Zwei Seiten aus dem 1491 in Nürnberg erschienenen Band „Schatzbehalter der wahren Reichtümer des Heils“, nachgedruckt im Kompendium zur Geschichte der Infografik.     
Foto: Aus dem besprochenen Band 

BerlinWer schon vor zwanzig Jahren Zeitungen las, der erinnert sich daran, dass es damals so gut wie keine Tabellen zu betrachten gab. Ein paar Mal im Jahr gab es Infografik: Bundeshaushalt, Tarifabschlüsse, Ländervergleich. Alles im Wirtschaftsteil. Das hat sich gewaltig geändert. Seit Powerpointpräsentationen mit ihren Charts die Konferenzen beherrschen, grassiert die Vorstellung, mit einer Abbildung ließe sich leichter als mit diesem Satz erkennen, dass das chinesische Wirtschaftswachstum mit 6,2 Prozent gegenüber den drei ersten Quartalen 2018 zwar deutlich über den 0,5 Prozent der deutschen Wirtschaft, aber doch so niedrig liegt wie zuletzt vor 28 Jahren.

Ein Bild sagt mehr als 1 000 Worte, heißt es. Für die Infografik gilt das nicht. Sie vermittelt keinen Eindruck, sie korreliert Zahlen. Die müssen genau entziffert und verstanden werden. Der Vorteil der Infografik liegt gerade nicht in dem, wofür sie gepriesen wird, also nicht im schnellen Überblick, sondern in der Zeit, die wir aufwenden, um uns darüber klar zu werden, was sie uns sagen möchte. Die Infografik ist ein Mittel zur Entschleunigung des Lesevorgangs. Wir betrachten ein Bild und studieren die Bildbeschreibung. Eine Infografik ohne Gebrauchsanweisung ist keine.

Das Prächtigste zum Thema

Sandra Rendgen und Julius Wiedemann haben eine „History of Information Graphics“ vorgelegt, die das Prächtigste ist, was mir zum Thema je vor Augen kam. Stören Sie sich nicht am englischen Titel. Alle Texte des Buches sind auf Deutsch, Englisch und Französisch zu lesen.

„Linie, Farbe, Flächen, Zeichen – 1200 Jahre visueller Wissenstransfer“ ist der Titel des einleitenden Textes von Sandra Rendgen. Das ist eine verengte Darstellung der Geschichte der Informationsgrafik. Darauf weist die Autorin gleich zu Beginn ihres Essays hin: „... die Praxis, Informationen visuell zu codieren und zu speichern, um mit ihnen zu arbeiten und sie weiterzureichen, ist uralt.“ Auf das wohl erfolgreichste infografische Verfahren der Menschheitsgeschichte wird in dem Band nicht hingewiesen: die Schrift.

Schon vor den ersten Protoschriften wurden Informationen visuell codiert, gespeichert und weitergegeben. Aber wir tun uns schwer, die Zeichen zu entziffern. Wir bewegen uns da in einer Welt, in der Kunst und Infografik nicht zu trennen sind. Man darf auch nicht davon ausgehen, dass die Adressaten immer nur Menschen waren. Die Nasca-Linien in Peru zum Beispiel richteten sich wohl an Götter und Geister.

Der Band beschäftigt sich also mit einem winzigen Ausschnitt aus der Geschichte der – europäischen – Infografik. Den bietet er aber in einer überwältigenden Opulenz. Landkarten und Genealogien sind die bekanntesten „Infografiken“ des Mittelalters. Dazu kommen auch Kalender, die Bewegungen der Himmelskörper und die Hierarchien der Schöpfung. Eine gute Infografik hat kein Geheimnis. Alles liegt offen zu Tage. Das macht sie oft langweilig. Eine mit großem intellektuellen und künstlerischen Aufwand hergestellte Langeweile. In glücklichen Fällen kippt dieser Verzicht auf die Arbeit des Zufalls, diese konzentrierte Beschränkung aufs Intendierte, ins Komische um.

Erste Wetterkarte der Zeitungsgeschichte

Zum Beispiel die Zeichnung des amerikanischen Industriedesigners Henry Dreyfuss (1904–1972) aus dem Jahr 1955, die für ergonomische Zwecke „die menschlichen Körperproportionen und Reichweiten“ zeigt. Es handelt sich bei der abgebildeten Figur um „Joe, den erwachsenen amerikanischen Durchschnittsmann“. Arm-, Kopf-, Bein- und Fußlänge, Schulterbreite, Brustumfang – alles erfasst. Nur einen Penis hat dieser amerikanische Durchschnittsmann nicht. Die Vermehrung des Menschengeschlechts lag offensichtlich außerhalb seiner Reichweite.

Der Band zeigt auch „die erste Karte, auf der proportionale und segmentierte Kreisdiagramme zu sehen sind. Sie unterscheiden die Menge und die Fleischsorten auf dem Pariser Markt nach Herkunftsregion.“ Dieses erste Kreisdiagramm stammt aus dem Jahr 1858 und von Charles-Joseph Minard (1781–1870). Er arbeitete als Bauingenieur an Damm-, Kanal- und Brückenprojekten in ganz Europa, bevor er zum Inspektor des Corps des Ponts et Chaussées wurde.

Sein berühmtester Beitrag zur Geschichte der Infografik zeigt die Verluste der napoleonischen Armee auf ihrem Russlandfeldzug. Der amerikanische Informationswissenschaftler und Grafikdesigner Edward Tufte, geboren 1942 in Kansas City, hat die 1869 entstandene Arbeit Minards als „vermutlich beste Infografik aller Zeiten“ bezeichnet. Dem Laien erschließt sich diese Einschätzung nicht. Zumal Minard neben der Wegstrecke und der jeweiligen Größe der Truppenverbände nur noch die Temperatur aufzeichnet.

Dem britischen Eugeniker Francis Galton (1822–1911), einem Cousin von Charles Darwin, begegnet man in diesem Band als dem Erfinder der ersten Wetterkarte. In seinem Buch „Meteorographica“ legte er 1863 erstmals systematisch gesammelte Wetterdaten vor, die die Korrelation von Luftdruck und Wind analysierten. Am 1. April 1875 erschien in der Times die erste Wetterkarte der Zeitungsgeschichte. Sie zeigte freilich noch das Wetter des Vortages.

„Schatzbehalter“- Ein Teamarbeit

Ein sehr schöner handkolorierter Druck aus dem 1491 in Nürnberg erschienenen Band „Schatzbehalter der wahren Reichtümer des Heils“ zeigt, wie die Infografik die Mnemotechniken nutzt. Der Franziskaner Stephan Fridolin (1430–1498) und die Maler Wilhelm Pleydenwurff (1460–1494) und Michael Wolgemut (1434–1519), der Lehrer Albrecht Dürers war, hatten sich zusammengetan, um mit dem „Schatzbehalter“ eines der schönsten Werke des frühen Buchdrucks zu schaffen.

In unserer Geschichte der Infografik sind zwei Seiten daraus abgedruckt. Eine linke und eine rechte Hand. Der Daumen links zeigt oben den gemarterten Jesus und unten eine trauernde Maria. Auf den Gliedern der restlichen vier Finger der linken Hand sind die zwölf Jünger zu sehen. Auf dem obersten Glied des Ringfingers ist Judas zu sehen. Es handelt sich nicht um Judas Ischariot, dessen Verrat zum Tode Christi führte, sondern um Judas Thaddäus, der im Johannesevangelium Jesus fragt, warum er seine Abschiedsrede nur den Jüngern und nicht der Welt hält.

Pleydenwurff und Wolgemut haben auch die Schedel’sche Weltchronik mit 1809 Holzschnitten illustriert. Erschienen ist der prächtige Band 1493 beim Drucker Anton Koberger, der auch schon den „Schatzbehalter“ gedruckt hatte. Man sieht hier gut, dass die Infografik von Anfang an Teamarbeit ist. Autor und Grafiker müssen eng zusammenwirken, damit die Information ihre richtige Gestalt bekommt. Die verschiedensten Vorlagen werden genutzt und eingesetzt, ja fast könnte man sagen, einmontiert. Das macht bis heute den Reiz der Infografik aus.

Auch Joseph Beuys (1921–1986) hat sich in Infografik versucht. Das Buch druckt eine Seite einer Plastik(!)tüte ab, die er 1971 drucken ließ. Ein Diagramm stellt die in Grün gehaltene „Demokratie“ dem roten „Parteienstaat“ gegenüber. Vor ein paar Jahren wurde eines der 10.000 Exemplare für 516 Euro versteigert.

Von Detail zu Detail

Den Redakteur einer Tageszeitung und womöglich auch deren Leser interessiert natürlich der Abschnitt über „Die vergessenen Anfänge der Presse-Infografik“ besonders. Das Kapitel stammt von Scott Klein, dem Chef eines Teams bei ProPublica, das mit der Entwicklung von Software zur Herstellung von Infografiken beschäftigt ist. Er weist auf ein Diagramm der Baumwollpreise in der Bombay Times aus dem Jahr 1842 hin: „Es ist die früheste Darstellung dieser Art, die ich je in einer Zeitung gefunden habe.“

Scott Klein schreibt, dass auch die Infografik – anders als ich oben schrieb – klüger sein kann als ihre Produzenten: „Das bemerkenswerte Liniendiagramm einer Choleraepidemie aus dem Jahr 1849, veröffentlicht in der New York Tribune, zeigt vielleicht unwissentlich einen Zusammenhang zwischen dem warmen Wetter und dem Fortschreiten der Krankheit, lange bevor wir ihre Ursache verstanden haben – und, wohlgemerkt, bevor wir überhaupt die statistische Korrelation verstanden haben.“

Visualisierende Verfahren sind ja nicht nur Modi, in denen das Erforschte dargestellt wird, sie sind längst Modi der Forschung selbst – nicht erst in den letzten Jahren. Sie waren es wohl schon für Leonardo und Dürer gewesen. Doch zurück zu dem letzten Kapitel des Buches, zur Infografik in der Tagespresse. Optisch ist das ein peinlicher Niedergang. Es herrscht die düstere Welt des Schwarz/Weiß und die feste Entschlossenheit, ja nicht zu fein zu zeichnen, nicht zu sehr zu differenzieren. Dafür waren das Papier und die Drucktechniken der Tageszeitungen des 19. Jahrhunderts nicht geschaffen. Also viele Tabellen. Aber das Publikum liebte es, das Beschriebene zu sehen.

Ein klassisches Stück frauenfeindlichen Humors

Bei manchen Abbildungen geht es dem heutigen Betrachter noch genauso. Zum Beispiel ein Diagramm aus der Chicago Tribune vom 16. September 1900. Es zeigt, welche Waffen von Frauen besonders gern genutzt werden. Am größten sind die abgebildet, die am häufigsten in Einsatz kommen. Man erfährt nichts über den Hintergrund der Illustration. Es kann sich nicht um eine Statistik der weiblichen Mordwaffen handeln, denn Gift kommt überhaupt nicht vor. Am allergrößten ist der Besen, dicht gefolgt vom Messer, danach kommen u.a. Teigrolle, Teller, Haarnadel, Revolver, Schirme und, schon sehr, sehr klein, Bücher und Kartoffelstampfer. Es handelt sich wohl eher um ein klassisches Stück frauenfeindlichen Humors, wie wir ihn aus den Slapsticks der Zeit kennen. Die Statistik soll der Sache den ernsten Anstrich geben, der sie erst komisch macht.

Die ironische Verwendung des vorgeblich objektiven Verfahrens der Infografik ist natürlich ein besonderes Highlight des Bandes. Es fällt schwer, ihn aus der Hand zu legen. Nein, das ist Unsinn. Er ist so schwer, dass man ihn kaum in die Hand nehmen kann. Ich lese ihn im Büro auf einem freien Schreibtisch. Ich lese ihn googelnd. Ich muss dauernd nachschlagen und Dinge vertiefen. So viel hätte in Zeiten, da es noch kein Internet gab, kein Buch bieten können. Das hätte eine Bibliothek nötig gemacht. Doch ich habe zwei glückliche Tage verbracht.

Sandra Rendgen, Julius Wiedemann: History of Information Graphics


Taschen, Köln 2019: Deutsch, englisch, französisch
462 S., über 400 Diagramme, Karten und Zeichnungen, 50 Euro.