Kein anderer Dichter vor und nach Dante Alighieri (1265?–1321) wurde durch ein Werk derart ausschweifend und mit einem solchen Einsatz an Gelehrsamkeit nacherzählt, interpretiert, kommentiert, glossiert und ins Reich der Bildkunst übersetzt, wie das philosophische Naturell aus Florenz. Und kein anderer Maler der Renaissance hat Dantes „Göttliche Komödie“ derart dramatisch und doppelsinnig umgesetzt wie Botticelli.

Der im 15. Jahrhundert in Italien erstarkende Humanismus und die Renaissance hatten Dantes Werk zum Teil zwar mit kritischer Ablehnung bedacht, mehr aber noch mit Bewunderung für die vermeintliche Vorwegnahme der Leitvorstellungen des neuen Zeitgeistes. Davon erzählt jetzt eine faszinierende Schau des Berliner Kupferstichkabinetts. Nur eine Etage über jenen Sälen der Gemäldegalerie, in denen seit Wochen die Bildnisse des Florentiners Sandro Botticelli (1445–1510) im Dialog stehen mit modernen Paraphrasen zu dessen weltberühmter „Venus“, etwa von der Hand Warhols, sind jetzt auch Botticellis Grafiken zu sehen.

Für die Briten eine nationale Tragödie

Hinter diesen Blättern versteckt sich eine sensationelle Story, unter Museologen auch der „Botticelli-Coup“ genannt: Vor 130 Jahren nämlich gelang für Berlin der millionenschwere Ankauf einer Prachthandschrift von Dantes Höllen-Paradies-Reise. Friedrich Lippmann (1838–1903), damals Chef des Kupferstichkabinetts, hatte von einer geplanten Auktion erfahren.

Die sagenhafte Grafik-Sammlung des schottischen Herzogs von Hamilton mit Botticellis Blättern zur „La Divina commedia“ sollte 1882 unter den Hammer kommen: Der Herr brauchte dringend Geld, sein exzessiver Lebensstil hatte ihn in arge Bedrängnis gebracht. Lippmanns Geschick ist es zu verdanken, dass er kurz vor der Versteigerung nicht nur das begehrte Exemplar von Dantes Drama mit 88 Botticelli-Blättern – heute unbezahlbare und in der Museumswelt beneidete Eckpfeiler der Bestände des Kupferstichkabinetts – und weitere 700 kostbare Handschriften und Buchkunst-Originale aus der Herzoglichen Bibliothek erwerben konnte.

Dem schottischen Adligen verschaffte der Berliner Ankauf nicht bloß den Geldsegen von anderthalb Millionen Mark, sondern auch moralische Erleichterung. Denn auf diese Weise blieb die von Hamiltons Vorvätern ererbte Sammlung komplett zusammen. Lippmann beschaffte damals die immense Summe unter Ausschöpfung aller Reserven – im Etat, mit Spenden und mithilfe eines kaiserlichen Dispositionsfonds. Die britische Öffentlichkeit allerdings empfand damals den Verkauf nach Berlin als nationale Tragödie.

Unvergleichlicher Scharfsinn und künstlerische Freiheit

Selbst Queen Victoria hatte noch versucht, die Botticelli-Zeichnungen auf der Insel zu halten – derweil ihr Schwiegersohn, der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, den Coup für Berlin finanzierte. Die delikate Angelegenheit hatte viel Rückenwind: In Berlin befand sich zu jener Zeit die Begeisterung für Botticelli auf dem Höhepunkt, der Preis der Gemälde war ins Unermessliche gestiegen und Lippmann schrieb aus London an Wilhelm von Bode, den späteren Generaldirektor der Königlichen Museen zu Berlin: „Der Dante ist doch über alle Maßen herrlich!“

Ja, sie ist umwerfend, diese kolorierte Darstellung von Vergil und Dante im achten Kreis der Hölle/1. und 2. Bolgia: Bestrafung der Kuppler und Verführer, der Schmeichler und Huren.“ Botticellis hoch empfindliche, daher nur selten ans Licht geholte Zeichnungen sind natürlich nur unter Klimarahmen zu sehen. Und derart akribisch geschützt werden auch bibliophile Kleinodien, etwa Pracht-Handschriften aus der Hamilton-Kollektion. Da steht man etwa vor Manuskripten wie der lateinischen „Hamilton Bibel“, die schon Raffael (1483–1520) auf seinem Bildnis von Papst Leo X. ins Bild gesetzt hatte. Diese in roten Samt eingebundene Heilige Schrift hat 497 Pergament-Blätter mit Miniaturen und ganzseitigen Tableaus.

Das Magnetischste aber sind Botticellis Blätter zur „Göttlichen Komödie“, dieser dramatischen, tief- und doppelsinnigen Reise durchs Inferno, zum Läuterungsberg (Purgatorio), bis ins Paradies. Botticelli zeichnete die Hölle und das Paradies in Schichten, unterteilte die Kontrastbereiche in jeweils neun konzentrische Kreise, in denen die „toten Seelen“ nach Sündigkeit oder aber Heiligkeit unterschieden werden. Und was einen heute so hingerissen auf die Blätter blicken lässt, sind der Scharfsinn und die künstlerische Freiheit, mit denen sich der Zeichner Botticelli in die „Commedia“ hineinversetzte, sich von Dante ermutigen ließ, derart eigensinnig die biblischen Heilswahrheiten zu interpretieren.

Kupferstichkabinett, Kulturforum, Matthäikirchplatz . Bis 24. Januar , Di–Fr 10–18/Sa+So 11–18 Uhr.