Die Schlacht von Williamsburg während des amerikanischen Bürgerkriegs, 1862 in Virginia.
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BerlinDie Amerikaner stammen von Eroberern und Eroberten ab, von Menschen, die als Sklaven gehalten wurden, und von Menschen, die Sklaven hielten“, heißt es zu Beginn des schon jetzt als Standardwerk zur amerikanischen Geschichte geltenden Buches „Diese Wahrheiten“ von Jill Lepore. Wir sprachen mit der Historikerin über die Arbeit an ihrer über 1000 Seiten umfassenden Gesamtdarstellung.

Frau Lepore, hatten Sie von Anfang an die Idee, die Geschichte der USA mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus beginnen zu lassen?

Es schien mir sinnvoll, mit Kolumbus anzufangen bzw. mit dem Problem eines Anfangs. Diese Frage stellt sich einem bereits, wenn man in den USA eine Schulklasse in amerikanischer Geschichte unterrichtet: Wo soll man anfangen? Man kann mit 1776 anfangen, mit der Unabhängigkeitserklärung, in der die Nation entsteht. Aber dann lässt man einen großen Teil der Geschichte außer Acht. Ich habe mich dazu entschlossen, mit einer Kontroverse zu beginnen: Wie sinnvoll ist es, mit Kolumbus anzufangen, und was spricht dafür, was dagegen?

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Jill Lepore,

1966 in  West Boylston, Massachusetts, geboren, lehrt Geschichte an der Harvard University. In Ihrem Buch „Diese Wahrheiten“ erzählt Lepore die Geschichte der USA von ihren Anfängen bis zur heutigen Weltmacht in der Krise. Es ist 2019 im C.H. Beck Verlag erschienen. Aus dem Englischen von Werner Roller, 1120 Seiten, 39,95 Euro


Eigentlich hatten Sie geplant, mit der Inauguration von Barack Obama zu enden. Doch dann kam alles anders.

Ich wollte es mit dem Tag der Inauguration von Obama 2009 beschließen, was ja ein dramatischer Moment in der US-Geschichte war. Ob man Obama gewählt hat oder nicht: Es war ein Meilenstein in der US-Geschichte und eine sehr dramatische Inaugurationsfeier. Es schien mir   eine gute Landung meines Projektes zu sein. Nicht auf parteipolitische Weise, sondern als ein Aspekt der amerikanischen Geschichte. Auch wenn Historiker nicht allzu gerne über die Gegenwart oder die nahe Vergangenheit schreiben, hätte dieses Ereignis beim Erscheinen des Buches bereits zehn Jahre zurückgelegen.

Und dann?

Als ich über den amerikanischen Bürgerkrieg schrieb, wurde Trump zum Präsidenten gewählt. Diese Wahl markierte eine weitere Wende in der amerikanischen Geschichte.  Mir wurde klar, dass das Buch an einem anderen Ort enden musste. Hätte ich das Buch mit Obama abgeschlossen, hätten mir die Leute vorgeworfen, die mit Trump verbundene Revolution zu ignorieren. Deshalb hatte ich die Pflicht, es zu ändern. Was man oft übersieht, ist, dass es lange Zeit braucht, um die Bedeutung einer Wahl zu verstehen. Das gilt ja auch für den Brexit, viele verstehen auch drei Jahre später nicht, was da vorgegangen ist.
 

Was waren  die Gründe für Trumps Erfolg?

Es ist schwierig, nur amerikanische Gründe für dessen Wahl anzuführen, wenn es Trump-ähnliche Figuren in ganz Europa gibt. Es sind Kräfte am Werk, die größer sind als die einer Nation, um rechte, populistische und nationalistische Politiker in verschiedenen Teilen der Welt an die Macht zu bringen. Diese Kräfte erwuchsen aus der sozialen Ungleichheit, den Fehlern der ökonomischen Globalisierung, um das Leiden der Menschen anzugehen, die durch den technologischen Wandel zurückgelassen wurden. Und sie beinhalten ein Versagen der Ideen. Es war ein Fehler, in den 80er- und 90er-Jahren eine Globalisierung loszutreten, ohne die Notwendigkeit zu sehen, den Nationalstaat als liberale Körperschaft zu stützen. Es hatte zur Folge, dass die Einzigen, die über einen Nationalstaat redeten, Nationalisten waren. Ich denke, dass dies den Weg für Politiker wie Trump bereitet hat.

 
Den Populismus gab es bereits am Ende des 19. Jahrhunderts in den USA. Wie stark hat er Amerika verändert?

Der Populismus trat am Ende des 19. Jahrhundert in den USA auf und ging nie wieder. Zunächst war es ein Populismus der Linken – kein Sozialismus, er hatte aber große Verwandtschaft zu ihm. Als der Sozialismus in Europa auftrat, trat zur selben Zeit ein linker Populismus in den USA auf. Er vereinte Lohnarbeiter und Farmer und schloss eine Kritik an Konzernen und Finanzoligarchien und an der wachsenden Monopolisierung der Wirtschaft ein. Der Weg, der zum Verschwinden des Populismus führte, war der, dass fortschrittliche Reformer im frühen 20. Jahrhundert, von 1890ern bis zu den 1930er-Jahren, mit dem New Deal von Franklin D. Roosevelt, die Klagen und Beschwerden der Arbeiter und Farmer ernst nahmen. Diese Fortschrittlichen starteten eine Reihe von Reformen. Nun wurden Konzerne stärker reguliert, sodass die starke Ungleichheit beim Einkommen  abnahm. Das war in dieser Ära wirklich erfolgreich.


Und heute?

Der Populismus der Linken hat sich in einen Populismus der Rechten verwandelt. Die Kritik konzentriert sich nun nicht mehr auf die Konzerne, sondern auf die Regierung selbst. Es scheint dieselbe Art von Leuten zu sein, die den Populismus unterstützen und unter ähnlichen Dingen leiden wie geringem Einkommen und Arbeitslosigkeit, aber sie geben der Regierung die Schuld dafür. Auch Progressive haben es versäumt, Maßnahmen zu ergreifen, die gegenüber den negativen Entwicklungen Abhilfe hätten schaffen könnten.  


Auch Richard Nixon sah sich, wie vermutlich jetzt Trump, einem Amtsenthebungsverfahren gegenüber. Gibt es zwischen beiden Ähnlichkeiten?

Nicht wirklich. Nixon war extrem clever. Und er kannte sich in der Außenpolitik bestens aus. Als die Watergate-Untersuchungen 1974 begannen, behaupteten die Republikaner, dass viele US-Präsidenten schlimme Dinge getan hätten, bei Nixon seien sie durch die Tonbandaufnahmen eben nur rausgekommen. Die Demokraten erwiderten: Das können wir rausfinden. Daraufhin setzten sich über den Sommer 1974 viele Historiker zusammen und erstellten eine Liste der US-Präsidenten, die sich eines vorsätzlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht hatten. Heraus kam eine faszinierende Untersuchung. Ich habe alle noch lebenden beteiligten Historiker angerufen und sie gefragt, wie sie das sehen, weswegen Trump angeklagt wird und wofür Nixon angeklagt wurde. Das war noch vor den Enthüllungen in der Ukraine-Affäre. Alle haben gelacht, als ich sie das fragte. Der Vergleich mit Nixon sei idiotisch. Nixon hatte ein Rechtsbewusstsein, auch in dem Moment, als er das Recht brach. Sein Rücktritt war eine Folge des Bewusstseins, dass die Demokratie durch Gesetze funktioniert und die Amerikaner ihre Gesetze akzeptierten.


Ihr Buch trägt den Titel „Diese Wahrheiten“ und darunter sind politische Gleichheit, naturgegebene Rechte und Volkssouveränität zu verstehen. Gelten die Rechte auch heute noch universell oder nur relativ für uns?

Diese Rechte beruhen auf Ansprüchen, die eine Universalität beanspruchen. Ich habe das als Titel des Buches gewählt, um  an die Ambition des Gedankens zu erinnern. Wir sehen, welche Rolle sie in der Geschichte der Welt gespielt haben, etwa bei der Verkündung der Menschenrechte 1948 durch die Vereinten Nationen. Nun sind wir in eine Phase eingetreten, in der einige sagen, dass es eine Art des Imperialismus sei, diese Universalität der Rechte einzufordern. Doch diese Debatte ist nichts weiter als eine ziemlich verlogene Diskussion.