Die Band Tocotronic.
Foto: dpa/Ole Spata

„Ein kleines Stück/lyrics and music/gegen die Vereinzelung/in jedem Ton/liegt eine Hoffnung/eine Aktion/in jedem Klang“, so singt die Band Tocotronic ins Coronaloch hinein, wehmütig, ganz zart, in Moll aus einer kleinen Gitarrenfigur – erst am Ende gibt es eine kurze, umso wirksamere Dur-Wendung: „Wenn ich dich nicht bei mir wüsste, hätte ich umsonst gelebt.“

Marschierender Beat

Das Lied namens „Hoffnung“ besteht nur aus Strophen, allein die Streicher dramatisieren zum marschierenden Beat die unerschütterliche Ruhe, die sich im beunruhigend stillen Video spiegelt, das malerisch entmenschte Metropolen, Küsten und Hochgebirgspisten zeigt.

Der Text entstand schon im vorigen Jahr, das Stück war noch nicht fertig. Aber Tocotronic haben es jetzt veröffentlicht, weil es mit seiner Idee der heilenden Musik, dem Schmerz über die Vereinzelung und der Beschwörung des Gemeinsamen und des Mitgefühls gut in die saure Sozialquarantäne passt. Natürlich schaut es auch auf den Horizont jenseits des Virus: Wie schön es sein wird, wenn wir wieder in der wirklichen Wirklichkeit zusammen sind.

Video zu „Hoffnung“ von Tocotronic

Youtube


Die virtuelle Grenzenlosigkeit ist nämlich Fake. Ich wollte zum Beispiel Ende März, aus Anlass des 10.Todestages von Alex Chilton, „Nothing Can Hurt Me“, eine Dokumentation über dessen Band Big Star anschauen. Dazu jedoch muss man hierzulande die DVD physisch kaufen oder sich für den Stream eine US-Adresse erschummeln.

Das lohnt sich allerdings. Viele halten Big Star mit ihrem ausgeklügelten, fragilen und soulvollen Gitarrenpop für ungefähr so einflussreich wie Velvet Underground. Ich bin mir da nicht so sicher, aber R.E.M., Elliott Smith, Wilco sind natürlich wichtige Indierock-Adressen.

Ein trauriges Kapitel

Big Stars Geschichte, von 1972 bis 74, gehört zu den traurigen Kapiteln der Rockvergangenheit, bizarr auch, weil ihrer erschütternden kommerziellen Erfolglosigkeit die einstimmige Begeisterung der zeitgenössischen Kritik gegenüber steht. Dem Film gelingt es, die Story mit genau jener zerbrechlichen Menschlichkeit zu erzählen, die auch die Songs ausmacht, vor allem dank einer Reihe großartiger Interviewcharaktere wie dem Labelpromoter John King, dem Produzenten Jim Dickinson, dem allein überlebenden Drummer der Band, Jody Stephens, und den Geschwistern des früh verstorbenen Chris Bell, der die Band gemeinsam mit Chilton führte. Bell verzweifelte an der Nichtbeachtung durch die Welt, Chilton indes ignorierte sie mit exzentrischem Selbstbewusstsein. Der Film überhöht das Scheitern an den Zeitumständen nicht, er   versucht mit Herz, wenigstens die Nachwelt zur Korrektur zu bewegen.

Tocotronic: „Hoffnung“

auf diversen Streamingportalen


Nothing Can Hurt Me

USA 2012. Regie: Drew DeNicola. 113 Minuten, DVD, 15,99 Euro