Holger Klotzbach: Endlich mischten sich Menschen und Interessen

Der Mauerfall war auch für mich ein Umbruch. Kurz zuvor hatten wir mit den 3 Tornados unseren eigentlich letzten Auftritt im Quartier Latin, denn der Protagonist Nummer eins in unserer Truppe, Günther Thews, war krank. Drei Jahre später ist er an Aids gestorben. Wir bauten damals zusammen mit BAP aus Köln das Haus an der Potsdamer Straße in ein Varieté-Theater um.

Mein bewegendstes Erlebnis in diesen Tagen war das Konzert für Berlin in der Deutschlandhalle am 12. November. Der SFB, Conny Konzack vom Kant-Kino und Vivi Eickelberg hatten das mit Ost- und Westkünstlern organisiert, um den Fall der Mauer zu feiern. Als dann Joe Cocker „With a Little Help from My Friends“ sang, kamen alle Beteiligten zusammen auf die Bühne für die Back-Vocals – BAP und die Puhdys, Udo Lindenberg, die Zöllner, Nena, Silly und viele, viele mehr. Und wir auch. Für die 3 Tornados war das nun wirklich der letzte Auftritt. Nachdem es mit dem Quartier an der Potsdamer Straße nicht geklappt hatte, war ich eine Weile nicht in Berlin. Dann aber überließ mir ein Schweizer Freund sein Jugendstil-Spiegelzelt. Das habe ich auf dem Parkdeck der Freien Volksbühne in der Schaperstraße aufgestellt.

Im Juni 1992 eröffneten Lutz Deisinger und ich also die Bar jeder Vernunft, wir dachten gar nicht an ein langfristiges Projekt. Doch sie war gleich etwas Besonderes, weil wir in diesem außergewöhnlichen Ambiente eine anspruchsvolle Mischung unterschiedlicher Genres der Unterhaltung präsentierten. Wirtschaftlich agierten wir etwas glücklos, sodass wir im November ’92 schon wieder zumachen mussten. Aber viele Künstler, die hier auftraten, und auch prominente Gäste, die im Publikum saßen, wollten, dass es weiterging. Wim Wenders zum Beispiel. Oder Otto Sander, der dann bald mit den Geschwistern Pfister im „Weißen Rößl“ spielte. Und Meret Becker zeigte hier im März 1993 ihr erstes Varieté-Programm, das sieben Wochen ausverkauft lief.

Wurstbuden am Brandenburger Tor

Als wir nach zehn Jahren einen Ort suchten, um das Jubiläum zu feiern, weil die Bar ausgebucht war, haben wir am Kanzleramt ein neues, größeres Zelt aufgestellt für 550 Gäste. Jetzt steht es auch schon zwölf Jahre – so ist das mit den Provisorien in Berlin.

Über das wiedervereinigte Deutschland freue ich mich, doch dass das immer mit Wurstbuden am Brandenburger Tor gefeiert werden muss, begeistert mich nicht so. Und es gefällt mir weniger, dass heute die Stellung Deutschlands wieder zu Großmachtdenken verführt, mit Waffenlieferungen und Militäreinsätzen. Ich komme aus der Studentenbewegung, habe jahrelang linkes Kabarett gemacht und bin immer noch links. Aber ein Theaterbetrieb mit 150 Mitarbeitern funktioniert nicht immer so, wie man es sich in seinen linken Blütenträumen wünscht. Nach Künstlern aus dem Osten haben wir nie gezielt gesucht. Es waren aber öfter welche da, Katrin Sass zum Beispiel. Wir kannten ja nicht so viele aus dem Osten, weil wir mit den 3 Tornados nur ein Mal heimlich in Prenzlauer Berg aufgetreten waren, eine offizielle Einladung hatten die Funktionäre wieder zurückgenommen.

Berlin ist der Mauerfall gut bekommen. Dieses Biotop West-Berlin, in dem jeder jeden kannte, war ein bisschen piefig. Endlich wurde in der Stadt gebaut, endlich mischten sich Menschen und Interessen. Obwohl Berlin nicht zuletzt durch das Wirken von Klaus Wowereit zu einer weltoffenen und toleranten Metropole geworden ist, gibt es in vielen europäischen Ländern, aber auch in Berlin, leider immer noch Probleme, die wir mit Inszenierungen wie „Cabaret“ und „Ein Käfig voller Narren“ aufgreifen.

Aufgezeichnet von Cornelia Geißler