Am Freitag wird der Rektor der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, Wolfgang Engler, in den Ruhestand verabschiedet und zwar genau ein Jahr zu früh. Denn obwohl er volle zwölf Jahre amtierte, drei mal so lange wie selbst geplant, obwohl er alle Tage für sein großes Ziel – den Umzug der Schule in ein neues Haus – arbeitete, obwohl ihm der Berliner Senat diesen Schritt für 2009 in Aussicht gestellt hatte, ist das Werk nicht vollbracht.

Erst 2018 wird die Schule fertig, wenn nicht noch mal eine Baufirma pleite geht. Dabei trifft Engler keine Schuld, im Gegenteil.

Es handelt sich vielmehr um einen der berüchtigten Berliner Politik- und Bauskandale. Nicht jeder erreicht weltweite Popularität wie das Milliardengrab Flughafen. Aber das Drama Schauspielschule weist im Rückblick auch schönstes Potenzial auf, dazu später noch unvergessene Einzelheiten.

Ein Kulturmanager folgt

Jetzt erst mal zum bevorstehenden Wechsel in der Spitze. Wolfgang Engler, 65, promoviert im Fach Philosophie, Autor viel beachteter soziologischer Sachbücher, lehrte lange an der „Ernst Busch“, bevor er das Rektorat 2005 von dem Theaterhistoriker und Dramaturgen Klaus Völker übernahm. Den beiden folgt nun der Kulturmanager Holger Zebu Kluth, Jahrgang 1962, Geschäftsführer der Hamburger Kammerspiele.

Auf dem Onlineportal Nachtkritik und im Stadtmagazin Tip klang schon besorgt die Frage an, was das nun wieder für ein Signal sei, nach zwei hoch reflektierten Intellektuellen plötzlich einen schulfremden Manager zu berufen, der aus der freien Szene kommt. Will man sich etwa verabschieden von der Lehre des klassischen Theaterspielens?

Hurtige Entscheidungen

Natürlich nicht. Vermutlich will man für den bevorstehenden Umzug der Hochschule vor allem einen ausgewiesenen Manager, einen Menschen hurtiger Entscheidungen. Immerhin soll er eine auf die ganze Stadt verstreute Hochschule mit sechs Sparten zu einem Standort in Berlins Mitte zusammenführen. Da könnte es durchaus zu einem zivilisierten Hauen und Stechen um die besten Plätze kommen, wenn die Verteilung ansteht.

Kluth sagt fröhlich und unbefangen, er habe im Findungsprozess immer zugegeben, nicht zu wissen, wie er die Schule weiterentwickeln könne, dazu müsse er sie erst mal von innen kennenlernen. Aber sie funktioniere ja bereits toll. Kluth: „Zu meiner Überraschung bekam ich die Stelle trotzdem.“

Behutsam moderieren

Spätestens hier wird klar, dass man sich schnell falsche Vorstellungen macht von den Aufgaben des Rektors einer künstlerischen Hochschule. Wolfgang Engler beschreibt sie mit „behutsam moderieren“, nicht etwa mit dem Durchsetzen von Richtungen: „Ein Rektor ist kein Intendant – so interpretiere ich das Amt. Ich mache keine Spielpläne. Wenn ich Leute einstelle, dann nach Vorentscheidungen der Fachgruppen. Wir sind Berlins kleinste Hochschule, hier entscheidet Kollegialität, man muss zuhören und vermitteln. Mir war wichtig, die Dinge so transparent wie möglich zu halten.“

Dafür, dass Engler diese Maxime streng pflegte und dafür, dass er in seiner Hochschule geschätzt und zwei Mal wiedergewählt wurde, hatte er in seiner Amtszeit schwere Störfeuer auszuhalten, zunächst ideologische. Nach seiner Berufung hieß es plötzlich, er habe zu DDR-Zeiten Studenten auf Linie gebracht.

Neue Biermann-Affäre

Im letzten Monat behauptete ein offener Brief, unerträglich im Ton, Engler habe Wolf Biermann „öffentlich gedemütigt und politisch ausgegrenzt“, dem Ruf der Schule und Berlins „geschadet“. Was war denn passiert?

Wolf Biermann, Mitbegründer des Studiotheaters b.a.t., war zunächst nicht zu dessen Wiedereröffnung nach der Renovierung eingeladen, und dann, nach Protesten, nur „schmucklos“.

Wolfgang Engler klingt noch Wochen später irritiert über den Vorgang: „Er war wieder von derselben Mitarbeiterin initiiert, ja, ein Déjà-vu. Beim ersten Mal gab es üble Unterstellungen, die ich ausräumen musste, sehr, sehr unangenehm, gottseidank haben Kollegen das für mich geklärt. Jetzt kamen wieder diese Verleumdungen, von wegen Redeverbot in der Schule! Das ist in der Sache so falsch! Wir wollten einfach mit den Architekten und Bauarbeitern feiern, im kleinen Kreis, es lag nicht nah, Biermann einzuladen. Wer mich oder meine Bücher kennt, weiß aber, dass ich seine politische Rolle würdige, ihn auch als Lyriker und Liedermacher schätze.“

Weitere Störfeuer

Die anderen Störfeuer, die der Rektor zwölf Jahre lang bändigen musste, richteten sich gegen das Umzugsprojekt. Als er anfing, gab es für die neue Schule einen Senatsbeschluss, ein Budget, einen Standort in Pankow. Aber als alles durchgeplant und ausgerechnet war, brach Berlin 2008 die Ausschreibung einfach ab und erklärte: Eigentlich hätten die 29 Millionen Euro Bausumme auch noch zur Sanierung der Studiobühne reichen können!

Für den selbstherrlichen Willkürakt verurteilt ein Gericht das Land zu einer Millionenstrafe. Schämte sich einer für so viel Verschwendung von Geld und Zeit? Ach, im Gegenteil.

Handstreich-Beschlüsse

Als 2012 endlich der nächste Standort in den alten Opernwerkstätten in Mitte durchgeplant war, als er wegen politischer Trödeleien nicht mehr 33 sondern 35 Millionen Euro kosten sollte, ließ der SPD-Haushälter Torsten Schneider – bis heute im Amt – handstreichartig den ganzen Posten streichen und schnaufte: „Die Schule bleibt, wo sie ist! Der Beschluss ist unumkehrbar!“

Hätten nicht Wolfgang Engler und seine Hochschulleitung in dieser nun existenzbedrohenden Situation gemeinsame Sache gemacht mit ihren Studenten, wären diese nicht zu einem Streik und witzigen, medienwirksamen Demonstrationen aufgebrochen, der Senat hätte das Grundstück in teuerster Lage sofort verhökert.

Sanfter Übergang

Engler kostete die peinliche Lokalposse Kraft und Zeit, erschüttern konnte sie ihn wohl nicht. Seine politischen Bücher handeln nicht nur von Ostdeutschen, sondern von der grundsätzlichen Neugestaltung der Gesellschaft, der Zukunft der Arbeit und auch von der „Lüge als Prinzip: Aufrichtigkeit im Kapitalismus“, alles denk- und recherche-intensive Themen. Zum Umzug 2018 sagt Engler: „Ja, ich hätte die Schule gern selbst eröffnet, das gebe ich zu. Aber deswegen die Amtszeit verlängern – nee. Ich gehe auch gern. Werde weiter lehren in der Regie-Abteilung, das macht den Übergang sanft.“

Wenn er plötzlich richtig Zeit hat, muss man nun wohl jedes Jahr mit einem neuen Buch rechnen. Engler wehrt die Frage nicht ab, im Gegenteil, sagt, dass er schon Ideen habe. Und künftig ließen sich sogar noch Waldspaziergänge einbauen in die ungestörte Arbeit, herrlich. Es klingt nach neuem Aufbruch. Engler denkt nicht daran, im Ruhestand zu verschwinden.