Es gibt Bandjubiläen, die einem das eigene fortgeschrittene Alter vor Augen führen. Daneben gibt es Jubiläen, die einem die Behauptungsfähigkeit einer Band gegen jede Form von Trend und Zeitgeschmack demonstrieren. Das gilt auch für das 40-jährige Bandjubiläum der Toten Hosen, das die Band mit einer Stadiontour und – das gehört zum guten Ton – einem Best-of-Album feiert. „Alles aus Liebe“ heißt das Jubiläumsalbum.

40 Jahre Bandgeschichte, ein kleines bisschen Horrorshow? Nein, die Hosen haben sich im Griff, keine Abstürze, Skandale; deutsche Zuverlässigkeit, in Bandform gegossen, sozusagen. Und wie schafft es eine Band, sich und ihren Fans 40 Jahre lang die Stange zu halten? Der Album-Titel kommt nicht von ungefähr. Aus Liebe erbringt man bekanntermaßen ein paar Opfer.

Bekannt für musikalische oder lyrische Experimente waren die Hosen nie

Machen wir uns nichts vor: 40 Jahre Zusammensein im Musikbusiness, das sind so etwa 120 Ehejahre, und bekanntlich halten ja die allerwenigsten Ehen so lange. Seit den ikonischen Tagen der Band gab es auch nur einen Bandmitgliederwechsel: als 1999 Vom Ritchie Schlagzeuger Wolfgang Rohde ablöste. Allerdings aus gesundheitlichen Gründen. Ansonsten hörte man bei den Hosen nichts über Streitigkeiten und Zwiste. Sogar die englischen Royals haben weniger Disziplin als die Düsseldorfer Truppe.

Bekannt für musikalische oder lyrische Experimente waren die Hosen nie. Die Hosen sind sich treu geblieben (was man ja als Kompliment lesen kann oder nicht), haben in den letzten Jahrzehnten zuverlässig das eigene musikalische Repertoire auf Stadiontauglichkeit getrimmt.

Ich war ja ein Kleinstadt-Teenager

Die Hosen – und das ist nun wiederum gar nicht despektierlich gemeint – haben sich zu einer Band gemausert, auf die sich alle einigen können, wenn man das ein oder andere Bier intus hat und man, was den Ruf des eigenen musikalischen Geschmackes anbelangt, nichts mehr befürchtet. Und ich sage das als Mensch, der als Jugendliche sehr viele Stunden damit zubrachte, eben diese Hosen zu hören. Sie waren damals das Höchstmaß an Widerständigkeit, das ich mir ohne Zugang zu einem tieferen Wissen über Punk-Musik und Subkultur aneignen konnte. Ich war ja ein Kleinstadt-Teenager.

Tatsächlich war die ostdeutsche Kleinstadt meiner Jugend so peripher, dass ich hier nicht einmal etwas von dem ultimativen Richtungsstreit erfuhr, der Frage aller Fragen, die die Geister schied: Bist du Hosen- oder Ärzte-Fan? In jenen längst vergessenen, ewig vergangenen Tagen kam die Frage einem Glaubensbekenntnis gleich. Also wie: Protestant oder Katholik? Die Absolutheit dieses Bekenntniszwangs kannte man so vorher nur von den Beatles und den Stones: Und wie bei den Beatles und den Stones stand die eine Band für die etwas bravere, gesetztere Variante – die Beatles, die Hosen – und die anderen, nun ja, für den echten Geist des Rock 'n' Roll. Immerhin wurden Ärzte-Alben indiziert! Beim Umzug in die nächstgrößere Stadt und mit dem Besuch der ersten Punkclubs ereilte mich dann eine schockierende Wahrheit: Weder Ärzte noch Hosen waren Punk.

Wo nebenbei der Bullenmord besungen wird

Nun ja, olle Kamellen. Anlässlich des Jubiläumsalbums, das übrigens sieben neue Tracks beinhaltet und in dem die Hosen sich selbst geremixt haben (wie sich das für diese Art von Album gehört), höre ich also doch wieder hinein in die alten Songs. Auch nach zwei Jahrzehnten kann ich die Songs mitgrölen, was einerseits daran liegt, dass ich sie so oft hörte, und anderseits – no offense –, weil sie so einfach gestrickt sind. Alles aus Liebe für den Bommerlunder mit Bonnie und Clyde: „Ich geh mir dir durch dick und dünn/ Bis an das Ende dieser Welt.“ Lyrics wie von einem Chatbot erdichtet. Das kann man den Hosen gar nicht vorwerfen, denn Deutschrock ließ mit den Achtzigern zu großen Teilen jeden lyrischen Formwillen hinter sich.

Wie alt Band und Songs sind, sieht man auch daran, wie schräg heute manches in den Ohren des Hörers klingt. „Alles aus Liebe“ war für mein Teenager-Ich der Inbegriff der tragischen Liebesgeschichte, ist aber offensichtlich die Schilderung einer toxischen Beziehung durch einen hochgradig toxischen Mann. „Komm, ich zeig dir, wie groß meine Liebe ist/ Und bringe uns beide um.“ Wow, einfach wow. Das Motto der scheinbar tragischen, aber dysfunktionalen Beziehung kehrt in „Bonny und Clyde“ wieder. Wo nebenbei der Bullenmord besungen wird, was damals keinen Aufschrei erzeugte (es gab auch keine twitternden Bild-Chefredakteure).

Eine wieder aufflammende Liebe im fortgeschrittenen Alter

Und dann kommt der Song, der so hochpolitisch und brisant war, dass er den Ruf der Hosen als durchaus ernst zu nehmende Band begründete: „Hier kommt Alex“. Der Song beginnt als Protest gegen das durchgetaktete, programmierte Leben. Doch Alex boykottiert nicht nur das Robotten, er geht allabendlich auf Jagd. „20 gegen einen/ bis das Blut zum Vorschein kommt.“ Solche Zeilen konnten Teenagern, zumal in den Baseballschlägerjahren, zuverlässig eine Gänsehaut über die Arme jagen. Und seltsam, seltsam: Beim Wiederhören stellt sich dasselbe Gefühl ein.

Huch, eine wieder aufflammende Liebe im fortgeschrittenen Alter? Gut möglich. Alles bisschen zahmer, bisschen weniger stürmisch, ohne Springerstiefel und Punkfrisur. Und Gott sei Dank ohne Jägermeister.