Gegen die vollständige Denaturierung der Welt: der Schriftsteller Jonathan Franzen
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BerlinEr hat es schon wieder getan. Nachdem ihm bereits zwei Versuche, sich kritisch mit dem apokalyptischen Denken der Klimaaktivisten auseinanderzusetzen, den Vorwurf eingebracht hatte, ein schlimmer Leugner des Klimawandels zu sein, meldet sich der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen nun mit Interviews und einem kurzen Essay zum Thema zurück. 

„Gestehen wir uns ein“, lautet der provokante Untertitel des kleinen Büchleins, „dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können.“ (Rowohlt, 60 Seiten, 8 Euro) Soll das etwa der Aufruf zu einem etwas fröhlicheren Umgang mit den bevorstehenden Naturkatastrophen sein?

Konkreter Optimismus

Natürlich nicht. Der Hobby-Ornithologe Franzen hat wiederholt auf Paradoxien aufmerksam gemacht, die er zum Anlass für die Warnung nahm, den Klimaschutz nicht gegen den Erhalt der Artenvielfalt auszuspielen. Nur wenn die Natur, so Franzen, „als eine Ansammlung konkreter bedrohter Lebensräume begriffen wird statt als abstraktes Ding, das stirbt, lässt sich die vollständige Denaturierung der Welt verhindern.“ Im Furor der „5-vor-12“-Rhetorik jedenfalls spiele etwas wie der Vogelschutz keine Rolle.

Franzen ist weit davon entfernt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Erderwärmung und Wetterveränderungen in den Wind zu schlagen. Mit seiner vermeintlich fatalistischen Frage „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?“ möchte er vielmehr jene Kräfte der Differenzierung mobilisieren, die in einer von Untergangsängsten getriebenen Weltsicht arg geschwächt scheinen. Einer falschen Hoffnung auf Rettung, die ausbleiben könnte, möchte er einen konkreten Optimismus des umweltpolitischen Handelns entgegensetzen. „Dem Klimawandel den totalen Krieg zu erklären war nur sinnvoll, solange er sich noch gewinnen ließ. Sobald wir akzeptieren, dass er bereits verloren ist, gewinnen anders geartete Maßnahmen an Bedeutung.“ Bedroht sind nämlich nicht nur Lebensräume, sondern auch eine das Tun und Lassen der Menschen ermöglichende und regulierende Demokratie.

Menschen, die der Klimaforschung keinen Glauben schenken, sind das Letzte vom Letzten. Ich glaube nicht, dass sie meine Hilfe brauchen, um böse und hässlich zu sein. Ich interessiere mich mehr für die tugendhafte Seite der Debatte.

Jonathan Franzen

Die Pointe von Franzens Essay ist ganz und gar nicht resignativ. Um sie zu verstehen, sollte man sich die zwei Stunden gründlicher Lektüre unbedingt nehmen. Fr gewinnt darin eine Hoffnung, die das soziale Handeln frei machen soll im Kampf gegen die kommenden Bedrohungen.