Hinter den Kulissen des Berliner Ensembles

Werner Riemann kennt das Berliner Ensemble wie kein Zweiter. Seit Jahren lässt er Besucher an seinem Wissen teilhaben.

Berlin-Werner Riemann könnte längst seinen Ruhestand genießen. Doch sein Arbeitsplatz – das legendäre Berliner Ensemble – lässt ihn einfach nicht los.

Selten – der Blick von der Bühne des BE in den Zuschauerraum.
Selten – der Blick von der Bühne des BE in den Zuschauerraum.Moritz Haase

Der 86. Geburtstag steht an, ebenso ein hohes Dienstjubiläum. 1956 holte ihn Bertolt Brecht ans BE. Fast sein ganzes Erwachsenenleben hat Riemann als Schauspieler dort verbracht und kennt das Haus bestens. Davon profitieren jene Besucher, die er seit vielen Jahren durch das Theater führt.

Mehrmals im Monat können Interessierte hinter die Kulissen schauen. Unterhaltsam, im dicksten Berliner Dialekt geht es mit Riemann durch das Haus, das 1892 als Theater am Schiffbauerdamm eröffnet wurde.

Berliner Ensemble: Hinter dem Eisernen Vorhang

Riemann empfängt seine Besucher im Foyer, dann geht es zu den Garderoben, wo er Hustenbonbons verteilt und Bilder von sich als jungem Schauspieler zeigt. Rothaarig sei er gewesen. Brecht habe ihn angestellt, weil er einen „Rotschopf“ suchte. Der alte Riemann zeigt stolz die Bilder. „Papa, warst du mal schön“, äfft er seine Kinder nach. Die Lacher hat er auf seiner Seite.

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Nach der Garderobe geht es in den leeren Zuschauersaal. Es ist ungewohnt, sich in einen Sessel fallen zu lassen, während Bühnentechniker hinterm Eisernen Vorhang die Abendaufführung einrichten. Es hämmert, scheppert und klappert.

Berliner Ensemble: Durchkreuzter Preußenadler

Der Eiserne Vorhang, ein Brandschutzinstrument, die Kaiser-Loge, in der heute Ton- und Lichttechnik sitzen, die sogenannte Wilhelm-Pieck-Loge. Der sei oft mit seiner Tochter ins Theater gegangen.

Riemann lenkt den Blick hoch zu dem auffällig durchgestrichenen Preußenadler. Er ist Teil der reichen dekorativen Ausstattung des Saales. Auf Weisung Brechts wurde der Preußenadler mit dicker roter Farbe durchkreuzt.

Werner Riemann – der Mann der tausend Anekdoten.
Werner Riemann – der Mann der tausend Anekdoten.Ida Krenzlin

Weiter geht es auf die Bühne. Mit schlafwandlerischer Sicherheit läuft Riemann durch die Gänge. Tür auf, Tür zu. Die große Besuchergruppe hat Mühe, Schritt zu halten und die Orientierung nicht zu verlieren. Plötzlich stehen wir auf den Brettern, die die Welt bedeuten, auf dem Bühnenboden, der nun am Nachmittag einfach nur riesig wirkt und zugig.

Führung durch das Berliner Ensemble bis in den Keller

Über uns der Schnürboden, unter uns die Drehbühne. Zur Freude eines kleinen Jungen zeigt Riemann die Luken im Boden, in denen die Schauspieler verschwinden können. Mit Hunderten Schnüren kann der Schnürmeister die Bühnendeko heben und senken. Man erfährt viel über Theaterberufe.

Auch im Gewirr der Kellergänge kennt sich Riemann aus, warnt die Besucher vor steilen Stufen und tiefen Decken. Die Unterbühne beherbergt die Maschinerie der Drehbühne. Riemann kennt ihr Geheimnis und erzählt, wie die durchsetzungsstarke und patente Helene Weigel nach Karlshorst gefahren ist, um 32 Hartgummi-Räder von ausrangierten sowjetischen T34-Panzern zu besorgen.

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Foto: Moritz Haase
Vor Ort
Führungen: Die nächsten „Historischen Führungen mit Werner Riemann“ sind am 16. 2., am 26. 2., am 1. 3. und am 15. 3. Sie beginnen um 11 Uhr, dauern 90 Minuten. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Tickets an der Kartenkasse. Treffpunkt im Foyer (Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1 in 10117 Berlin).

Spielplan: Am Sonnabend 19.30 Uhr „Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza (gleiche Zeit auch am Sonntag), 20 Uhr „Fahrenheit 451“ nach Ray Bradbury (am Sonntag 18 Uhr). Restkarten vorhanden.

Kantine: Sie ist geöffnet am Sonnabend von 9 Uhr bis Mitternacht, am Sonntag ab 16 Uhr.

Die Bühne drehe sich dank der „Panzerräder der siegreichen Sowjetarmee“ noch immer. Die Besucher kleben an Riemanns Lippen, der mit Anekdoten von kleinen und großen Katastrophen aus der Theaterwelt zu fesseln weiß. Auch das Weigel-Zimmer und das obere Foyer besuchen wir.

Nach der Führung empfiehlt sich eine Pause in der schönen BE-Kantine, dort gibt es warme Gerichte, Buletten, Kaffee oder Bier. Werner Riemann hat seinen Stammplatz. Ein Foto über seinem Tisch zeigt ihn im Kreise von Schauspielern. Von seinem Platz aus beobachtet er das Geschehen, grüßt und wird gegrüßt. Für den Hund eines Schauspielers hat er Hundekuchen dabei.