen? Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache.

„Das Jahr 2019 war mit fast 1,3 Millionen Besuchern das bislang beste in der Geschichte von Tropical Islands“, sagte Sprecher Matthias Möller. Es wurden 480.000 Übernachtung gezählt. In der Halle und ringsum in den Ferienhäusern gibt es 1850 Betten. Die Zahl der Beten im Außenbereich soll bis Ende nächsten Jahres verdoppelt werden. „Die neuen Besitzer treiben die Investitionen ordentlich voran.“

Tropical Islands scheint wie eine andere Welt 

Nun geht es in die Halle. Und der Weg führt durch den Himmel. An einer Seite erstreckt sich die Südsee, ein mächtiger Pool mit Sandstrand und Liegestühlen. Darüber spannt sich eine riesige Plane mit aufgedrucktem Südseehimmel, 20.000 Quadratmeter groß. Möller öffnet mitten im Himmel eine Tür. Und wie im legendären Film „Truman-Show“ betreten wir eine andere Welt. Es ist warm und feucht.

Es ist weniger laut, als gedacht und an diesem Tag mitten in der Woche auch weniger voll, als befürchtet. Die Leute schlendern entspannt umher. Mitarbeiter und Gäste sind auf den ersten Blick zu unterscheiden: Die Mitarbeiter sind die einzigen, die keine Bikinis oder Badehosen tragen. Vor und hinter den Kulissen wird überall gearbeitet. Die Bewässerungsanlagen gießen die 50.000 Palmen und anderen Pflanzen.

Eine Thailänderin zupft in der Küche frische Kräuter, hackt sie klein und lässt sie ins Curry fallen. Es gibt ein paar Baustellen hinter tropisch bedruckten Planen. Die Rettungsschwimmer drehen ihre Runden, ein paar Frauen räumen überall in der Halle die überraschend edlen Zimmer in den Asia-Häuschen auf. „Wir haben bis zu 5000 Gäste am Tag“, sagt Matthias Möller. „Das ist so viel, wie eine Kleinstadt hat.“

Knapp 550 Mitarbeiter rackern, damit alles möglichst reibungslos läuft. „Wir sagen gern: Es ist wie bei einer Kreuzfahrt – nur ohne Schiff.“ Mit 44 Euro für Erwachsene ist die Tageskarte knapp doppelt so teuer wie in Brandenburgs vielen Thermen. Die sind meist 14 Stunden geöffnet, hier sind es 24. Das Angebot ist auch deutlich größer. Es gibt riesige Rutschen, Zelte zum Übernachten und Ballonfahrten unterm Dach.

Der Umweltsünder-Vorwurf

Doch gibt es auch ganz klar eine Negativ-Seite. Von Anfang an müssen sich die Betreiber damit auseinandersetzen, dass sie von einigen als Umweltsünder angesehen werden. Denn die riesige Luftschiffhalle ist für die jetzigen Zwecke eigentlich viel zu hoch. Es wird sehr viel Energie benötigt, um die gewaltige Luftmenge auch im tiefsten Winter auf 26 Grad zu beheizen.

Die Betreiber argumentieren in Zeiten der sogenannten Flugscham damit, dass ein Besuch in der Tropenhalle deutlich umweltfreundlicher ist, als mal schnell für ein verlängertes Wochenende nach Mallorca zu fliegen – wie noch vor kurzem üblich war. „Wir lassen gerade unseren Kohlendioxid-Fingerabdruck ermitteln“, sagt Sprecher Möller. „Wir haben Plastik aus dem Sortiment genommen und Einweggeschirr. Zum Beispiel sind die Gläser an der Bar mit Pfand. In jeder Abteilung wird geprüft, wie und wo wir noch nachhaltiger werden können.“

Es ist eine eigene Welt

Ein paar Leute in Badezeug sitzen nach dem Mittagessen an der balinesischen Bar und trinken Cocktails. Andere liegen am Strand, machen Sudoku oder spielen am Handy. Eltern hängen im Liegestuhl ab, ihre Kinder toben im Wasser. Im Sommer stehen die Kids Schlange vor dem bundesweit längsten Wildwasserkanal, und auch im Winter ist draußen im warmem Wasser richtig was los. Es ist eine eigene Welt. Und das an 364 Tagen im Jahr – nur am Weihnachtsabend ist die Halle geschlossen und alle haben frei. Fast alle.

Denn es gibt da noch die Jungs, die hinter der Halle stationiert sind. Wie es sich für eine ordentliche Kleinstadt gehört, gibt es auch eine Feuerwehr mit 46 Kollegen und zwei Einsatzfahrzeugen. „Bei uns sind an jedem Tag des Jahres rund um die Uhr acht Kollegen im Dienst“, sagt Feuerwehrchef André Pöschk. Darunter jeweils ein Sanitäter, der am meisten zu schuften hat. Bislang gab es 2000 Sanitätereinsätze und 900 Feuerwehr-Alarmierungen – aber nur 20 reale Brände.

Meist ist es Fehlalarm, weil irgendjemand irgendwo einen Notknopf gedrückt hat. Einmal brannte der Dachstuhl eines Nebengebäudes. „Ansonsten brennt in der Halle mal ein Papierkorb oder jemand lässt ein Handtuch auf einer Lampe liegen“, sagt der 45-jährige Feuerwehrchef. Auf dem Parkplatz ist auch schon mal ein Auto ausgebrannt, oder sie werden gerufen, weil in der Nachbarschaft ein Wald brennt oder Verletzte nach einem Unfall aus dem Wagen geschnitten werden müssen.

Also alles wie im realen Leben.


Vorgestellt: Diese Menschen arbeiten im Tropical Islands

Der Chefgärtner

Bernd Green, der Chefgärtner.
Foto:  Jens Blankennagel

Der Mann stammt zwar aus Schleswig-Holstein, aber er hat den perfekten englischen Namen für die Aufgabe, die er in der Tropenhalle wahrnimmt. Der oberste Gärtner – der Herr über Tausende Palmen – heißt tatsächlich Green. Bernd Green ist 56 Jahre alt und diplomierter Forstingenieur. Er ist seit bald 15 Jahren dabei, also fast von Anfang an. „Ich bin wegen der Tropen in den Unterspreewald gezogen“, sagt Green.

Er koordiniert die Arbeit der 15 Leute im Gärtnerteam. Nun ist er auf Kontrollgang und schaut, wie es den Palmen geht. In Serpentinen geht es bergauf. Und auch wenn es etwas lächerlich klingt: Die größte Erhebung in der Halle ist zwölf Meter hoch, aber wer nicht zu sehr schwitzen will, sollte beim Aufstieg nicht eilen. Green trägt ein langärmliges Hemd, eine lange Hose und derbe Schuhe. Arbeitskleidung eben. Er schiebt ein paar Blätter beiseite und schaut, wie es einer kindskopfgroßen Jackfrucht geht.

Green erzählt, dass es den Palmen anfang gar nicht gut ging in der Halle, weil es etwas zu dunkel war. Also wurde auf einer Seite der Halle das Metalldach entfernt und riesige Folienplane eingebaut, wie in der Arena des FC Bayern. So kommt nun ausreichend Licht an die Palmen.   „Kein Mensch weiß genau, wie viele Pflanzen wir hier haben“, sagt er. „Es sind 500 verschiedenen Arten und etwa 50.000 bis 60.000 einzelne Pflanzen.“

Und zu seinen Aufgaben gehören auch noch 630 Hektar Außenfläche mit Kiefernwäldern und Heideland im Naturschutzgebiet. Die Tropenwelt ist zwar eine künstliche, aber die Pflanzen sind echt. Deshalb gibt es auch echtes Ungeziefer. „Das wird hier ganz vorbildlich 100-prozentig biologisch bekämpft“, erzählt Bernd Green. Eine Brandenburger Spezialfirma liefert jede Woche sogenannte Nützlinge, also bestimmte ungefährliche Insekten, die dann andere Insekten töten oder deren Eier öffnen und fressen.

Greens neuste Errungenschaft ist ein Schmetterlingsgehege. Alle paar Wochen kommt eine Lieferung aus Holland. Es sind Schmetterlingspuppen in Wolle eingepackt. „Diese Tiere haben die längste Zeit ihres Lebens schon hinter sich“, sagt Bernd Green. „Sie waren erst ein Ei, dann eine Raupe, dann eine Puppe.“ Schließlich schlüpfen sie, flattern noch ein paar Wochen als Schmetterling in den Brandenburger Tropen herum und erfreuen die Gäste.


Die Sicherheitschefin

Christin Riedel
Foto: Jens Blankennagel

Christin Riedel sieht ganz klar so aus, als würde sie nicht hierher gehören – in die Hitze und unter Palmen. Sie macht eine ihrer Runden durch die Halle. Die Leute, denen sie begegnet, sind meist halbnackt, tragen nur Bikini und Badehose. Die 28-Jährige aber trägt eine dunkle Hose mit Bügelfalte und eine offiziell wirkende weiße Bluse. Ihr Blick streift bei jedem Schritt unablässig durch die riesige Halle, geht am Boden entlang, in die Gänge, in die Ecken. Wo stimmt etwas nicht?

Wo könnte sich für die bis zu 5000 Besucher pro Tag ein Problem ergeben. „Meine Aufgabe ist das Safety Management“, sagt die 28-Jährige. Bei ihr geht es nicht um die Taschenkontrollen am Eingang, sondern um die grundsätzliche Hallensicherheit: Sind die Baustellen in der Halle so gesichert, dass sich niemand verletzt? Sind Fluchtwege verstellt? Können im Fall einer Massenpanik alle Nottüren geöffnet werden?

Christin Riedel hat in Berlin Sicherheitsmanagement studiert und ist seit mehr als vier Jahr in den Tropen dabei. Sie kümmert sich auch um die großen theoretischen Fragen: Welche Vorschriften und Normen sind einzuhalten, wenn ein neuer Pool geplant wird oder eine Riesenrutsche? Sie koordiniert die TÜV-Prüfungen oder kümmert sich um die IT-Sicherheit der Verwaltung. „Ich bin die Frau mit dem erhobenen Zeigefinger“, sagt sie.

Es gibt insgesamt 40 Rettungsschwimmer und sie überprüft, ob die tatsächlich so postiert sind, dass sie alle toten Winkel an den geschwungenen Seen und Becken überschauen können? Ein Mal pro Woche macht sie ihre große Kontrollrunde. „Aber auch wenn ich hier Essen gehe, schaue ich immer, ob es irgendwo eine Fehlerquelle gibt“, sagt sie. Das sei nun mal eine Art Berufskrankheit. „Ich sehe die Schwachstellen auch sofort beim Einkauf in einem Supermarkt oder in einem Kino.“

Einmal im Monat wird eine „Sammelplatzübung“ durchgeführt. Das heißt: In der Halle wird ein lauter Alarm ausgelöst und die Besucher per Lautsprecher aufgefordert, sich auf den gekennzeichneten Sammelplätzen zu versammeln. „Es machen zwar längst nicht alle Besucher mit“, sagt sie. „Aber solche Übungen sind wichtig für unsere Mitarbeiter, damit sie den Umgang mit den Leuten üben, Routinen entwickeln und sich so für einen möglichen Ernstfall vorbereiten.“