Als flachbrüstiges, großfüßiges, schlaksiges Ding hat sich Lauren Bacall selbst einmal beschrieben. Diese Diagnose zeugt schon von der Eigenschaft, die sie – jenseits aller anderen Merkmale – so unverwechselbar machte: Ihre Fähigkeit zur Selbstironie, ihre spöttische Intelligenz, gepaart mit der Eleganz eines richtig getimten Understatements. Jene Eigenschaft eben, ohne die es „The Look“, diesen herausfordernd-sarkastischen Blick von unten herauf, nie hätte geben können. Und auch den Spitznamen „The Look“, der ihr seit Beginn ihrer Filmschauspielkarriere anhaftete, kommentierte Lauren Bacall mit dem ihr eigenen, trockenen Humor: Sie habe ihr Zittern, ihre Nervosität nur in den Griff bekommen können, indem sie ihr Kinn bis fast auf die Brust senkte, um Humphrey Bogart dann mit diesem Blick anzusehen.

Kühle Schönheit

19 Jahre alt war Lauren Bacall, kurz zuvor als Betty Joan mit ihrer Mutter von New York nach Hollywood gezogen, als sie ihre erste Filmrolle bekam. Howard Hawks’ Frau Slim hatte ihr Foto auf dem Titel des Magazins Harper’s Bazaar entdeckt. Hawks machte Probeaufnahmen mit ihr; er fand, das Lauren besser klang als Betty, und engagierte sie. „Slim“ hieß sie in ihrer ersten Filmrolle, modelliert nach dem Vorbild der Frau, die sie entdeckt hatte; zeitlebens verband die beiden eine enge Freundschaft. An der Seite des 25 Jahre älteren Humphrey Bogart, des Stars, spielte sie in „Haben und Nichthaben“ nun die selbstbewusste, in der Karibik gestrandete Gelegenheitsdiebin mit unerhörter Coolness und mit zeitlosem Scharfsinn. Ihre kühle Schönheit und ihre dunkle Stimme legten die häufigen Vergleiche mit Marlene Dietrich nahe – doch war Lauren Bacalls Ausstrahlung weniger streng, weniger ikonenhaft, weniger unnahbar. Bekannt wurde sie auch dafür, dass sie gern geradeheraus, in unverblümten Worten ihre Meinung sagte – auf der Leinwand wie auch privat. Sowohl bei McCarthys Kommunistenjagd als auch im gegenwärtigen Bush-Amerika hielt sie sich nie zurück, ihre linksliberale Haltung auch öffentlich kundzutun. Natürlich sang sie auch in „Haben und Nichthaben“, in klassischer Pose am Klavier lehnend, rauchigen Blues im schwarzen, bodenlangen, tief dekolletierten Satinkleid – wie alle echten Diven war sie ganz selbstverständlich eine Königin des Stils.

Humphrey Bogart und Lauren Bacall lernten sich bei Hawks’ Hemingway-Verfilmung von 1944 nicht nur kennen, sie verliebten sich auch und heirateten 1945. „Baby und Bogie“ – die beiden wurden ein Hollywood-Traumpaar, und sie blieben es bis zu Bogarts frühem Krebstod 1957. Gemeinsam drehten sie noch drei Filme: 1946 wieder unter Howard Hawks die Chandler-Verfilmung „Tote schlafen fest“, 1947 „Dark Passage“ in der Regie von Delmer Daves und 1948 John Hustons „Gangster in Key Largo“.

Anfang der 1950er spielte Lauren Bacall in ihrer erfolgreichsten Komödie „Wie angelt man sich einen Millionär“ die kluge und ironische Anführerin eines Trios auf Millionärsfang, mit Marilyn Monroe und Betty Grable. Allerdings musste Bacall ihr komödiantisches Talent erst einmal mit Probeaufnahmen beweisen; die Chefs der 20th Century Fox waren sich nicht sicher, ob sie auch dieses Fach beherrschte. Das tat sie virtuos – was allerdings jedem schon nach den witzigen Schlagabtäuschen mit Bogart in „Haben und Nichthaben“ hätte klar sein müssen.

1957 kam dann ihr wohl schönstes Melodram hinzu: „In den Wind geschrieben“ von Douglas Sirk.

Nach Humphrey Bogarts Tod drehte sie immer weniger, zog mit den beiden gemeinsamen Kindern zurück in ihre Geburtsstadt, nach New York. Und feierte große Erfolge am Broadway mit dem Stück „Cactus Flower“ und dem Musical „Applause“. Nach „Harper“ (1966) mit Paul Newman drehte sie acht Jahre lang keinen Film mehr. Anfang der 1960er hatte sie den Schauspieler Jason Robards geheiratet und bekam noch ein Kind; die Ehe wurde 1969 geschieden. Erst 1974 kehrte Bacall auf die Leinwand zurück In „Mord im Orientexpress“ von Sidney Lumet; kurz darauf drehte sie an der Seite des bereits kranken John Wayne seinen letzten Film „Der letzte Scharfschütze“.

1978 veröffentlichte Bacall ihre Autobiografie: Direkt, persönlich und sehr analytisch schreibt sie da über ihr Leben. „By Myself“ wurde ein Bestseller und mit dem National Book Award ausgezeichnet. Die höchste Auszeichnung im Filmbusiness blieb ihr indes lange versagt: Für ihre Nebenrolle in Barbra Streisands „Liebe hat zwei Gesichter“ war sie 1996 zwar – das einzige Mal – für den Oscar nominiert, bekam ihn aber nicht. Als Lauren Bacall dann 2009 mit 85 Jahren einen Ehren-Oscar für ihr Lebenswerk in Empfang nehmen durfte, stemmte sie die glänzende Trophäe mit einem lautstarken „Yes!“ in die Luft.

Dunkle Stimme

Prominente Nebenrollen kennzeichneten ab den 1980ern Lauren Bacalls Karriere: Sie war an der Seite von Nicole Kidman als eiskalte Krämerin in „Dogville“ zu sehen und auch in Lars von Triers nächstem Film „Manderlay“. Zuletzt stellte sie auf der Berlinale 2007 gemeinsam mit Paul Schrader seinen Film „The Walker“ vor: Hier spielt sie die Gattin eines hochrangigen Politikers, die sich mit anderen Damen der Gesellschaft und einem charmanten, schwulen Begleiter wöchentlich zur Canasta-Runde trifft. Witzig, wunderschön, mit leuchtend grünen Augen und dem bewährt sarkastischen Zug um die Mundwinkel ist sie diese Lady: mit unerhörter Coolness, wie in „Haben und Nichthaben“, gut 60 Jahre zuvor. Immer wieder als lebende Legende betitelt, verweigerte sie sich diesem Attribut: „Sind Legenden nicht etwas Totes? Macht das nicht eine Legende aus: Nicht mehr da zu sein?“ Nun ist sie doch eine. Lauren Bacall ist am Abend des 12. August in ihrem Appartement in New York an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben, teilte die Organisation Bogart Estate unter Berufung auf die Familie der Schauspielerin mit. Sie wurde 89 Jahre alt.