Hochzeit auf den ersten Blick: Warum sehnen sich Menschen nach arrangierter Ehe?

In den meisten Datingshows geht es um Wettbewerb, doch bei Sat.1 heiraten Paare, die sich am Altar zum ersten Mal sehen. Kann das funktionieren?

Die meisten Kandidaten von „Hochzeit auf den ersten“ erkennen ihren Fehler erst, wenn es zu spät ist. 
Die meisten Kandidaten von „Hochzeit auf den ersten“ erkennen ihren Fehler erst, wenn es zu spät ist. Berliner Zeitung

Das deutsche Fernsehen treibt es schon seit Ende der 80er recht bunt mit der Liebe. Da begriffen findige Fernsehmacher, dass das Balzverhalten von paarungswilligen Singles zum Unterhaltungsformat taugt. Die Kuppelshow war geboren. 1987 flimmerte Rudi Carrells „Herzblatt“ zum ersten Mal über die Bildschirme und wurde prompt zum Quotenhit. Seither gibt es kein Halten mehr, was die Rahmenbedingungen von Dating Shows angeht. Egal, ob am Arbeitsplatz („Bauer sucht Frau“), nackt („Adam sucht Eva“) oder mit dem dazwischenfunkenden „Ex on the Beach“, stets werben mehrere Teilnehmer um eine Person, von der sie sich nicht weniger erhoffen, als sich in sie zu verlieben.

Die Konkurrenz ist der Spannungskatalysator aller Dating Shows, bis auf eine Ausnahme: die Sat.1-Sendung „Hochzeit auf den ersten Blick“. Seit nunmehr neun Staffeln treten dort Singles an, um beim ersten Date den Bund der Ehe zu schließen und zwar mit einem völlig Fremden. Für eine möglichst erfolgreiche Verpaarung werden „wissenschaftliche“ Methoden herangezogen, hohe Übereinstimmungen bei zuvor abgefragten Kriterien sollen dem Paar eine lange und glückliche Allianz ermöglichen.

Liebe verkommt zum Konsumgut

Aus den Interviews mit den Teilnehmern erfahren wir, dass sich im Grunde alle dasselbe von dem Experiment versprechen: Liebe, Nähe, Geborgenheit und endlich jemanden, mit dem man den Alltag teilen kann. Unsicherheiten sollen von den psychologisch geschulten Dating-Experten ausgemerzt werden. Die Frage, ob man zusammenpasst, erübrigt sich. Erst die Hochzeit, dann die Liebe, so das Versprechen der arrangierten Ehe. Waren wir da nicht schon weiter? Eigentlich schon, aber um die Liebe in Zeiten des Kapitalismus steht es schlecht, mahnt die Soziologin Eva Illouz. Denn, Gefühle seien heute stark von den Gesetzen des Marktes geprägt. Liebe verkomme immer mehr zum Konsumgut.

Bei Tinder und Co. wird der eigene Marktwert zur Schau gestellt und entsprechend gegen erotisch-emotionale Begegnungen eingetauscht. Wie eine Ware, die ständiger Bewertung und Ablehnung ausgesetzt ist, wirft sich der liebesdurstige Single auf den Dating Markt. Die kalte Ökonomie der Reize ermüdet und frustriert jedoch schnell, weil sie so oberflächlich und daher oft enttäuschend ist. Alle TV-Formate mit dem Konkurrenzansatz zeigen im Grunde genau diese Ökonomisierung der Partnersuche. Darauf haben viele Menschen keinen Bock. Da erscheint es fast schon logisch, dieses ganze Bohei einfach auszulassen und die Analyse des Marktwerts der eigenen Person gleich den Matching-Experten von „Hochzeit auf den ersten Blick“ zu überlassen.

Für die Idee, man könne sich lieben lernen, wenn nur die Eckdaten stimmen und der Wille da ist, reanimieren die Unterhaltungsmacher eine jahrtausendealte Praxis, die in manchen Kulturen bis heute als Erfolgskonzept gilt. In Indien zum Beispiel ist die von den Eltern arrangierte Ehe immer noch üblich. Anstatt um die ganz großen Gefühle geht es dabei in erster Linie um wirtschaftliche oder Standes-Interessen. Für 90 Prozent der indischen Eheleute stand es nie zur Debatte, sich zu verlieben, ihr persönliches Glück und das Bestehen der Ehe hängen davon auch selten ab. Vielleicht ein Grund, warum diese Hochzeiten nicht so tränenreich ausfallen wie die unseren. Bei „Hochzeit auf den ersten Blick“ hingegen wird viel geheult und zwar schon vor der Hochzeit. Zum Beispiel bei der Anprobe oder wenn die zukünftigen Eheleute sich einen Brief schreiben, in dem gewöhnlich nicht viel mehr drinsteht als: „Hey, bald geht’s los. Bist du auch schon aufgeregt?“ Das wirft Fragen auf, denn mit dem zukünftigen Partner, den man schließlich noch gar nicht kennt, können diese Tränen nichts zu tun haben. Die Teilnehmer sind augenscheinlich gerührt von ihrer eigenen Liebesaufführung.

Das Problem der Pseudoliebe

Wir sehen das, was Erich Fromm „Pseudoliebe“ nennt, ein Phänomen, das der Philosoph und Psychoanalytiker 1956 in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ so erklärte: „Das Wesentliche dabei ist, dass die Liebe nur in der Fantasie und nicht im Hier und Jetzt in einer Beziehung mit einem realen anderen Menschen erlebt wird.“ Im folgenden erklärt er, warum auch nach der Hochzeit immer noch geweint wird, nun aber aus anderen Gründen: „Solange die Liebe ein Tagtraum ist, können sie an ihr teilhaben, sobald sie aber Wirklichkeit wird und es sich nun um die Beziehung zwischen zwei realen Menschen handelt, erstarren sie zu Eis.“ Im Falle des Hochzeitsexperiments auf Sat.1 ist die Ehe zu diesem Zeitpunkt leider schon rechtskräftig.

Eine Braut erkannte 2018 schon auf dem Standesamt, dass sie einen schweren Fehler gemacht hatte und teilte dies ihrem verdutzen, frisch angetrauten Ehemann sogleich mit. Alle anderen Paare der Sendung machen sich nach dem Ja-Wort in die Flitterwochen auf, und wissen nun nicht recht, wie sie sich verhalten sollen. Überraschung! Denn jetzt fällt den Beteiligten auf, wie absurd widersprüchlich das ganze Unterfangen eigentlich ist. Der fremde Mensch neben ihnen ist plötzlich mit dieser aufgeladenen „Liebe“ und theoretisch auch in „Ewigkeit“ mit ihnen verbunden, und das Protokoll schreibt vor, dass man sich nun entsprechend verhält, also mit Gesten und Küssen oder sogar Beischlaf die Ehe vollzieht.

Man kann kaum hinsehen bei diesem Ehe-Schmierentheater, dem ja jegliche emotionale Grundlage fehlt. Das vom Leben gescriptete Ranwanzen an den Ehepartner offenbart nun die gefühlsleere Wahrheit: Die Liebe lässt sich nicht kapern, nicht von der Wissenschaft und schon gar nicht vom deutschen Fernsehen. Das ist natürlich bitter und führt zu Tränen der Enttäuschung. Manchmal rettet die Pseudoliebe das eine oder andere Paar sogar über diese Phase hinweg, denn wer nur pseudoverliebt ist, sieht vom gegenwärtigen Zustand der Liebe ab und hofft auf bessere Tage. Hauptsache, man fühlt sich weniger allein und die Quote stimmt.

„Hochzeit auf den ersten Blick“ läuft montags um 20.15 Uhr bei Sat.1