Ich oder Nicht-Ich? Das ist ja immer wieder die Frage in der populären Musik. Wenn Männer oder Frauen oder beide gemeinsam davon singen, dass sie verliebt sind, beglückt oder betrübt, dann kann man ihnen, ob man will oder nicht, kaum dabei zuhören, ohne wissen zu wollen, ob sie da gerade von sich selber singen oder ob sie eine Rolle einnehmen – ob sie also „real“ sind oder ob sie irgendetwas zitieren, was nur mittelbar mit ihnen und ihrem Leben zu tun hat. Man kann sich natürlich auch fragen, ob diese Frage nicht müßig ist, aber dafür gibt es unter Freunden und Feinden bestimmter popmusikalischer Erscheinungsformen und Stile immer noch zu viel Hader darüber, ob etwas nun „authentisch“ ist oder nicht sowie darüber, ob man „Authentizität“ nun als besondere künstlerische Qualität werten soll oder nicht vielmehr als Ausdruck eines allzu schlichten Verständnisses von ästhetischer Arbeit: Denn verkennt nicht jeder, der von sich behauptet, sich „selber“ in seiner Kunst widerzuspiegeln, den unwiderlegbaren Umstand, dass in der Kunst vor allem die Kunst herrscht?

Romantisches Schwelgen

Was uns zu Tom Krell bringt, einem 29-jährigen Philosophen und R’n’B-Sänger aus Chicago. In den vergangenen Jahren hat er einerseits als Universitätsassistent den Subjektbegriff in der Philosophie des deutschen Idealismus erforscht, insbesondere bei Fichte, Schelling und Hegel. Unter dem Künstlernamen How To Dress Well hat er andererseits einige der schönsten R’n’B-Platten der letzten Jahre herausgebracht. Beziehungsweise (wie man heute auch sagt) Post-R’n’B-Platten: Denn der im R’n’B typische Gefühlsüberschwang, das seelenvolle Barmen, Schwärmen und Schluchzen brach sich bei How To Dress Well bislang verlässlich an einer jeder Romantik zuwiderlaufenden Schroffheit der Beats und Sounds.

Man könnte auch sagen: In geradezu fichteanisch-dialektischer Weise wurden das Ich und das Nicht-Ich bei ihm ineinander verschränkt. „Love Remains“ hieß die erste Platte, die 2011 von How To Dress Well erschien; darauf juchzte und schmeichelte er wie Justin Timberlake und R. Kelly. Zugleich aber knisterten und rauschten die Lieder, als würden sie von einer vernutzten Vinylschallplatte gespielt. So subjektiv und bekenntnishaft die Songs auch wirkten, so deutlich inszenierte Krell sie zugleich als Aneignung einer ihm „fremden“ Tradition; als unscharfe Echos einer Musik, die er vor langer Zeit einmal hörte. Gerade in dieser Unschärfe wurden die Echos aber als „eigene“ Erinnerungsbilder kenntlich. Er zitierte nicht nur, sondern ließ die zitierte Musik zugleich als Baustein seiner eigenen Biografie erscheinen; im Zitat „fremder“ Sounds kam er also wieder ganz zu sich selbst.

Das hätte nun bloß blutleere Konzeptmusik abgeben können, wäre Tom Krell nicht zugleich ein begnadeter Sänger – wie man bislang vor allem bei seinen Konzerten erleben konnte: Atemberaubend, wie er hier urplötzlich den authentischsten und deepsten Soulgesang anstimmte.

„What Is This Heart?“ heißt das neue Album von How To Dress Well, das in dieser Woche erschienen ist, und man sagt nicht zu viel, wenn man sagt, dass es sein bislang bestes geworden ist. Und das, obwohl alle Dialektik beim ersten Hören daraus verschwunden zu sein scheint. Es knistert und knackt nicht mehr; die Songs wirken vielmehr so, als wollten sie direkt ins Ohr. Nicht mehr Echos und Erinnerungsbilder herrschen, sondern die reine musikalische Gegenwart; und so schön gesungen wie hier hat Tom Krell auf keiner seiner bisherigen Platten. Nicht nur R. Kelly kann man hier wiederum hören, sondern auch die Vokalakrobatik von Beyoncé und Michael Jackson; dessen Kunst des erotisierten Uk-a-tschuk-Stoßatmens beherrscht Krell inzwischen geradezu virtuos.

Und wo es in der Musik von How To Dress Well bislang vor allem um ungestillte Sehnsucht und Melancholie, um die Erinnerung an verflossene Gefühle ging, handeln die zwölf neuen Lieder nun von reiner Gegenwart und Intensität – vom Erreichen des Erwünschten, von Glück, Verliebtsein und Liebe. Es sind die romantischsten Lieder, die man sich vorstellen kann. Doch sind sie stets zugleich unterwühlt von der Frage, was nach dem Erreichen des Erwünschten nun kommt. Ist es nicht so, dass man sich gerade im Moment der größten Verliebtheit selbst am schlimmsten verkennt und belügt? Diese Intensität kann ja nicht dauern – aber was dann? Und was ist mit derjenigen, die man zu lieben glaubt? Liebt man „sie selbst“ oder doch nur ein Bild von ihr? „You know that I love ya baby“, singt Tom Krell am Anfang von „Words I Don’t Remember“. Er öffnet sein Herz und überschüttet sein baby mit Liebe – und zweifelt dann doch immer stärker daran, ob das baby diese Liebe, diesen Überschwang überhaupt will und erträgt – oder ob er ihr nicht mehr Raum geben muss, um sie „selber“ zu sein und zu bleiben.

Scham und Lüge

Vielleicht könnte man sagen: Die innere Zerrissenheit und Distanz zu sich selbst, die seine Musik bisher beherrschte, hat Krell mit diesem neuen, überschwänglich-romantischen Pop ebenso überwunden wie seine Fixierung auf Nostalgie und Vergangenheit. Doch dies nur um den Preis, dass die innere Zerrissenheit seines Ich angesichts romantischer Intensitäten umso stärker hervortritt und ihn quält. Gerade im Moment des größten Überschwangs empfindet er vor allem Scham über sich selbst. Darum ist zum Strauß seiner Zitate nun auch viel Musik hinzugekommen, für die man sich – selbst wenn man sie mag – meistens eher zu schämen pflegt: überinstrumentierter Radiopop mit billigen Keyboardklängen; winselnder Emocore von verlogenen Stadionbands; butterdick aufgetragene Schlagersynthstreicher.

So geht es am Ende doch wieder darum, im Anderen das Eigene zu finden und im Nicht-Ich das Ich: Es gibt keinen anderen Weg zur Wahrheit als durch die Lüge und die Verkennung hindurch.

How To Dress Well: What Is This Heart? (Domino/GoodToGo); Konzert: Sonntag, 29.6., 21 Uhr, Haus der Festspiele