Der Trompeter Till Brönner hatte bereits 2016 ein House of Jazz in der Alten Münze ins Gespräch gebracht.
Foto: German select/Isa Foltin

Berlin - Das Kulturschaffen ist kein leichtes, und dies gilt in Deutschland ganz besonders für Musiker. In seinem Buch „Vom Imperiengeschäft“ zitiert der Konzertveranstalter Berthold Seliger das durchschnittliche Einkommen nach den Zahlen der Künstlersozialkasse, wo Freischaffende zu besonderen Konditionen unter dem Dach einer Sozialversicherung Schutz finden können. Alle dort registrierten Künstler lagen 2017 bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 17.000 Euro. Musiker mussten sogar mit 3000 Euro weniger auskommen.

Natürlich gibt es populäre Gutverdiener darunter – aber nicht unbedingt im experimentellen Bereich. Je komplexer, voraussetzungsvoller, desto mehr Nische. Entsprechende Konzerte finden oft in winzigsten, verstreuten Orten statt, die Gagen liegen im zweistelligen Bereich. Und Probenräume werden gentrifiziert.

Jazz-Zentrum: Teile der freien Szenen nicht repräsentiert

Kein Wunder also, dass sich die IG Jazz, die Interessensvertretung der Berliner Jazzer, über den Senatsbeschluss gefreut hat, im Haus 4/5 auf dem Gelände der Alten Münze in Mitte ein „Zentrum für Jazz und improvisierte Musik“ einzurichten. 35 Millionen Euro will Berlin in die Sanierung stecken, der Bund schießt 12,5 Millionen zu, und auch für laufende Kosten soll es Gelder geben, für zwei Konzertsäle etwa, Probenräume, Studios.

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Tolle Sache, möchte man meinen. Es ist aber kompliziert. Nach der Bekanntgabe reagierte die INM, die Initiative Neue Musik, die sich seit 1991 für die Belange der freien Musikszene einsetzt, mit Unmut. Zum einen, „weil trotz des recht weitgreifenden Begriffs der improvisierten Musik“ große Teile der freien Szenen nicht repräsentiert würden, darunter „zum Beispiel komponierte zeitgenössische Musik, Alte Musik, zeitgenössisches Musiktheater“, die alle dringend bezahlbare Spielstätten bräuchten, wie Claudia van Hasselt, die Sängerin und Vorsitzende der INM, sagt.

Jazz-Zentrum: Schnittstellen in Konzept eingearbeitet

Auch die experimentelle Echtzeitmusikszene, im aktuellen Konzept ausdrücklich als potenziell Beteiligte aufgeführt, stört sich an der Subsumierung unter Jazz. Wobei es nicht einfach um die Begriffe geht. Schließlich sind die Schnittstellen zwischen den zeitgenössischen Genres groß, wie zuletzt ganz wunderbar Anthony Braxton beim Eröffnungskonzert des Jazzfests vorführte, in dem 60 Leute in kleineren und größeren Gruppen den Gropiusbau bespielten – die Mitwirkenden kamen aus den verschiedensten Ecken der musikalischen Avantgarde (nicht nur) Berlins.

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„Natürlich verschwimmen die Grenzen“, sagt Kathrin Pechlof, Harfenistin und Geschäftsführerin der IG Jazz. „Genau darum haben wir diese Schnittstellen in das Konzept eingearbeitet, auch strukturell, also in Form eines künstlerischen Beirats, in dem auch Leute sitzen sollen, die sich in den spezifischen Subszenen gut auskennen. Aber wegen des Kerns aus Jazz und Improv war es der Neuen Musik zu wenig.“

Bundesmittel hängen am Jazzschwerpunkt

Tatsächlich stoßen sich nicht wenige auch an der Figur des Trompeters Till Brönner. Der hatte schon 2016 ein House of Jazz ins Gespräch gebracht und dank seiner Popularität gewichtiges Gehör gefunden und den Entwicklungsprozess überhaupt angestoßen. Die Szene fürchtete nicht ganz ohne Grund, er wolle ein Institut nach Art des Lincoln Jazz Center in New York einrichten, wo Wynton Marsalis die Jazztradition als afroamerikanische Hochkultur pflegt.

Die Alte Münze

Das Gebäude: Die Alte Münze am Mühlendamm in Berlin-Mitte war als Münzprägeanstalt die Nachfolgeeinrichtung der historischen Prägeanstalt am Werderschen Markt. Sie wurde 1935 nach Plänen der Architekten Fritz Keibel und Arthur Reck errichtet. Zum Jahreswechsel 2005/2006 gab die Staatliche Münze den Standort auf.

Die Projekte: 2018 hat das Abgeordnetenhaus beschlossen, die Alte Münze als Kultur- und Kreativstandort zu entwickeln. Neben Räumen für experimentelle Kunst und einem Urban-Gardening-Projekt soll hier in den nächsten Jahren ein Zentrum für Jazz und improvisierte Musik enstehen, das auf einer Idee des Trompeters Till Brönner basiert.

Brönner ist nun, neben der deutschen Jazzunion und der IG Jazz, beteiligt, und zumindest die Bundesmittel hängen ausdrücklich am Jazzschwerpunkt. Zudem hat sich natürlich in den vier Jahren seit Brönners Vorstoß einiges getan. „Der beschreibende Name steht auch dafür, dass hier keine Pflöcke eingeschlagen werden“, sagt Pechlof.

Jazz-Zentrum: Kritik am Beteiligungsverfahren

Die Unzufriedenheit der freien Szene bezieht sich wiederum vor allem auf die Art, wie das geschah. Der Senat hatte im vergangenen Jahr ein an sich vorbildliches Beteiligungsverfahren eingeleitet, in dem es, sagt van Hasselt, „nicht um konkurrierende Konzepte gehen sollte, sondern darum, die Bedarfe der gesamten freien Szene – nicht Einzelner – festzustellen.“

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Auch Pechlof versteht die Kritik am Lauf des Beteiligungsverfahrens. „Aber“, sagt sie, „ich finde es erfreulich, dass es das Beteiligungsverfahren überhaupt gab. Die Politik hätte ja auch einfach Konzepte aufrufen und entscheiden können. Es gab ja durchaus auch Vorschläge für einen Partytempel mit Clubs und Eventvermietung.“

Sichtbarkeit für dezentrale Szene erhöhen

Konkret stellt sich bei aller Genreoffenheit die Frage nach der Ausgestaltung. Zum Beispiel auch der Performanceräume. „Wir spielen nicht Nischen gegeneinander aus, wir sitzen ja alle im selben Boot“, sagt Pechlof, selbst zwischen Jazz und zeitgenössischer Weite unterwegs.

Durch die recht offene Formulierung können die Konzerträume dabei zwischen Mainstream und Experiment, vom Jazz über, etwa, die elektroakustische oder Echtzeitmusik, die Sichtbarkeit für die kleinteilige und dezentrale Szene erhöhen. „Wie so oft in Berlin spielen Leute auf internationalen Festivals, aber hier bekommen ihre Auftritte in den kleinen Clubs wegen der dezentralen Struktur häufig nur wenige Menschen mit.“

Kein starkes Vertrauen in die Verwaltung

Van Hasselt wiederum, in der Praxis ebenfalls schnittstellenerfahren, sieht auch Probleme im vorliegenden Saalkonzept mit Bühnen, während zum Beispiel viele Beteiligte, etwa die im Konzept erwähnte Klangkunst, komplett flexible Räume bräuchten. Andererseits gibt es neben dem zentralen Gebäude 4/5 drei Häuser, die nach den auf der Senatsseite einsehbaren Raumtalente kulturell genutzt werden sollen.

„Die Rede war von einem Theater, Ateliers, Tanz, Ausstellungs- und Gemeinschaftsräumen, ohne dass aus den Workshops heraus Empfehlungen für konkrete Nutzer ausgesprochen wurden“, sagt Pechlof. Die Kommunikation habe, sagt van Hasselt, nicht unbedingt das Vertrauen in die Verwaltung geschürt. „Aber die Stadt braucht Räume, die alle Szenen gemeinsam schützten, wo alle miteinander arbeiten können, das ist ein Riesenpotenzial! Wenn ein Projekt mit 14.000 Euro gefördert wird, aber schon die Raummiete für ein, zwei Tage drei bis vier davon frisst – da landen alle im Prekariat. Und so bekommt so ein Haus natürlich ein wahnsinniges Gewicht.“