Herrlich dramatisch und nicht zu stoppen: Amybeth McNulty als neueste „Anne“.
Foto: Netflix

Berlin How dare you!“ ruft das Mädchen mit den dicken geflochtenen Zöpfen fassungslos, „Du gemeiner, hassenswerter Junge, wie kannst du es wagen!“– und haut dem Mitschüler, der an ihren roten Zöpfen gezogen und diese als „Karotten“ bezeichnet hatte, die Schiefertafel über den Kopf.  
 

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind vielleicht nicht zufällig. Das wütende Mädchen ist die elfjährige Anne, Hauptfigur einer Romanserie der kanadischen Schriftstellerin Lucy Maud Montgomery (1874– 1942). Der erste Band „Anne of Green Gables“, 1908 veröffentlicht und 1941 ins Schwedische übersetzt, gehörte zu den Lieblingsbüchern von Astrid Lindgren (1907–2012). Zweifellos darf das rothaarige, sommersprossige, dauerplappernde, hochintelligente und hochdramatische Waisenkind Anne als Vorbild der bald darauf erfundenen Pippi Langstrumpf gelten.

Und die 2003 geborene schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg, die die Regierenden der Welt im September beim Klimagipfel in New York mit ihrem hasserfüllten „How dare you!“ in Verlegenheit brachte, hatte reichlich Gelegenheit, Anne als eigenes Rollenmodell wahrzunehmen. Außer dem Roman gibt es zahlreiche Verfilmungen, darunter den Klassiker von 1934, eine Serie aus den Jahren 1985–87, eine Neuverfilmung von 2016, und seit 2017 fiebert die weibliche Jugend mit Netflix-Zugang an der Serie „Anne with an E“ entlang, deren dritte Staffel bei uns seit 3. Januar verfügbar ist.

Jugendliche Anne setzt den Ton

Ausgerechnet diese neueste und in vielen Hinsichten radikalisierte Fassung hat auf den Ausruf „How dare you!“ in der erwähnten Schulszene verzichtet. Sie wurde in der Vor-Greta-Zeit gedreht und Amybeth McNulty als Anne brüllt ihren späteren Freund Gilbert, gespielt von Lucas Jade Zumann, stattdessen mit den Worten an: „Ich spreche nicht mit dir!“

Ansonsten aber ist das gesellschaftsumstürzende Widerstandspotential (jung, weiblich will), das schon im Roman in schönster Frische und skurriler Pointiertheit vorhanden ist, nicht nur entfaltet, sondern potenziert. In der Tat bietet die aktuelle Staffel nichts weniger als die Genese einer viktorianischen Jugendprotestbewegung, angeführt von einer sich für Soziales, Genderfragen, Diversität und Meinungsfreiheit einsetzenden Anne.

Die historische Folie wird da zuweilen etwas stark strapaziert. Anbiedernd wirkt es interessanterweise trotzdem nicht.  Die Idee, den Stoff noch einmal zu erzählen, hatte die kanadische Schauspielerin und Drehbuchautorin Moira Walley-Beckett, die auch an der Drogenkocher-Serie „Breaking Bad“ beteiligt war.  Sie verlieh der zwar durch und durch theatralischen, aber auch sonnenherzigen Romanfigur noch eine düstere, schmerzbeladene Seite.

Feminismus stark im Roman vertreten

Die Netflix-Anne kommt nicht nur als Waise zu den ältlichen Geschwistern Matthew und Marilla in eine ländliche Gemeinde  auf dem kanadischen Prince Edward Island. Sondern sie bringt auch eine Geschichte von Misshandlung mit. Und die Sozialisierung des leidenschaftlichen und ehrgeizigen Mädchens in der patriarchalen Verschlafenheit des fiktiven Avonlea Ende des 19. Jahrhunderts – hier allerdings ein schwarz-weiß-indianischer Melting Pot – ist komplexer und konfliktbeladener als je zuvor.

Feministisch allerdings ist schon der Roman. Eigentlich hatten Matthew und Marilla einen Jungen aufnehmen wollen, der auf der Farm hilft. Stattdessen bekamen sie die Gedichte deklamierende Anne (mit „e“!), die ehrlich erstaunt fragt: „Warum können Frauen eigentlich keine Minister sein, Marilla?“ Amybeth McNulty, die Netflix-Anne, eine großartig uneitle und herrlich exaltierte Jungdarstellerin spielt eine fast zwanghafte Fokussiertheit auf die jeweiligen Ziele.

Mit Nebenwidersprüchen und doppelten Wahrheiten kann sie schlecht umgehen. Und sie lässt sich nicht stoppen. Als die Schülerzeitung zensiert wird, organisiert sie eine Demonstration für Meinungsfreiheit. „Bringen Sie Ihre Kinder unter Kontrolle“ zischt da der Bürgermeister der Lehrerin zu. „Es sind keine Kinder, und sie sind nicht außer Kontrolle“, pariert diese. Anlass der Zensur ist nichts weniger als ein MeToo-Fall in Avenlea.

Widerstand gegen Ungerechtigkeit

Als ein Mädchen während einer Tanzveranstaltung die Grapscherei eines Jungen zurückweist, und er daraufhin das rufmordende Gerücht verbreitet, sie habe ihn küssen wollen, schreibt Anne ein wütendes Plädoyer für das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das in der Obrigkeit nicht gut ankommt. Schon direkt nach dem Vorfall lässt Anne (in Folge 6) die Tanzparty platzen, indem sie zornig auf den Jungen zumarschiert.

Und da ist es dann endlich, das „How dare you!“ in dieser Fassung. „Wie kannst du es wagen, solche Gerüchte über meine Freundin zu verbreiten!“ Womit dann auch wirklich alle davon gehört hätten, aber so ist sie eben, unsere Greta, äh Anne. Das Prinzip zählt, nicht das Detail. Zu schade, dass die dritte Staffel die letzte sein soll.