Hat es das schon einmal gegeben? Ein junger Autor sorgt mit einem Roman über die Lücken in seiner Familiengeschichte für Furore, und dann kommt seine Mutter und recherchiert alles nach? So ungefähr hängen zwei Bücher von Jonathan und Esther Safran Foer zusammen. Ohne das eine würde es das andere Buch nicht geben. Und vermutlich wäre Jonathan Safran Foer nicht der berühmte Schriftsteller geworden, der er heute ist (Autor von „Extrem laut und unglaublich nah“, „Tiere essen“ und „Hier bin ich“), hätte er nicht als Erstes das Rätsel zu ergründen versucht, das seine Mutter ihm aufgab. Ursprünglich suchte er ein Thema für seine Masterarbeit, dann wurde es ein Roman: „Alles ist erleuchtet“.

2002 erschien sein Debütroman, in dem ein junger Amerikaner namens Jonathan Safran Foer in der Ukraine nach dem Ort sucht, woher seine Familie stammt. Der Ort Trochenbrod, wie er damals hieß, der einst zu Polen gehörte, ist jedoch ausgelöscht. Nach dem Massaker an der jüdischen Bevölkerung des Schtetls hatten die Deutschen die Häuser und Straßen zunächst noch genutzt, die Sowjets trugen alles ab und errichteten eine Kolchose. Esther Safran Foer, Jonathans Mutter, ist Jahre später über diese Erde gegangen, hat die Massengräber aufgesucht, im Nachbarort Kolky den Weg wiedergefunden, den einst ihre Mutter nahm, als sie floh. Ihre Mutter und ihr Vater waren in ihren jeweiligen Familien die einzigen Überlebenden des Holocaust. Esther Safran Foer schreibt davon in ihrem Buch „Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind“. Es ist ein aufwühlendes, erschütterndes, in vielerlei Hinsicht auch tröstliches und spannendes Buch.

Esther Safran Foer
Foto: Laura Ashbrook Photography

Sie bestätigt damit auf geradezu erleuchtende Weise, wie die Kunst, wie das Erzählen eine eigene Wahrheit schafft, in der die Wirklichkeit aufgehoben sein kann. Jonathans Buch konnte nur ein Roman sein, weil der Autor seine Wissenslücken mit Erfindungen füllte und damit auf seine Weise eine Geschichte der Juden von Trochenbrod erzählte (er nennt es Trachimbrod). Esthers Buch enthält zwar so viele Fakten, wie die Autorin nur aufspüren konnte – „ich habe jedes verfügbare Werkzeug zur Ahnenforschung genutzt“, schreibt sie –, doch weil sie eingebettet sind in die Erfahrungen ihrer Recherche, den kreisenden Verlauf ihrer Erkundungen, klug gebaut und klar formuliert, weil die Deutung der Fakten ihrem subjektiven Blick unterliegt, ist auch dieses Memoir ein literarisches Werk.

Ein Buch von Amos Oz half Esther Safran Foer

Das Leben von Esther Safran Foer beginnt mit der Lüge über ihren Geburtstag. Als sie am 17. März 1946 zur Welt kam, befanden sich ihre Eltern im polnischen Lodz, zwei von rund 50.000 Juden, in einer Stadt, deren jüdischer Bevölkerungsanteil vor dem Krieg bei 230.000 gelegen hatte. Doch gab es in Polen eine neue oder wach gebliebene Feindseligkeit, die Familie wollte unbedingt weg. Sie gelangte im September nach Ziegenhain südlich von Kassel, in ein Lager für Displaced Persons. Der Name dieser Stadt steht in Esther Safran Foers Geburtsurkunde, das Datum: 8. September 1946. „Die Fragmente meiner Familiengeschichte zusammenzusetzen, hat mich mein gesamtes Leben lang beschäftigt.“

Es war schwer, das Lager zu verlassen, die USA hatten strenge Einreisebeschränkungen, doch im August 1949 ging die Familie in New York vom Schiff. Der Vater, der kräftig an der Zukunft baute, konnte jedoch das Trauma des Überlebens nicht verwinden, er brachte sich um, als Esther acht Jahre alt war. „Sein Tod wurde ein Teil unseres familieneigenen Kanons unaussprechlicher Geschichten, die in der Vergangenheit begraben bleiben mussten.“ Erst als Esther Safran Foer vierzig Jahre alt war, erfuhr sie, dass ihr Vater schon einmal verheiratet gewesen war, seine erste Frau und seine erste Tochter von den Nazis ermordet wurden. Und erst als sie sechzig Jahre alt war, konnte sie erstmals über den Selbstmord ihres Vaters sprechen, schreibt sie. Es war die Literatur, die ihr die Zunge löste: Unter dem Eindruck von Amos Oz’ Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ fand sie die lang eingeschlossenen Worte für einen Teil ihrer eigenen Geschichte. „Ich habe verstanden, dass den Krieg zu überstehen nicht notwendigerweise überleben bedeutete.“

Die Erinnerung an den Hass

Wenigstens den Namen ihrer toten Halbschwester möchte sie erfahren, als sie sich 2009 auf den Weg macht. Sie möchte vor allem wissen, welche Familie ihren Vater versteckte, nachdem fast alle Juden Trochenbrods erschossen und in die von ihnen selbst ausgehobenen Massengräber gestopft worden waren. Zufällig war er weggeschickt worden, etwas zu besorgen, als er wiederkam, war das Leben ringsum ausgelöscht. Esther Safran Foer macht sich mit Kopien desselben Fotos auf die Reise, das sie schon ihrem Sohn Jonathan mitgegeben hatte, begleitet wird sie von ihrem ältesten Sohn Frank. Sie wissen viel mehr, als Jonathan damals wissen konnte, fasziniert und voll Dankbarkeit schreibt sie, was der Roman ihres Sohnes an Erinnerung in Gang setzte, wie durch ihn Menschen über die Kontinente hinweg miteinander in Kontakt kamen. Im Laufe ihrer Reise sieht sie israelische und russische Ausgaben davon.

„Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind“ heißt ihr Buch, weil Esther Safran Foer, die keineswegs spiritistisch veranlagt ist, im Zuge ihrer Forschungen eine Verbindung zu den Toten zu spüren begann. Die Erde zu betreten, wo die Häuser der Familien ihrer Eltern standen, war außerordentlich bedeutsam für sie. Man kann den Titel jedoch als Botschaft für die heutigen Gesellschaften sehen. Wenn die Erinnerung an den Hass, an die systematische Vernichtung eines Teils der Bevölkerung wachgehalten wird, besteht die Hoffnung, dass sie auch eine Mahnung ist.

Das Buch

Esther Safran Foer:
Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind.
Aus dem Englischen von Tobias Schnettler. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020.
290 S. mit s/w. Abbildungen, 22 Euro.

Das Bild auf dem Titel zeigt Esther Safran Foer auf den Armen ihrer Mutter im Lager für Displaced Persons in Deutschland.