Es war sicherlich nicht einfach für Luca Guadagnino. Der italienische Regisseur hatte im vergangenen Jahr mit „Call me by your name“ ein poetisches Sommermärchen einer schwulen Jugendliebe erzählt, das sowohl beim Publikum als auch bei Kritikern und Preisjuroren Anklang fand. Nun warteten alle gespannt auf den Nachfolger.

Guadagnino entschied sich für ein Remake von „Suspiria“, einem Horrorklassiker von 1977, in dem sein Landsmann Dario Argento die Geschichte der Elevin Susie Bannion erzählt, die aus Amerika nach Deutschland kommt, um an einer Tanzschule zu studieren. Dort tragen sich jedoch höchst seltsame Dinge zu. Mehrere Tänzerinnen werden ermordet.

"Suspiria" ist die Coverversion des Originals

Guadagnino bedient sich mehr als vierzig Jahre später lediglich an Argentos Grundgerüst, der Rest seines Remakes entspringt seiner eigenwilligen Vorstellungskraft. Im Vorfeld des Kinostarts pochte er öfters darauf, dass der Film kein traditionelles Remake sei, sondern eine Coverversion des Originals.

Auch bei ihm reist Susie Bannion, gespielt von Dakota Johnson, nach Deutschland, um ihrem Traum, Tänzerin zu werden, ein Stück näher zu kommen. Doch Guadagninos „Suspiria“ spielt nicht wie das Vorbild in München, sondern im winterlichen Berlin von 1977. Mit ihrer feenhaften Ausstrahlung gelingt es Susie, die Leiterinnen der Tanzakademie für sich zu gewinnen. Sie wird aufgenommen und bald entwickelt sich zwischen der Prinzipalin Madame Blanc (Tilda Swinton) und Susie eine starke, fast übernatürliche Verbindung.

"Suspiria" enthält historische Referenzen an die RAF

Doch an der Akademie herrscht von Anfang an Spuk-Atmosphäre, die sowohl dem merkwürdigen Personal als auch dem Umstand geschuldet ist, dass Susies Tanz sich auf unerklärliche Weise intensiviert. Sie scheint mitunter wie besessen. Ungewöhnlich ist auch, dass eine Mittänzerin verschwindet. Patricia Hingle (Chloë Grace Moretz) soll Terroristin geworden und der RAF beigetreten sein, zumindest wenn man der dubiosen Schulleitung Glauben schenkt.

Womit man bei der nächsten Erzählebene wäre: Anspielungen und historische Referenzen an die RAF sind in „Suspiria“ allgegenwärtig, sei es durch Film- und Radioausschnitte oder als mutmaßliches Lebensziel einzelner Tänzerinnen. Eine etwas befremdliche Entscheidung, die Geschichte in eine so geladene Zeit zu versetzen, vor allem weil allein das Setting von „Suspiria“ bereits derart ausdruckskräftig ist.

Hinzu kommt eine weitere Schlüsselfigur außerhalb der Tanzakademie, ein deutscher Psychiater namens Josef Klemperer (ebenfalls Tilda Swinton), der seine Frau seit dem zweiten Weltkrieg vermisst. Er behandelt die Ausreißerin Patricia, deren Neurosen und Angstzustände außer Kontrolle geraten. Sie ist davon überzeugt, Madame Blanc und ihre Kolleginnen seien Hexen. Auch Klemperer schöpft Verdacht und beginnt eine investigative Recherche.

"Suspiria" ist ein undurchschaubares Sammelsurium

Als „Suspiria“ seinen orgiastischen Splatter-Höhepunkt erreicht, weiß man mitunter nicht genau, ob die daraus resultierende Komik von Guadagnino gewollt oder ungewollt ist. Ähnlich ist es mit dem Soundtrack von Radiohead-Frontman Thom Yorke. Im Original von 1977 vermochte es die italienische Progrockband Goblin, die expressiven Farben von Dario Argentos Film zu unterstreichen, im Remake – oder eben Cover – wirkt Yorkes phlegmatisch-melodiöser Gesang zu den martialischen Tanzsequenzen sehr unpassend, nahezu weinerlich.

Luca Guadagnino scheitert bei seiner Neuverfilmung daran, dass er sich zu viel vornimmt. Einerseits will er mit „Suspiria“ Susies Geschichte erzählen, im Genre des Horrorfilms und durchwirkt mit übernatürlichen Elementen, zum anderen schwebte ihm wohl eine Betrachtung des Nachkriegsdeutschlands vor, mit Reflektionen über Schuld und Verantwortung. Und Psychoanalyse gibt es auch noch. Es ist ein Sammelsurium, das auch die gekonnt inszenierten Tanzeinlagen nicht retten können.

Suspiria Italien, USA 2018. Regie: Luca Guadagnino. Darsteller: Dakota Johnson, Tilda Swinton, Mia Goth, Chloe Grace Moretz, Elena Fokina, Jessica Harper u. a., 152 Minuten, Farbe. FSK: ab 16 Jahre.