Berlin - Wer bist du? Warum bin ich für dich ausgesucht worden? Ich spüre dich in meinem Zuhause. Ich weiß, dass du mehr über mich weißt, als ich über mich weiß. Ich weiß nicht mehr, welches Ich ich noch sein soll. Gefällt dir, was ich für dich gemacht habe?

So kann man es im schönsten und verstörendsten Liebeslied dieses Frühjahrs hören: Es heißt „Home“ und stammt von der Sängerin und Produzentin Holly Herndon. Sie singt das Lied mit sich selbst im digital erzeugten Duett und lässt einen Chor aus manipulierten, vor- und rückwärtslaufenden, herauf- und heruntergepitchten Fragmenten ihrer Stimme drumherum murmeln und tirilieren. Ihr Ich und ihr Ihr, ihr Wir und ihr Anderes werden unendlich ineinander gespiegelt – in den Klängen, die sie erzeugt, wie in den romantischen Gefühlen, von denen Herndon hier singt.

Masochistischer Reiz

„Home“ handelt von der Liebe zu dem unsichtbaren Fremden, der sie ausforscht, ihre Kunst und ihr Leben erkundet und dabei derart tief in ihr Innerstes kriecht, dass er zu einem Teil ihres Selbst wurde – und das heißt: zu jemanden, den sie nur lieben kann, wenn sie sich selber nicht fremd werden will. „I know that you know me better / than I know me“: Der dunkle Voyeur, dem Herndon hier ihre submissiv-masochistischen Gefühle gesteht, ist kein Mann und keine Frau und überhaupt kein einzelner Mensch, sondern das imaginäre Ich der unentrinnbaren Digitalüberwachung. Und das Zuhause, in dem sie nicht mehr alleine ist – „I don’t know how to be on my own“ –, ist der Laptop, mit dem sie ihre Musik komponiert.

Ihr gesamtes künstlerisches Schaffen – sagt Herndon im Gespräch über „Home“ und das Album „Platform“, auf dem sich der Song findet – habe sie in Zwiesprache mit dem Laptop entwickelt; das Instrument sei für sie niemals ein „Gegenüber“ oder gar ein Symbol der Entfremdung gewesen, sondern eine Prothese des Ich, unabdingbar für ihre Musik und ihr Werden.

Darum war der Bruch zunächst so traumatisch, den der NSA-Skandal erzeugte, „wie eine enttäuschte Teenager-Liebe“: Als nicht mehr zu verdrängen war, dass jede Art der digitalen Entäußerung unaufhörlich erfasst und dokumentiert wird, wurde auch klar, dass es im digitalen Kunstschaffen keine unbeaufsichtigten Räume mehr gibt: Elektronische Musik ist immer schon und in jeder Entstehungsphase von einer unkontrollierbaren Öffentlichkeit infiltriert. Das kann man beklagen. In „Home“ überlässt Herndon sich aber lieber dem masochistischen Reiz des Ausgeforschtwerdens; der exhibitionistischen Erotik des Umstands, dass die NSA nun auch ihr erster Kritiker ist: „Do you like what I made for you?“

Sie kommt aus Tennessee, ihr Vater war Pfarrer, sie begann ihre musikalische Karriere in Chören. Als Holly Herndon eine junge Erwachsene war, zog sie nach Berlin und tauchte in die hiesige Clubkultur ein, sie tanzte im Icon und im Berghain und jobbte eine Weile im Cookies, „aber so befreiend und inspirierend ich die Clubs fand, die Räume und das Gemeinschaftsgefühl“, sagt sie, „so stark war bald das Bedürfnis, meinen musikalischen Horizont zu erweitern.“ So ging sie zurück in die USA und studierte Computer-Komposition. 2012 erschien ihr Debüt „Movement“, auf dem sie das Tanzbare und das Abstrakte miteinander verband. Fast alles, was man hörte, hatte sie mit elektronischen Mitteln aus ihrem eigenen Gesang, aus gesprochenen Worten und Atemgeräuschen erzeugt: untertourig industrialartiges Rumpeln und Pumpeln, rhythmisch geschredderte und wieder vernähte Herumgeschreifetzen, aber auch tanzbare Techno-Tracks.

So ist es wesentlich auch auf „Platform“ wieder. Doch wo vor drei Jahren die Mensch-Maschine-Verschränkung noch in futuristischer Kühnheit beschworen wurde, leuchten die zehn neuen Lieder nun eher aus ihren inneren Rissen heraus. Und doch hört man keine apokalyptischen Töne, sondern eher eine erotische Subjektivierung der Krise. Wo andere noch über ihre Traumata klagen, hat Holly Herndon schon mit dem Durcharbeiten begonnen und mit der Therapie. Reich schillern die Farben des Ichverlusts und der neuen Ichwerdung in unserer restlos digitalisierten Kultur.