Willkommen in der HRD, der Homeoffice Republik Deutschland.
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BerlinWahrscheinlich wird „Homeoffice“ das Wort des Jahres. Alle sind ja jetzt im Homeoffice. Wir sind die HRD – die Homeoffice Republik Deutschland.

Die wirklich wichtigen Berufsgruppen sind natürlich nicht im Homeoffice. Was zeigt, dass Leute wie ich, Journalisten, nicht so wichtig sind, was für das große Wichtigkeitsgefühl dieses Berufsstandes ja auch mal ganz heilsam ist.

Meine Frau ist plötzlich auch im Homeoffice. Jeden Morgen frage ich mich: Was macht sie denn hier? Warum geht sie denn nicht ... weg? Arbeiten? Hat sie denn nichts zu tun, dort draußen? Die schönste Idee hatte meine Mutter, 83 Jahre alt. Sie sagte zu meiner Frau am Telefon: „Wenn du jetzt im Homeoffice bist, kannst du Jochen doch immer was zum Mittag kochen.“ Ganz genau! Aber stattdessen koche ich für meine Frau, weil sie das satt und sanftmütig macht.  

Natürlich wird das Homeoffice unser Land verändern. Viele Arbeitgeber merken nun, dass sie sich die riesigen Büros in der Innenstadt zu teuren Gewerbemieten sparen können. Funktioniert ja alles auch so. Homeoffice forever.

Steigen werden auch die Geburtenzahlen. Es ist wie in der DDR: Wenn sonst nichts los ist, hat man eben Sex. Später wird man von den „Corona-Kindern“ sprechen, die im März, April 2020 gezeugt wurden. Ängstliche Kinder, die nicht gerne ins Freie gehen und zu Hause am liebsten mit Toilettenpapier spielen.

Natürlich gehen sich Paare, nach ewigem Homeoffice und ohne andere Sozialkontakte, auch wahnsinnig auf die Nerven. Es heißt ja immer: In der Krise zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen. Ja, leider. In der Zeitung las ich, dass in China, nachdem dort das Ausgehverbot gelockert wurde, viele Menschen die Standesämter stürmten. Um die Scheidung zu beantragen.

Vermutlich geben einige Eltern ihre Kinder auch bald zur Adoption frei. Nach drei, vier Wochen zusammen in der Wohnung merken sie: Der Malte ist echt ein kleines, egozentrisches Arschloch und passt überhaupt nicht zu uns.  

Oft heißt es ja nun: Man muss solidarisch sein. Deshalb habe ich erst mal Aktien gekauft, um die armen Banken und unser Wirtschaftssystem zu unterstützen. Dann aß ich in meinem leeren Stammcafé, um den verzweifelten Wirt zu unterstützen. Dann saß ich, als einziger Kunde, bei meiner verzweifelten Friseurin, um auch sie zu unterstützen.

Wenn ich all die Leute sehe, die gerade um ihre Existenz kämpfen, dann möchte ich den Leuten, deren einzige Sorge das Homeoffice und die geschlossene Kita oder die geschlossene Schule ist, sagen: Bitte nicht laut beschweren. Lieber: Klappe halten!  

Noch nerviger sind allerdings jene Journalisten, die nun ständig wissen, wie man alles besser machen könnte. Und was die Regierung tun müsste. Und dass man ja alles viel früher hätte wissen können. Und das man nun wirklich eine Ausgangssperre verhängen muss.
Totaler Shutdown, sofort! Und das lässt sich natürlich leicht fordern, wenn man selbst in der hübschen 150-Quadratmeter-Altbauwohnung sitzt oder im Landhaus statt in der engen Normalbürger-Butze.  

Wen ich gerade sehr mag? Die unaufgeregte Angela Merkel. Lothar Wieler, den klugen Präsidenten des Robert-Koch-Instituts. Ja, ich mag jetzt sogar Markus Söder und Olaf Scholz. All die alten weißen Männer und alten weißen Frauen, die versuchen, uns irgendwie aus der Krise zu bringen. Bis vor kurzem war „alt“ und „weiß“ ja eine Kombination, der man medial vor allem Verachtung entgegenbrachte.
In der Jugend lag dagegen alles Heil der Welt. Ich bin froh, dass die alten weißen Männer und Frauen jetzt da sind.

Die Jugend? Feiert Corona-Partys.  
Die Alten retten uns vielleicht den Arsch.