HofEs ist ein wenig so, als wolle das Wetter die Filmfans in Hof wenigstens ein bisschen für das entschädigen, was die Pandemie mit ihrem Festival angerichtet hat. Eigentlich ist es hier in Oberfranken schon Ende Oktober richtig kalt. Diesmal aber sind die Temperaturen zweistellig, manchmal kommt sogar die Sonne heraus. Und so sitzen die Filmemacher und ihre Zuschauer im Freien vor dem Kino Central in der Hofer Altstadt. Die wenigen Tische um die traditionelle Bratwurstbude sind immer belegt, sodass es zumindest hier den Anschein hat, als sei das Festival gut besucht.

Das ist es natürlich nicht. Wie sollte es auch – dass die Hofer Filmtage überhaupt stattfinden und 125 Filme im Kino gezeigt werden, ist an sich schon eine Überraschung. Denn die Fallzahlen der positiv auf das Coronavirus Getesteten stiegen auch während der Filmtage rasant an. „Wir haben jeden Tag damit gerechnet, dass wir abbrechen müssen“, sagt die Mitorganisatorin Ana Radica. Hof ist zwar kein Hotspot, aber auch hier springt die Corona-Ampel während der Filmtage auf gelb. Ab dem dritten Tag müssen die Masken auch im Kino getragen werden. Die örtliche Presse berichtet über den Zusammenbruch des Nahverkehrs: Weil massenhaft Busfahrer positiv getestet wurden oder in Quarantäne müssen, fahren immer weniger Busse. Das merken aber nur die Hofer, die Filmleute werden mit Elektrofahrzeugen einer Sponsorenfirma chauffiert.

Oder sie wohnen in Hotels, die nur ein paar Schritte vom Kino entfernt sind, so wie der Dokumentarfilmer Wolfgang Ettlich. Er hat mit „Deutschlandreise“ einen Film mitgebracht, der zu diesem Einheitsjubiläumsjahr und zu Hof gleichermaßen gut passt. Im Januar 1990 ist er von hier aus über die damals noch bestehende Grenze in die DDR gefahren, hat Menschen über ihre Träume und Erwartungen befragt. Nun war er noch einmal unterwegs und hat die Leute von damals erneut aufgesucht. Es ist ein deutsch-deutsches Roadmovie, das nachdenklich macht, über das, was diesem Land in den vergangenen Jahren gelungen ist – und was nicht.

Wolfgang Ettlichs letzter Film: „Deutschlandreise“

Im Programm schreibt der 73-Jährige Ettlich, dies sei sein letzter Film. Vielleicht versucht er deshalb, diese Tage ungerührt zu genießen. Jeden Tag sitzt er mit Kollegen in der Altstadt zusammen. Maske auf, Maske ab. Sicherheitsabstand: naja. „Es ist fast wie immer hier“, sagt er und zündet sich eine Zigarette an. Die Schachtel hat er sich gerade besorgt, eigentlich raucht er nicht. Aber gleich wird sein Film noch mal vor Publikum gezeigt. Nein, aufgeregt, sei er nicht, sagt er und lässt im eiligen Aufbruch das Filmprogramm auf dem Tisch liegen, wo er sich einige Vorstellungen angekreuzt hat.

Spätestens im Kino merkt man, dass dieses Jahr in Hof wirklich nichts ist wie sonst. Ausverkaufte Vorstellungen finden vor Kinorängen statt, die exakt zu einem Viertel gefüllt sind: Corona-Konzept. Es bleiben oft noch mehr Plätze frei. Die Hofer, die sonst mit Schlafsäcken vor den Kassenhäuschen ausharren, kommen mit dem Online-Buchen nicht klar. Es gibt alle Filme auch als Stream, aber wer will ausgerechnet die Hofer Filmtage mit ihrer traditionellen Nähe zwischen Filmschaffenden und Publikum im Internet erleben? Schließlich wird doch noch ein Kartenverkauf vor Ort organisiert. Zuschauer und Fachpublikum begegnen sich dennoch kaum, die Vorstellungen finden in unterschiedlichen Kinos statt. Für die wenigen Journalisten, die angereist sind, ist damit kaum festzustellen, was ankommt und was nicht.

Es wäre schön gewesen, das etwa bei einem Film wie „Im Nachtlicht“ auszuprobieren. Auch er feiert Premiere vor halbleeren Rängen. Es geht um die Identitätssuche der jungen depressiven Minthe, die ein schreckliches Geheimnis aufdeckt. Aber auch um das Böse schlechthin, um Gewalt gegen Frauen und die Vergeltung dafür. Das ist spannend, manchmal verwirrend und vor allem mit einer großartigen Hauptdarstellerin besetzt. Sie ist ebenso wie der Regisseur und Autor Misha L. Kreuz mit nach Hof gereist.

Die Produzentin Anja Uhland ist froh, dass es auch in der Pandemie eine Premiere für den Film gegeben hat. „Es war natürlich schade, dass wir hinterher nicht richtig feiern konnten“, sagt sie. „Wir haben aber improvisiert und einfach ein paar Stühle vor dem Kino zusammengeschoben.“ Jetzt geht es für die Produzentin und den Regisseur ums nächste Problem: Wie findet man im Stau der Blockbuster, die in den kommenden Wochen ins Kino drängen, den richtigen Start, um nicht unterzugehen? „Im Nachtlicht“ wird vermutlich erst im Februar oder März anlaufen.

Die Preisverleihungen finden immerhin alle vor Ort statt. Axel Ranisch, ein alter Bekannter in Hof, bekommt den Filmpreis der Stadt. Er freut sich so, dass er am liebsten gleich alle umarmen möchte, was natürlich nicht geht. Im GastHof, dem LateNight-Streaming-Format des Festivals, erzählt er später bei Schnaps und Bier von seinem neuen Podcast, der ihm viel Arbeit mache und kaum Geld einbringe. Der künstlerische Leiter des Festivals, Thorsten Schaumann, stößt dabei immer wieder mit ihm an. Es ist witzig und traurig und genau der Moment, in dem man googelt, wann die nächsten Filmtage stattfinden und sich dann auf den 26. bis 31. Oktober 2021 freut.