„Das ist ge-gemaiiiin / gemaaaain / geheheheeemain!“ singt Vegard Vinge. Vinge ist Hamlet. Und eigentlich singt er nicht, er quiekt nach allen Regeln der Entenhausener Koloraturkunst. Ja, wir kennen den Prinzen: Er ist verzweifelt, weil er seinen Vater wieder haben will. Doch kennen wir ihn so nun auch wieder nicht.

Die böse Mutter scheint etwas zu tun zu haben mit Vaters Verschwinden, aber ob so oder so, sie will den Jungen mit ihrer beängstigenden Mutterliebe einfach nur für sich. Und das schon seit zehn Stunden. Sie streichelte ihn, puderte seinen Hintern, fütterte und wusch ihn, misshandelte ihn aber ebenso innig und ertränkte ihn schließlich. Wohingegen Hamlet sie mehrmals blutreich erdolchte und noch blutiger und öfter erschoss. Es hat nichts genutzt, beide sind nicht tot zu kriegen.

Raus aus dem Theater

Mittlerweile ist es halb fünf Uhr morgens im „Nationaltheater Reinickendorf“ und trotz Hamlets endloser „geeeemaiiin!“-Arie, die einem mit jeder Wiederholungsschleife die Glieder noch etwas schwerer macht, schüttle ich irgendwann ruckartig die Schlinge ab und lasse den kleinen Schreihals und seine eingefrorene Zombie-Familie doch allein.

Und Ach! Wie herrlich ist es nach zehn Stunden aus dem Theater zu treten: Wie leicht hier draußen auf einmal alles ist! Zwar sind die Ohren noch fast taub, knirschen die Refrains derer von Dänemark und Norwegen noch im Kopf, donnern die Zentnerschritte des „Baumeister Solness“ noch durch Mark und Bein, aber alles hier draußen bewirkt nun, dass man geradezu beschwingt in den Tag geht.

Alles bleibt ungelöst

Eigentlich ein seltsamer Effekt, denn das Drama, das man soeben im Theater hinter sich gelassen hat – genauer die vielen Dramen darin – bleiben ganz und gar unfertig, ungelöst zurück. Und doch auch wieder nicht. Denn was sich derzeit in dem wunderlichen, unglaublich verschachtelten „Nationaltheater“ abspielt, das Vegard Vinge und Ida Müller in die ehemalige Munitionsfabrik am Eichborndamm gebaut haben, ist im Grunde immer schon zu Ende und abgespielt.

Die Klassiker von Ibsen und Shakespeare, um die dort eine Welt auf Zeit entsteht, sind hundertfach ausgeschlachtet. Und trotzdem müssen sie in immer neue, unendlichschlechte, ausgezeichnete Kunstformen gezwängt werden – des Geschäfts wegen, aus Sadismus, Masochismus. Genau davon erzählt Vinges Welt: Macht, Familie, Geschäft und ihre Abhängigkeiten.

Monstermutter Gertrud

Nun also Hamlet. Peitschte am Premierenabend Ibsens „Baumeister Solness“ das Szenengemenge an, wird am zweiten Tag das traurige Leben des kleinen „Psycho-Prinzen“ zentral. Dafür schneidet die Monstermutter Gertrud, die als Putzfrau und Königin das Handfeste nicht scheut, erst einmal unter Zetern und Mordio den Kleinen mit Küchenmesser aus ihrem Uterus.

Dann tappt der Junge mit Krönchen, schwarzem Umhang und Strumpfhose durch die Intrigen vermauerte Burgkulisse in die Prinzenrolle nach Helsingör, wo an die fünfzig Delinquenten unter die Guillotine kommen, während ein Plastikvorhang das Publikum vor roten Flecken schützt. Schließlich kauert sich der einsame Computerboy H. auch aufs Jungendzimmerbett und weint eine große Weile unter den Kunstpostern unserer Marken-Welt.

Vater Hitler fällt einen Wald

Gezeigt wird „Psycho-Hamlet – das Musical“ im Rahmen des Opernfilms „Tosca“ nach Puccini unter der Regie des „Baumeister Solness“ unter Direktion eines anonymen Firmendirektors, der, wie er sagt, alle wichtigen Knöpfe unter seinem Stuhl vereint. Unter drei, vier Handlungsebenen fängt bei Vegard Vinge nichts an, was aber nicht wirklich wichtig ist, denn tatsächlich dröhnt und donnert es auf seiner Angst-Bühne immer unter denselben Folterinstrumenten: Sex und Macht.

Die symbolische Starre ist das Anziehende dieser Bilder bis irgendwann etwas Ungeheures passiert. In dieser Nacht ist das gegen halb drei. Auf der Bühne steht ein bunter Wald, plötzlich stampft ein Mann heran, der aussieht wie Bruno Ganz als Adolf Hitler mit Axt. Eine Stunde zuvor war er schon mal aufgetaucht und hatte dutzende Kisten mit dem Titel „Auftrag“ ins Chaos gestürzt, nun jammert er, dass er „an den Jungen zzzzzweilfele“ und fällt dazu Stamm für Stamm. Plötzlich erscheint Hamlet und ruft: „VVVVaaaaterrrrr! Du solltest wirrrrklich nach Hause kommen!“ Hitler horcht auf, schlägt noch den Wald kurz und klein und kommt.