Dreadlocks, bestimmte Tattoos oder Kleider: Wenn weiße Menschen sich mit Symbolen historisch unterdrückter Gruppen, zum Beispiel afrikanischer Kulturen schmücken, gilt das als kulturelle Aneignung. Eine, die sich mit dem Verhältnis der Kontinente schon lange beschäftigt, ist die Historikerin Olivette Otele. Sie lehrt Geschichte der Sklaverei an der Universität Bristol. Ihr Buch „Afrikanische Europäer“ hat in Großbritannien für Furore gesorgt. In Deutschland wurde sie damit kürzlich zu einem Kongress eingeladen. Das gab die Gelegenheit, sie in Berlin zu treffen.

Frau Otele, Sie haben ein ganzes Buch darüber geschrieben – aber wenn Sie in drei Sätzen erklären sollten, was afrikanische Europäer sind, was sagen Sie da?

Oh, das ist eine Herausforderung, nicht nur für mich als Wissenschaftlerin. Also: Sie kennen den Begriff „Afroamerikaner“, dann nehmen Sie den einmal auseinander als afrikanische Amerikaner, was etwas anderes ist. Und so kommen wir zu den afrikanischen Europäern. Gut so?

In der Einführung schreiben Sie, der Begriff könnte als Provokation verstanden werden. Warum?

Weil ich nicht „Afropäer:innen“ schreibe. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Um auf die Afroamerikaner:innen zurückzukommen: Hinter diesem Begriff steckt ein historisches Gewicht. Die Kämpfe, der Widerstand, das Überleben. Ich spiele damit. Europa und Afrika werden heutzutage als getrennte Einheiten gedacht, mit festen Grenzen. Aber das war nicht immer so. Im Buch geht es um Begegnungen verschiedener Bevölkerungen, die in Räumen leben, die früher wandelbarer waren, als wir denken.

Die Grenzen sind heute fester?

Wir sprechen ja nicht ohne Grund von der „Festung Europa“.

Und das ist eine jüngere Entwicklung?

Wir haben diese Verschiebung seit dem 18. Jahrhundert. Mit der Versklavung, der europäischen kolonialen Eroberung. Europäer:innen reisten um den Globus, um Wohlstand und Reichtum zu finden, gleichzeitig haben sie Schwarze und Braune Körper in Europa komplett reguliert. Haben entschieden, wem es gestattet ist, einzureisen, und wem nicht.

Und, waren Leute provoziert von dem Begriff „Afrikanische Europäer“?

Ja. Die meisten Europäer:innen afrikanischer Herkunft identifizieren sich damit nicht, so sehen sie sich nicht. Das ist natürlich okay. Ich will niemandem eine Definition überstülpen. Aber ich will eine anbieten, die für mich funktioniert.

Weil Sie in Kamerun geboren und in Frankreich aufgewachsen sind?

Ich sehe mich sowohl als afrikanisch als auch als europäisch. Ich bin mit der Idee eines starken Europas aufgewachsen. Deshalb sehe ich mich als eine französische, europäische Person. Aber dass ich Europäerin bin, wird mir von der Mehrheitsgesellschaft in Europa oft verwehrt. Weil sie denkt, ich kann doch nicht europäisch sein. Nicht „ursprünglich“ europäisch.

Wie zeigt sich das?

In Frankreich sagt man, du bist französisch mit dieser oder jener Herkunft. Was in den Köpfen vieler Menschen heißt: Du bist französisch zweiter Klasse. Nicht wirklich französisch. Naja, das ist Rassismus. Aber ich erhebe einen Anspruch auf beide Identitäten.

Der Untertitel Ihres Buches heißt: „Eine unerzählte Geschichte“. In den vergangenen Jahren sind einige Bücher zum Thema Schwarze Geschichte und Antirassismus veröffentlicht worden. Was fehlte Ihrer Meinung nach?

Blicken wir zum Beispiel nach Italien. Alessandro de’ Medici war ein afrikanischer Europäer. In Italien wissen die Leute das. In Frankreich nicht, in Großbritannien nicht. So ist es bei vielen historischen Figuren, von denen nur wenigen bekannt ist, dass sie auch Afrikaner:innen waren. Deshalb sind deren Geschichten erzählt und zugleich nicht erzählt.

Viele der Geschichten sind die von einzelnen, manchmal berühmten Personen. Warum stellen Sie den gern verwendeten Begriff „Einzigartigkeit“ in Frage?

Das kommt von einer persönlichen Erfahrung. Im Jahr 2018 wurde ich in Großbritannien die erste Schwarze Frau, die eine Geschichtsprofessur innehatte. Ich war geschockt von der Tatsache, dass ich als Ausnahme galt. Ich war diese außergewöhnliche Person, die dadurch aber als von ihrer Gemeinschaft getrennt betrachtet wurde, die in der Vergangenheit sehr hart gearbeitet hatte. Ich wurde bestimmt, und es wurde gesagt, du bist gut, aber das hieß, ich war nicht repräsentativ für meine Community. Das finde ich sehr schmerzhaft.

Benjamin Pritzkuleit
Zur Person

Olivette Otele, geboren 1970 in Yaoundé, Kamerun, wuchs in Frankreich auf. Heute lehrt sie an der Universität Bristol, Großbritannien Geschichte der Sklaverei und ist seit 2018 die erste Schwarze Geschichtsprofessorin des Vereinigten Königreiches. Im selben Jahr nahm der britische Sender BBC sie in die Liste der 100 erfolgreichsten Frauen auf. Ihr Buch „Afrikanische Europäer“ erschien in diesem Jahr in der deutschen Übersetzung.

Welche Community hat Ihr Leben beeinflusst?

Zuallererst meine unglaubliche Großmutter, eine Geschichtenerzählerin und Feministin. Sie war gebürtige Afrikanerin. Für mein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit war sie sehr prägend. Aber sie und ihr Leben waren unter anderem ein Ergebnis deutscher Kolonisierung. Sie erklärte mir, dass wir als Menschen auch das Produkt traumatischer Erfahrungen sind, und dass es darauf ankommt, was wir aus unseren Traumata machen.

Was heißt das für Sie?

Dieses Buch zu schreiben! Ich will zeigen, dass 20 Jahrhunderte Schwarzer Geschichte sich nicht nur um Sklaverei drehen. Daran sieht man, wie sich der Blick auf Menschen afrikanischer Herkunft veränderte. Es war nicht rosig im 15. und 16. Jahrhundert, aber man sieht eine starke Veränderung in der Erzählung über Menschen afrikanischer Herkunft, ab der Zeit, in der sie versklavt und kolonisiert wurden. Die koloniale Sklaverei hat die Perspektive auf alle außer-europäischen Bevölkerungen geändert.

Blicken wir noch immer so auf die Welt?

Wir haben diesen Blick aus dem 20. Jahrhundert geerbt. Der auf Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus basiert. Die jüngeren Generationen akzeptieren das aber nicht mehr. Ich denke an meine Student:innen. Die kämpfen heftig dagegen an.

Im Buch schreiben Sie, gerade Millennials kämpfen gegen einen Rassismus an, ohne von den Erfahrungen ihrer Vorfahren Gebrauch zu machen. Welche Folge hat das für sie?

Manchmal denke ich, sie wiederholen die Fehler. Während sie für soziale Gerechtigkeit auf die Straße gehen und protestieren, gehen manche nicht wählen. Auch wenn manchmal zwischen den Kandidat:innen kaum Unterschiede bestehen – wenn man die eigene Stimme nicht nutzt, heißt das, dass die Leute, gegen die man ankämpft, die Entscheidungen für einen treffen werden. Manche Proteste sind außerdem ausschließend. Gerade bei Demonstrationen sollten wir jedoch niemanden auszuschließen. Und Schwarze und weiße Bevölkerungsteile nicht nur trennen.

Es kommt vor, dass marginalisierte Gruppen bewusst eigene Räume beanspruchen. In Deutschland kam in den vergangenen Jahren dann oft unter dem Stichwort Identitätspolitik der Vorwurf, diese Gruppen würden sich abschotten.

Bis hierhin waren es ja die Mehrheitsgesellschaften, die Ausschlüsse praktiziert haben. Sie haben für Jahrhunderte ausgeschlossen. Den Nerv zu haben, wenn Minderheitengruppen sich sichere Räume wünschen, wirklich – den Nerv zu haben zu sagen, das wäre ausschließend, ist Heuchelei. Es ist die falsche Debatte.

Was ist falsch?

Wir konzentrieren uns auf Gruppen von Menschen, die jahrhundertelang die Macht hatten, und die sich jetzt als Opfer fühlen? Weil andere Gruppen auftauchen, ihre Stimmen erheben? Ich habe da kein Mitleid.

Millennials wird nachgesagt, sie seien nicht nur bezüglich der Kategorie race, sondern auch Geschlecht viel bewusster als vor 50 Jahren...

Ach, ich weiß nicht. Was ich in meinem Buch ja zeige, ist, dass es schon immer starke, weibliche Stimmen gab. Im 20. Jahrhundert etwa die Nadal-Schwestern. Ich will, dass Leute verstehen, dass wir da, wo wir heute stehen, auch auf den Schultern dieser Frauen stehen. Ich sage jetzt Frauen, aber eigentlich geht es mir um LGBTIQ. Der Kampf muss inklusiv sein. Marginalisierte vereinen sich heute besser in den Kämpfen um Gleichberechtigung.

Im Buch unterscheiden Sie zwischen „Rassialismus“ und „Rassismus“.

Rassialismus heißt, dass es Unterschiede zwischen Mitgliedern einer Gesellschaft gibt. Rassismus ist, wenn man zwischen diesen Unterschieden eine Hierarchie einbaut. Manche sagen, sobald man Unterschiede macht, macht man schon Hierarchien. So ist das in Frankreich. Dort sagt man, race existiert nicht – und es ist ja wirklich keine wissenschaftliche Kategorie. Sie ist ein soziales Konstrukt, wir Menschen haben die Hierarchien geschaffen. Im Alltag machen die Menschen aber die Erfahrungen von Unterscheidung. Also existiert race doch. Für Betroffene ist es wahr.

Kritisieren Sie deshalb den Begriff „Farbenblindheit“?

In Frankreich sind wir vermeintlich alle gleich, als profitierten alle von dem Wohlwollen und der Güte der Republik. In Wahrheit ist das nicht der Fall. Rassismus betrifft die Gesundheit von Menschen, treibt sie in Armut wegen etwas, für das sie nicht verantwortlich sind, wie die Farbe ihrer Haut.

Es gab auch in Deutschland die Debatte um den Begriff „Rasse“, ob er im Grundgesetz stehen sollte, oder ob schon die Verwendung diskriminierend sei. Sollten wir diese Kategorie streichen?

Die Idee, Rassismus würde verschwinden, weil man den Begriff entfernt, ist naiv. Ich glaube, man braucht stärkeren Opferschutz, das Gesetz muss härter durchgreifen beim gesellschaftlichen, beim realen Rassismus. Und wir brauchen leider einen Begriff, der die Diskriminierung ausdrückt, die auf der „Ethnizität“ einer Person basiert. Wir müssen die Diskriminierung benennen können.

Die Geschichte afrikanischer Europäer:innen ist auch eine Geschichte von Migration. Was wird erwartet, als Bedingung, in eine Gesellschaft aufgenommen zu werden?

In Frankreich und Deutschland soll man vergessen, wer man vorher war. Deine Kinder sollen das auch vergessen. In anderen Worten: Du musst einen Teil deiner Identität leugnen, um dich an die Mehrheit anzupassen. Aber sie wird dich sowieso nie als Teil ihrer Gesellschaft anerkennen. Sie werden immer wissen, dass du andere Identitäten hast. Es ist also ein unlösbarer Widerspruch, der dir auferlegt wird.

Sie schreiben im Zusammenhang von Widerstand auch über Schönheitsnormen. Was meinen Sie damit?

Körper, besonders von Frauen, sind Orte, an denen sie sich ausdrücken können. Und auch, wenn jemand sich nicht ausdrücken kann, ist der Körper ein Ort der Unterdrückung, und damit auch ein Ort des Widerstandes. Er spiegelt alles, was wir tun. Wir fühlen Schmerzen in unseren Körpern. Unsere mentale Gesundheit ist davon beeinflusst. Wie wir aussehen, ist ein Symbol.

Apropos Aussehen. In Deutschland gibt es eine Debatte um „kulturelle Aneignung“. Kürzlich wurde eine weiße Musikerin wegen ihrer Dreadlocks von einem Konzert ausgeladen.

Ich habe verschiedene Meinungen dazu. Es gibt diese weißen Frauen, die Cornrows tragen, so der Typ „Charlies Angel“, sie tragen es als Schmuck, für ein Event, und alle denken, wie schön sie sind. Aber wenn Schwarze Frauen diese Frisuren vorher trugen, hieß es, sie waren zu „ethnisch“, zu speziell. Diese Heuchelei finde ich eklatant. Aber wenn eine weiße Musikerin Dreadlocks trägt, wüsste ich zunächst gern, wo diese Person steht, bevor ich sie ausschließen würde. Vielleicht ist es ein Statement. Wenn jemand Dreadlocks für zehn Jahre trägt – das ist harte Arbeit.

Sie würden dort also eine Grenze ziehen?

Jemand, der sich berufen fühlt, für nur einen Tag ein afrikanisches Kleid zu tragen, um hübsch zu sein, dem will ich sagen, es ist tiefer als das. Oft bedeutet der Stoff einer bestimmten Gruppe etwas. Aber ich würde niemals Leute ausschließen, weil sie Dreadlocks tragen. Es ist ein lehrreicher Moment. Es ist der Moment, in dem man ins Gespräch kommt.

Sie schreiben, Rassismus lässt sich durch Bildung, aber auch durch Begegnung überwinden. Wie können Gesellschaften denn ins Gespräch kommen, um die Traumata der Kolonialzeit und Sklaverei zu überwinden – die, die unterdrückt wurden und die, die Nachkommen der Unterdrücker:innen sind? Und auch die, bei denen es gar nicht so klar ist?

Wir drücken uns vor einer harten Diskussion um wiederherstellende Gerechtigkeit. Es geht nicht nur darum, Geldbeträge zu übergeben oder gestohlene Kunstwerke zurückzubringen. Es geht darum, Schäden zu reparieren, mental, wirtschaftlich, auf der Ebene von Geschlecht, und so weiter. Wenn du heute nicht weiß, männlich, oder in der Oberschicht bist, ist das Leben definitiv ein bisschen schwieriger für dich. Also wenn wir über race reden, müssen wir auch über Geschlecht reden. Und über Klassen. Zuallererst müssen wir die Schäden anerkennen. Deshalb müssen wir diese Geschichten erzählen. Das nicht zu tun, wäre nur ein Aufschub.

Olivette Otele: Afrikanische Europäer. Eine unerzählte Geschichte. Sachbuch. Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Wagenbach, Berlin 2022. 304 Seiten, 28 Euro