Mit Kölscher Mundart ist das so eine Sache. Wer sie selbst spricht, hält es oft für ein Gottesgeschenk rheinischen Frohsinns. Wer ihr gern lauscht, wird vielleicht an eine göttliche Komödie erinnert. Wer keins von beiden pflegt und Humor über mehr als lustige Idiome definiert, hält das Geschwatze dagegen für nichts weniger als eine Gottesstrafe. Preisfrage: Welcher der drei Typen ist Horst Lichter?

Gut, weil die Antwort wohl doch ein bisschen arg nah liegt, um dafür auch noch irgendwas Bezifferbares auszuloben, lassen wir das Gewinnspiel beiseite, nutzen aber den Anlass, kurz über jenen Mann mit dem lustigen Dialekt zu sprechen, der aus einem lustigen Kahlkopf mit lustigem Wilhelm-Zwo-Zwirbelbart purzelt, als wäre die Welt ein einziges Kölschgelage. Denn genau so muss sich dieser Horst Lichter ja fühlen: wie im Rausch, nahe dem Delirium, erfolgstrunken bis zum Exzess. Der Wahlkölner aus dem – wissen seine neuen Nachbarn das eigentlich? – Regierungsbezirk Düsseldorf ist schließlich alles Mögliche, aber nicht komisch. Er ist zudem fürs Fernsehen nur unzureichend ausgebildet. Und Achtung: So ulkig er auch vor jeder nur erdenklichen Kamera mehr Senf, Sahne, Soße dazu gibt, als für gewöhnliche Mägen bekömmlich, ist Horst Lichter alles andere als ein herausragender Koch.

Vielleicht wird jetzt ja deshalb endlich das, was er wirklich beherrscht, was sozusagen seinen Markenkern bildet, auch zum Wesenskern einer ganzen Sendung. Sie heißt etwas holprig, aber genregemäß gereimt „Bares für Rares“ und handelt grob zusammengefasst von altem Zeugs, genauer: mit altem Zeugs. Sonntagmittag um 13.15 Uhr hilft der plebejische Horst seinem Pöbel fortan gewohnt mundartbewaffnet dabei, mal wertlose, mal wertvolle Dachbodenschätze „vom alten Küchenschrank der Oma bis hin zum einzigartigen Sammlerstück“, wie es im Pressetext heißt, an fünf gewiefte Antiquitätenhändler zu verkaufen.

Zum Auftakt versucht es zum Beispiel eine ältere Dame mit jahrhundertealten Handschriften – und kriegt dafür nach heftigem Gefeilsche klischeehaft freakiger Bieter (eine empathische Blondine, ein obskur gekleideter Gruftie, ein profitgeiler Schweizer, ein stinknormaler Jäger, ein derber Bayer mit Hosenträgern) stolze 1 200 Euro. Ein Mann mittleren Alters bringt es gar auf nahezu das Zehnfache für ein seltenes Silberservice aus England, während das durchgesessene Lederkanapee einer jungen Frau mit ganzen 250 Euro abgespeist wird.

Und so geht es weiter. Und weiter. Und weiter. Zunächst mal sechs Folgen werden durch und durch durchdeklinierte Charaktere sonntagnachmittags drei ermüdende Viertelstunden lang versuchen, irgendwie authentisch, also scheinbar nicht vom Regisseur instruiert, am Objektiv vorbei zu dilettieren und daran herzhaft scheitern. Das Format ist in seiner biederen Berechenbarkeit so dösig wie „LandGut“ im Anschluss, ein TV-Magazin, das billiger als jedes Gucci-Imitat aus Indonesien auf den siegesgewohnten Zug der Stadtfluchtpostille LandLust aufspringt – und gerade deshalb womöglich aussichtsreich ist, auf diesem mondsüchtigen Sendeplatz.

Denn Lichter, den dafür wohl auch die eigene Sammelleidenschaft qualifiziert, zeigt, was andernorts im Keller verstaubt. Wiederholungen, Rentnerfernsehen, solche Sachen. Wenn das Nachmittagsprogramm insgesamt schon eine einzige Trödel-Show ist, warum also nicht gleich eine so nennen? Und warum nicht gleich mit Horst Lichter? Der Fiftysomething sagt ja gern Altbackenes wie „Mein lieber Scholli“ oder robuster „leck mich am Arsch“, spricht also die Sprache der Straße, wenngleich einer ländlichen, der die Jugend zusehends Richtung Stadt entflieht.

Das alles passt perfekt zu diesem seltsamen Fernsehgewächs. Aufgewachsen im rheinischen Braunkohlerevier, hat der Bergmannssohn nach dem Nötigsten an Schulbildung den Beruf Koch gelernt, danach jedoch eher Briketts als Braten fabriziert oder nach den Küchenschichten auf dem Schrott sein Salär aufgebessert.

Horst Lichter, so sagt uns seine Biografie, ist einer von uns. Einer, der Krankheiten bis hin zur Nahtoderfahrung durchleiden musste. Der früh verheiratet vier Kinder aus zwei Ehen hat und in der dritten lebt. Einer, der ständig hinfällt, aber immer wieder aufsteht. Der seine Sammelleidenschaft mit der zum Kochen im Trödelrestaurant „Oldiethek“ bündelte, was ihn 2006 ins Fernsehen führte. Als proletarischer Sidekick des Sternekochs Johann Lafer zählt er seither zum Inventar öffentlich-rechtlicher Seniorenbespaßung, zuletzt zu bestaunen in Deutschlands größter Grillshow, wo beide gemeinsam aus einem ausverkauften Tennisstadion heraus die ZDF-Primetime füllen durften.

Als anspruchsvoller Zuschauer sieht man Lichter dann zu und fragt sich, wie es jemand so Zotiges, Brachiales, Inhaltsleeres auf den gebührenfinanzierten Samstagabend bringt. Bis man merkt: Lichter ist Fernsehen und Fernsehen ist Lichter, eine Symbiose, so innig, dass sie selbst „Bares für Rares“ rechtfertigt. Anschalten muss man es deshalb ja nicht gleich.