BerlinEs gibt einen Satz des Schriftstellers Robert Musil aus dem Jahr 1930, der wie ein Menetekel die grausame Präzision der Nazis vorwegnimmt. In Musils opus magnum „Der Mann ohne Eigenschaften“ spricht ein General über die Gefahren des deutsch-österreichischen Pingeligkeitswahns und kommt zu dem Schluss: „Irgendwie geht Ordnung in das Bedürfnis nach Totschlag über.“

Dieser Satz hallt nach, wenn man die Schau „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów“ in der Gedenkstätte Topographie des Terrors besucht. Die Ausstellung wirft einen Blick auf die Forschungsmethoden des NS-Regimes und widmet sich vor allem den rassentheoretischen Untersuchungen, die die beiden NS-Anthropologinnen Dora Maria Kahlich und Elisabeth Fliethmann 1942 in der südpolnischen Stadt Tarnów durchführten. Das Ziel der Wiener Forscherinnen war, die jüdischen Bürgerinnen der Stadt zu fotografieren und anthropologisch zu vermessen, um die Ergebnisse anschließend für den Ausbau einer größeren Rassentheorie zu nutzen – zur besseren Erkennung und Verfolgung von Juden. 

Die Schachtel mit der Aufschrift „Tarnow Juden 1942”. In dieser Schachtel fanden sich die durchnummerierten Fotos. Sie zeigen jeweils vier verschiedene Porträts von 565 Personen, in stets gleichen und damit vergleichbaren Perspektiven.
Foto: Wolfgang Reichmann, Naturhistorisches Museum Wien

2000 Fotos waren so entstanden, von Jüdinnen und Juden kurz vor ihrer Deportation oder Erschießungen auf dem Marktplatz der Stadt. Zu sehen sind Kinder, Frauen, Männer. Es sind serielle Aufnahmen, die die Menschen von vorn, im Profil oder mit dem Kopf im Nacken zeigen. Viele Jahrzehnte lang verstaubten die Fotos in Wiener Archiven. Erst vor etwa 30 Jahren führte ein Forschungsprojekt der beiden Historiker Götz Aly und Susanne Heim alle Fäden zusammen, sodass Margit Berner, Mitarbeiterin am Naturhistorischen Museum in Wien, die Fotos richtig zuordnen konnte. Die Schau „Der kalte Blick“, kuratiert von Götz Aly (Autor dieser Zeitung), Ulrich Baumann, Margit Berner und Stephanie Bohra ist das Ergebnis dieser Zusammenarbeit und offenbart die erschreckende Präzision, mit der die Nazis ihre Opfer zum Forschungsobjekt degradierten. 

Das Coverbild des Ausstellungskatalogs zeigt die Vermessungsgegenstände der beiden NS-Anthropologinnen und die Fotobox.
Quelle: Topographie des Terrors Berlin

Es geht um Menschenwürde

Die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen hat in Deutschland eine lange Tradition. Diese Erinnerung ist aktuell besonders wichtig, wenn man bedenkt, dass alte Stereotypen, die sich auf „den Flüchtling“, „den Araber“, „den Juden“ beziehen, eine erschreckende Wiedergeburt erfahren. Diese Schau warnt vor Pauschalisierungen und erinnert daran, dass das NS-Regime bei der Durchführung des Holocaust nicht nur im Proletariat, sondern auch im Herzen der deutschen Wissenschaft flammende Unterstützer fand. 

Von den 565 untersuchten jüdischen Männern, Frauen und Kindern von Tarnów haben nur 26 den Holocaust überlebt. 25.000 Juden wurden ermordet. Die Studien der beiden NS-Forscherinnen gehören in den Kontext dieser Vernichtungstaten, denen ein mörderischer Plan vorausging. 1941 verschärfte sich bei den Nazis der Ton, die Idee einer „Endlösung der europäischen Judenfrage“ wurde formuliert. In diesem Kontext entstand auch die Absicht zur fotografischen Erfassung und Beschreibung typischer Rassenmerkmale der sogenannten Ostjuden.

Zusammengetriebene Juden auf dem Tarnówer Marktplatz im Juni 1942. 
Quelle: Belarussisches Nationalarchiv

Die Stärke der Schau zeigt sich in dem Bewusstsein, die von der NS-Forschung zum Objekt degradierten Menschen nicht erneut objektivieren zu wollen. Die Porträtaufnahmen, 1942 sichtbar unter Androhung von Gewalt entstanden, befinden sich im Zentrum des Ausstellungssaals auf dicht gedrängten Stellwänden, so dass der Besucher sich geradezu verrenken muss, um einen Blick auf die Aufnahmen zu erhaschen. Gut sichtbar hingegen sind Videobotschaften oder die privaten Bilder der Opfer, die sie in all ihrer Menschenwürde zeigen. Das Gedenken steht hier im Vordergrund – an zweiter Stelle kommt die Auseinandersetzung mit den Taten. 

Grausame Gewalt

Besonders erschreckend sind die Präzision, der Ordnungswahn und das Tempo, mit dem die deutschen Verbrechen verübt wurden. Bereits am 9. November 1939, gerade mal zwei Monate nach dem Überfall auf Polen, fielen die deutschen Soldaten über jüdische Einrichtungen her. Auch polnische Bürger beteiligten sich an den Plünderungen. In der Vorkriegszeit funktionierte das Zusammenleben zwischen polnischen Christen und Juden noch gut. Die Schau legt nahe, dass nach dem Einfall der Deutschen die Stimmung kippte. Unter den Plündernden waren auch polnische Christen, die das neue Kräfteverhältnis auszunutzen wussten. Der polnische Antisemitismus – auch er gehört zu der Erzählung über den Holocaust.

Die Festgehaltenen leiden Durst. Ein Mann mit Armbinde, der möglicherweise zum jüdischen Ordnungsdienst gehört, schöpft Wasser mit einem Becher aus einem herbeigebrachten Eimer.
Quelle: Belarussisches Nationalarchiv

Dennoch sind Nuancierungen gefragt, die diese Schau beispielhaft vornimmt. Auf einem der Stellwände sind die Bilder der deutschen Verbrecher zu sehen, der Nazi-Generäle und Soldaten, die lachend und feixend ihren Optimismus zur Schau stellen, während auf dem Marktplatz die Juden der Stadt zusammengepfercht werden, um sich auf den Tod vorzubereiten. Die enorme Schuld, sie ist unbeschreiblich. 

Unbeschreiblich ist auch, dass viele der Verantwortlichen nie Reue gezeigt haben. Die Biografie des Fotografen Rudolf Dodenhoff, der die Juden in Tarnów abgelichtet hatte, ist dafür bezeichnend. Nach dem Krieg stieg er zum nachgefragten Fotoporträtisten auf. Sein Schwerpunkt: norddeutsche Moorlandschaften. Eine Strafe ereilte ihn nie. Stattdessen wurde er 2016 in Osterholz-Scharmbeck mit einer Retrospektive gewürdigt.

„Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów“, bis 11. April 2021, Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin.

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