Anna. Edward. Susann. Amira. Horst. Galina. Sechs Namen, sechs Gesichter. Sechs Menschen, die überlebt haben, deren Geschichte wir erfahren können. Sechs Gesichter, die sichtbar geworden sind, gemacht wurden, sechs von 200. So viele Menschen hat Luigi Toscano getroffen, in Deutschland, in Russland, in der Ukraine, in Israel, in den USA, hat mit ihnen geredet, geweint, gelacht, gegessen, sie umarmt und sich umarmen lassen. Und er hat sie fotografiert. Stellvertretend für Tausende andere, die auch überlebt haben. Und für die Millionen, die sterben mussten, verhungerten, erschossen wurden, vergast wurden. Luigi Toscano hat fotografiert, damit wir sie alle nicht vergessen.

Anna. Edward. Susann. Amira. Horst. Galina. Er nennt die Namen immer wieder an diesem Vormittag in einer Berliner Hotel-Lobby. Anna, das Versuchskind von Dr. Mengele, drei Jahre alt, als Auschwitz befreit wurde. Die sich jahrelang vor Ärzten fürchtete und beschloss, selbst Ärztin zu werden, gegen die Angst. Edward, KZ Dachau, KZ Mannheim-Sandhofen, Zwangsarbeiter bei Daimler-Benz. Edward, der ausrief: „Das ist ja wie bei der Gestapo hier“, als Toscano für das Porträt die Lampe auf sein Gesicht richtete. Amira, die ihm erklärte, was Hunger ist. Galina, die ihm und seinem Team Butterbrote mitgab, „hier, Junge, du musst essen“. Toscano lächelt, als er das erzählt, er erinnert sich gern an die Begegnungen, an das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wurde, ihm, dem Fotografen aus Deutschland. Von Menschen, von denen viele es kaum ertragen können, jemanden Deutsch sprechen zu hören. Vielleicht haben sie gespürt, dass da einer kam, dem es um sie ging, nur um sie.

Luigi Toscanos Projekt „Gegen das Vergessen“ ist mehr als eine Fotoausstellung. Die Bilder von Menschen, die Konzentrationslager, Todesmärsche, Folter und Zwangsarbeit, Hunger und Leid überlebt haben, waren nie in einem Museum oder einer Galerie. Toscano wollte von Beginn an, dass man sie sehen muss. Wochenlang hingen die überlebensgroßen Porträts in den Fenstern der Alten Feuerwache seiner Heimatstadt Mannheim, an einem Platz, an dem täglich Zehntausende vorbeikommen. Das war 2015. Seitdem ist viel passiert. Ein Bildband ist erschienen. Toscanos Fotos waren in Nachrichtensendungen zu sehen, Zeitungen berichteten.

Wie viel Nähe ist möglich?

Der Grund für diese plötzliche Popularität ist Babyn Jar. Dort erschossen Sonderkommandos der SS und der Wehrmacht am 29. und 30. September 1941 innerhalb von 36 Stunden über 33 000 Juden, die meisten von ihnen alte Männer, Frauen und Kinder. Das Massaker von Kiew war die größte Massenerschießung des Zweiten Weltkrieges. Anlässlich der Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag stellte Toscano 50 seiner Porträts dort aus, links und rechts der Wege, auf Augenhöhe. Alle mussten daran vorbei, die Staatsgäste, die Berichterstatter, die Spaziergänger.

Dass die Bilder überhaupt dort stehen durften, war eine kleine Sensation. In der Ukraine wie auch in Russland steht die Gedenkkultur noch am Anfang. In den Sechziger- und Siebzigerjahren war es in der Sowjetunion verboten, Kränze mit jüdischen Symbolen an Orten der Massenerschießung niederzulegen. Erst mit der Unabhängigkeit der Ukraine wurde eine Gedenktafel für die ermordeten Juden angebracht. Viele Überlebende in der Ukraine und in Russland erzählten ihre Geschichte zum ersten Mal, als Luigi Toscano mit seiner Kamera kam.

Mit welcher Wucht ihn selbst diese Besuche durchschütteln würden, hatte er anfangs unterschätzt. Die Tränen, die seiner Gastgeber und die eigenen. Die Unsicherheit, die Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Aber auch das Glück und die Dankbarkeit. „Ich hatte ja kein Handbuch dabei, in dem steht, wie man mit Auschwitz-Überlebenden spricht“, sagt er. „Ich musste mich auf mein Gespür verlassen.“ Dazu gehörte auch, die Menschen dort abzuholen, wo sie waren. Nicht nur räumlich, Toscano hat in winzigen Wohnzimmern, engen Fluren, in Bädern fotografiert. Sondern auch menschlich: Wie viel Nähe ist möglich? Wie viel Distanz ist nötig? Wer viel erzählen wollte, dem hat er Stunden zugehört, wollte jemand nichts sagen, blieb es beim Foto.

Wie vorsichtig Toscano sich den Menschen näherte, zeigt eine Szene aus dem Film, der nächstes Jahr fertig werden soll. Auf einem Stuhl sitzt Andrzej, geboren 1930 in Warschau, ein schmaler alter Mann, auf dem Kopf die blau-weiß gestreifte Häftlingsmütze. Es war sein Wunsch, sie für das Foto zu tragen. Toscano will ihm bedeuten, dass er den Kopf ein wenig drehen soll, nähert sich mit seiner Hand dem Gesicht – und wendet sich, kurz bevor er den Greis berührt, an den Dolmetscher und fragt: „Darf ich ihn anfassen?“ Dann legt er sacht seine große Hand an das runzlige Kinn. Es liegt viel Behutsamkeit in diesem Moment.

Diese Sensibilität war es wohl, die die Porträtierten so offen machte gegenüber diesem Deutschen mit dem italienischen Pass, diesem Luigi Toscano, 1972 geboren in Budenheim bei Mannheim. Vielleicht spürten sie, dass auch er keinen leichten Weg hinter sich hat. „Ich glaube, sie haben gewusst, dass ich ihnen als Mensch begegne, nicht als Fotograf, Chronist oder Künstler“, sagt er, „und ich habe davon profitiert, dass ich manches kannte, was ich bei den Leuten zu Hause gesehen und gehört habe. Armut. Elend. Tod. Auch wenn meine Erfahrungen nicht vergleichbar sind mit diesen Schicksalen.“

Toscanos Eltern kamen aus Sizilien nach Deutschland, der Vater arbeitete in der Fabrik, die Mutter war Hausfrau. „Sie sind nie richtig in Deutschland angekommen“, sagt Toscano heute. 50 Jahre habe sein Vater hier gelebt, ohne Deutsch zu lernen. Er arbeitete, er trank. „Die Familie hat nicht funktioniert“, sagt Toscano, sachlich, ohne Groll. Sechs jüngere Geschwister hat er, „tolle Geschwister“, alle seien miteinander in Kontakt – heute. Damals floh er, schon als Kind, es folgten verschiedene Heime, Leben auf der Straße, Alkohol und Drogen. Nach dem Hauptschulabschluss machte Toscano eine Ausbildung zum Rohrschlosser, arbeitete als Dachdecker, Pizzabäcker und Türsteher. Und sah irgendwann eine gebrauchte Kamera in einem Schaufenster. Toscano kaufte sie, verschoss, wie er sagt, zwei Filme voller Bilder „zum Wegschmeißen“ und besuchte einen Volkshochschulkurs. Der Dozent erkannte das Talent und ermutigte ihn dranzubleiben.

Er blieb dran. Probierte, lernte, verfeinerte, es folgten Projekte, die Gründung seiner Produktionsfirma für Fotografie und Film, die erste große Ausstellung. Unter dem Titel „Heimat_Asyl“ platzierte Toscano vor zwei Jahren riesige Porträts von Asylsuchenden in den Fenstern der Alten Feuerwache. Die Bilder ähneln denen des Projekts „Gegen das Vergessen“ nicht nur in ästhetischer Hinsicht: ungeschminkte Gesichter vor schwarzen Hintergrund, die den Betrachter direkt in die Augen schauen. Auch sein großes Thema offenbart sich hier schon: die Unsichtbaren sichtbar zu machen. Zu zeigen und zu mahnen, ganz direkt, ohne Theorien, ohne „Gelaber“, wie er es ausdrückt.

Um die Menschen zu bewegen, brauche es nicht viele Worte, sagt er. Man müsse sie bei den Emotionen packen. Auch er ist beunruhigt über die nationalistischen Bewegungen in Europa, über die Fremdenfeindlichkeit, über den Hass, die Gewalt. „Es gibt viele, die vergessen haben. Die vergessen wollen.“ Angst haben will er dennoch nicht, denn Angst lähmt. „Ich kann dem etwas entgegensetzen. Etwas Großes.“ Weder „Heimat_Asyl“ noch „Gegen das Vergessen“ sind jedoch als Reaktion auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen entstanden. Fragt man Toscano, wie er darauf kam, Holocaust-Überlebende in der ganzen Welt zu besuchen, sagt er: „Ich wollte das schon lange machen. Und wenn ich mir was vornehme, mache ich das. Ganz einfach.“

Ganz einfach? Um ihn zu verstehen, seine Entschlossenheit, seine Gelassenheit, muss man seine Sätze kennen, Toscano nennt sie „Sprüche“. Manch einer stammt von Menschen, die er auf seinen Reisen traf, andere hat er aus Therapien mitgebracht, die ihm einst zurück ins Leben halfen. Wieder andere hat er selbst für sich formuliert. „Ihr wollt das nicht sehen? Ich zeige es Euch trotzdem“ – das ist so ein Satz, den er innerlich allen entgegenhielt, die Zweifel an dem Plan hegten. Etwa den Institutionen, die er um Hilfe oder Geld bat. „Es kamen viel mehr Absagen als Zusagen“, erzählt er. Immer wieder habe alles auf der Kippe gestanden – bis heute.

Der permanente Kampf ums Geld war für Toscano, der in der ganzen Zeit kaum kommerzielle Aufträge entgegennahm, eine große Belastung. Zusätzlich zu allem, was er und seine Mitstreiter, die Kunsthistorikerin Julia Teek und der Kommunikationsdesigner Holger Jan Lehmann, verkraften mussten: die Strapazen des Reisens. Die Sehnsucht nach der Familie. Und vor allem natürlich die Geschichten von Anna, Edward, Susan und all den anderen. Wie hält man das durch?