Berlin - Es ist eine starke symbolische Geste. Die 1966 in München geborene Künstlerin und Regisseurin Hito Steyerl hat die Entgegennahme des Bundesverdienstkreuzes, die höchste Auszeichnung, die die Bundesrepublik zu vergeben hat, demonstrativ abgelehnt: in Form eines offenen Briefes. Sie verwahrt sich darin ausdrücklich gegen die staatliche Vereinnahmung unter der Phrase „Kunst ist Lebenselixier für alle“.

Zu bitter, so begründet Steyerl, sei die Erfahrung der letzten 18 Monate gewesen, „dass die Bereiche Bildung und Kultur in der Krise am wenigsten zählen“. Nein, eine Lockdowngegnerin sei sie nicht. „Ich habe anders als einige meiner Kollegen nichts, aber auch gar nichts dagegen, zum solidarischen Schutz meiner Mitmenschen beizutragen.“

Hito Steyerl hadert damit, wie zuletzt Systemrelevanz definiert worden sei, ganz zu schweigen von Kultur. Ihre Stellungnahme ist eine Wutrede gegen die von vielen als dramatischen Affront wahrgenommene Vernachlässigung der Künstlerinnen und Künstler in der Corona-Pandemie.

Die staatlichen Mechanismen laufen weiter

Wer könnte es ihr verdenken, dass sie als eine, die es sich leisten kann, ihre Stimme gegen die erlittenen Zurücksetzungen und Kränkungen der gesamten Branche, in der künstlerische Leistungen erbracht werden, erhebt. Tatsächlich mussten viele Künstler, die nicht selten unter dem aus dem Nazi-Jargon stammenden Begriff Kulturschaffende subsumiert wurden, in den vergangenen eineinhalb Jahren hinnehmen, wie unerbittlich die staatlichen Regulierungsmechanismen trotz der Ausnahmesituation ungerührt weiterliefen. Keineswegs etwa wurden Steuerprüfungen gegen von der Krise betroffene Unternehmen ausgesetzt, viele freiberufliche Künstler jedoch wurden in Ermittlungsverfahren verstrickt, in denen sie unter Betrugsverdacht gestellt wurden, weil sie womöglich unberechtigterweise Coronahilfen bezogen – selbst dann noch, wenn sie diese bereits zurückgezahlt hatten.

Hito Steyerl hat zum großen Rundumschlag ausgeholt. Sie nennt die Eröffnung eines Fake-Schlosses, in dem Raubkunst ausgestellt werde, und sie beklagt die mangelnde Kontrolle von Monopolisten wie Facebook.

Vermutlich würde Hito Steyerl den Einwand von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, mit der Initiative Neustart ein finanziell beachtliches Kulturprogramm aufgelegt zu haben, harsch zurückweisen. Dass die soziale Absicherung auch ein Anliegen von Grütters ist, übersieht Steyerl in ihrem Zorn. Ihr Text ist keine filigrane kulturpolitische Intervention. Übernehmen müssen nun andere.