Meine polnische Mutter und ich sitzen im vergangenen Sommer bei unseren Freunden auf der Dachterrasse in Tel Aviv. Die Mutter der Gastgeberin hat den Holocaust nur überlebt, weil eine polnische Bäuerin sie und 13 andere Menschen in einem Verschlag unter dem Fußboden versteckt hielt. Allein, sie nahm dafür Geld und drohte regelmäßig damit, das Versteck aufzulösen. Das Ehepaar nimmt die Bäuerin in Schutz.

Meiner Mutter und mir ist das unangenehm; wir sind damit aufgewachsen, die „szmalcownicy“, also diejenigen, die sich am Leid der Juden bereicherten, zu verurteilen. Doch haben wir ein Recht dazu? „Es ist nicht so einfach“, sagt der Gastgeber. „Sie hat schließlich 14 Menschen das Leben gerettet.“ Die PiS-Regierung dagegen versucht verzweifelt, die Geschichte qua Gesetz zu vereinfachen, so als habe es keine Nuancen und Grautöne gegeben zwischen Tätern, Opfern und Helden.

Moralische Mitschuld der Zeugenschaft

Im Warschauer Museum für die Geschichte der polnischen Juden, „POLIN“, können Besucher in eine simulierte Tram einsteigen – am Fenster zieht Warschau unter deutscher Besatzung vorbei. Es soll den Besuchern zeigen, wie unterschiedlich die Besatzung für Warschauer aussah, abhängig davon, ob sie Juden waren oder nicht. Juden hätten nicht einsteigen dürfen; sie lebten ab 1940 im Ghetto, streng abgeschirmt von der übrigen Bevölkerung. Sie alle sollten vernichtet werden, die übrigen Polen sollten den Deutschen als Sklavenvolk dienen. Heute wissen wir, dass das Verhältnis zwischen nicht-jüdischen und jüdischen Polen während der deutschen Besatzung vielfältig war und sich zwischen passivem Zuschauen, Bereicherung und Mord sowie Opferbereitschaft, Hilfe und Rettung bewegte.

In seinem Gedicht „Ein armer Christ sieht das Ghetto“ beschrieb der spätere Literaturnobelpreisträger Czesław Miłosz noch während des Krieges die Angst, einmal zu den Tätern gezählt zu werden, allein durch die moralische Mitschuld der Zeugenschaft: „Vielleicht liefert mich der zerschlagene Körper seinem Blick aus / Und er wird mich zu den Gehilfen des Todes zählen: den Unbeschnittenen.“

Die Debatte um die Mitverantwortung der Polen am Holocaust wurde auch während des Staatssozialismus in progressiv-liberalen Medien diskutiert. Der Historiker Jan Tomasz Gross löste im Jahr 2000 mit seiner Studie „Nachbarn“ über die Ermordung der jüdischen Einwohner des Dorfes Jedwabne durch ihre katholischen Nachbarn im Jahr 1941 einen gesamtgesellschaftlichen Schock aus, der eine breite und kritische Debatte nach sich zog.

Sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, wurde während des „Memory Booms“ der 1990er und der Nullerjahre zum Ausweis demokratischer Reife und einer modernen Gesellschaft – gar zum „Eintrittsbillett“ in die EU, wie Tony Judt ironisch bemerkte. Als erstes osteuropäisches Land diskutierten die Polen über ihre Rolle während des Holocaust. Der damalige Staatspräsident Kwasniewski hielt eine versöhnliche und demütige Rede, in der er das Pogrom als Brudermord und Verbrechen an der Rzeczpospolita, der polnischen Republik, darstellte.

Angst vor dem Umschreiben der Geschichte

Viele Polen erlebten die folgenden Jahre jedoch als erinnerungskulturellen Widerspruch: Während sie sich zur historischen Verantwortung bekannten und polnische Täterschaft international diskutiert wurde, gerieten die Verbrechen, die den Polen angetan wurden, in Vergessenheit. Zeitungen in Deutschland und weltweit schrieben, mal in sprachlicher Nachlässigkeit, aber auch in der Absicht geschichtspolitischer Fälschung von „polnischen Konzentrationslagern“. In der preisgekrönten deutschen TV-Produktion „Unsere Mütter, Unsere Väter“ wurden Deutsche eher zufällig zu Tätern, während Polen aus Überzeugung mordeten.

Diese Angst vor dem Umschreiben der Geschichte konnten wir auch im Rahmen einer vergleichenden Studie zu kollektiven Erinnerungen erkennen. Die polnischen Teilnehmer leugneten die antijüdischen Verbrechen nicht, doch waren sie davon überzeugt, dass es sich bei den Tätern um Einzelfälle handelte und Polen Juden mehrheitlich gerettet hätten. Im Ausland hingegen dominiere die Schuld der Polen die Debatte, während ihr Leiden und ihr Heldenmut nicht genügend gewürdigt würden.

Populistisch und undemokratisch

Solche Gefühle werden nun auf populistische Art und Weise von der PiS-Regierung bedient: Wer in Zukunft „dem polnischen Volk“ Verantwortung für nationalsozialistische Verbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit zuschreibt, kann mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft werden. Ausgenommen sind künstlerische oder wissenschaftliche Arbeiten; ein Passus, der offenbar einen Rest von Redefreiheit suggerieren soll.

Populistisch ist das Gesetz, weil es die Opfer historischer Verbrechen gegeneinander ausspielt, statt, wie Kwasniewski es 2001 tat, das jüdische Leid als eigenes Leid und zugleich als eigene Verantwortung zu begreifen. Es ist undemokratisch, weil es eine offene Debatte zu verhindern versucht.

Anna Delius promoviert in europäischer Zeitgeschichte beim deutsch-israelischen Graduiertenkolleg „Human Rights Under Pressure“ an der FU Berlin.