Ausschnitt: Spitzwegs Ironie anno 1857 : Die Göttin der Gerechtigkeit ist lädiert. Eine Waagschale fehlt, der Stein bröselt, die Augenbinde sitzt locker.
Abbildung: Neumeister/Christian Mitko

Berlin-Kann sein, dass Hitlers Kunstschergen nicht so genau hingeguckt haben. Auch der Diktator, der das Gemälde unbedingt für sein Linzer „Führermuseum“ haben wollte, muss Tomaten auf den Augen gehabt haben: Ein Bild, dass die staatlichen Zustände kritisiert, das offensichtlich die Zensur reaktionärer Politiker provoziert. Dass Carl Spitzweg, der berühmteste Maler des Biedermeier, ein veritabler Spötter der seinerzeit die gesellschaftliche Idylle vorgaukelnden und nach der Revolution 1848 restaurativen   Politik gewesen ist, war ja eigentlich bekannt.

Spitzwegs 1857 gemalte Göttin „Justitia“ – er nannte das Bild von der allegorischen Skulptur zuerst „Scene auf der Straße“ – nämlich ist ein gar lädiertes Symbol der Gerechtigkeit und persifliert das verkommene Justizsystem seiner Zeit. Eine der beiden Waagschalen ist abhanden gekommen, der Sandstein bröselt, hat Löcher. Man entdeckt sogar einen heftigen Bruch, dazu den Wach mann rechts als Zensor. Und die Augenbinde sitzt locker. Diese brüchige Dame der Gerechtigkeit blinzelt darunter hervor und sieht, was los und faul ist im uneinigen, zerfetzten deutschen Bundesstaat, dem Heinrich Heine seine angstvollen „Nachtgedanken“ zuschrieb.

Verkauf in höchster Not

Hitlers Kunstagenten kauften das beredte Bild, das aussieht, als habe Spitzweg es auf alten Mauerputz gemalt, immerhin für 25000 Reichsmark   aus der später arisierten Münchner Galerie Heinemann. Die hatte es wiederum vom Besitzer, dem jüdischen Berliner Tabak-Kaufmann und Kunstsammler Leo Bendel, für nur 16000 Reichsmark gekauft. Der einst Gutsituierte war in größter Not − wegen des Berufsverbots arbeits- und wohnungslos: Er benötigte das Geld für die Flucht nach Wien mit seiner Frau.

Da er einen polnischen Pass hatte, wurde er im annektierten Österreich 1939 als „Ostjude“ verhaftet und ins KZ Buchenwald deportiert, wo er 1940 umkam. Seine Witwe ersuchte 1954 bei den deutschen Behörden um Entschädigung. Der Antrag wurde abgelehnt; sie starb 1957 bitterarm in Wien. Spitzwegs „Justitia“ indes gelangte 1945 aus dem NS-Zentraldepot Altaussee zum Central Collecting Point der Alliierten in München, kam von dort zunächst zum Bayerischen Ministerpräsidenten Hans Ehard und dann 1961 in dem Bonner Amtssitz des Bundespräsidenten Heinrich Lübke.

Acht Bundespräsidenten fragten nicht nach Herkunft

Von da an begleitet das symbolstarke Werk, auch „Das Auge des Gesetzes“ genannt, acht Bundespräsidenten, die nicht nach seiner Herkunft fragten. Bis zu Horst Köhler, denn 2006 stellen die Bendel-Erben Antrag auf Restitution. Köhler ließ das Bild abhängen und stimmte auf Druck der Medien der Rückgabe zu. Aber   erst einmal kam es in die Sammlung des Bundes: Das Prozedere verschleppte sich. Erst im November 2019 erhielten die Bendel-Erben das Bild durch die Treuhandverwaltung zurück.

Diese exemplarische Geschichte war Montag in der Berlinischen Galerie Gegenstand einer aufschlussreichen, von Nicola Kuhn vom Tagesspiegel sachkundig moderierten Podiumsdebatte mit Restitutionsexperten. Es gab keinen leeren Stuhl mehr im Publikum im Roters-Saal und es fielen harte Worte, gerade diesen speziellen Fall, 22 Jahre nach der Washingtoner Erklärung betreffend.

Das Gemälde von der Rückseite mit Provenienzbelegen
Abbildung: Neumeister/Christian Mitko

Provenienzforscherinnen wie Monika Tatzkow, eine Pionierin dieser detektivischen, politisch brisanten Puzzlearbeit und konsequente Verteidigerin der Rechtsansprüche von jüdischen Erben, ebenso ihr Kollege Uwe Hartmann vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste, sprechen gar von „politischem Versagen“. Sie kritisieren zudem die in Deutschland, anders als in den USA oder Österreich, geltende Verjährungsfrist von 30 Jahren für NS-Raubkunst oder verfolgungsbedingt entzogenen Besitz.

Das Bundespräsidialamt habe sich, so der Vorwurf, allzulange bequem einer gewissen Schlussstrichmentalität mit der NS-Zeit bedient. Die Bendel-Erben hätten längst ausfindig gemacht werden können. Schließlich waren die Besitzverhältnisse seit 2006 bekannt. Peter Raue, auf Kunstrecht spezialisierter Berliner Anwalt und erfahren mit Restitutionsfällen, etwa der jüdischen Verleger- und Sammlerfamilie Rudolf Mosse, legt der emotionalisierten Runde die hochkomplizierte Sachlage dar, die bei Restitutionen die Vorlage von Erbscheinen verlangt und den Vorgang   zeitlich fatal dehnt.

Bund hat kein Geld für den Kauf

Als delikate Zugabe zu der ganzen Causa Spitzweg-Bendel erwies sich kürzlich die Reaktion der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), als die Bendel-Erben die „Justitia“ dem Bund zum Kauf anboten. Das Bild könnnte in einer Instanz der deutschen Gerichtsbarkeit Platz finden. „Kein Geld“, lautete die Antwort, und dazu kam der Verweis auf den Föderalismus. Aber geschenkt würde man es gern nehmen. Das sehen die Nachkommen Leo Bendels anders: Am 25. März kommt der Spitzweg im Münchner Auktionshaus Neumeister unter den Hammer: Schätzpreis 500 000 Euro.

Auktionatorin Katrin Stoll, engagierte Aktivistin in Sachen Restitution, damit Vorreiterin im deutschen Kunsthandel, versichert, man wolle den künftigen Besitzer überzeugen, das politisch wie historisch brisante Gemälde der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und jemand im Publikum ketzert hörbar: Als Dauerleihgabe am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe!