Keiner scheint bei David Marton genau zu begreifen, was er soll und was er tut − und das ergibt einen durchkomponierten geräumigen Zusammengklang, bei dem auch der Zufall mitsspielt.
Foto:  David Baltzer

BerlinAm Donnerstagabend gegen 19.37 Uhr, kurz nach Beginn der Premiere von „Howl“, ist in der Volksbühne das Bühnengeräusch des Jahres erklungen: Silvia Rieger schreitet sicheren Schrittes auf hohen Kuhfellhackenschuhen, ein Stirnband um das lange schwarze Haar gewunden, an die Rampe und lässt eine Ein-Kilogramm-Packung Kaffeebohnen auf die Bretter knallen, was schon mal einen kleinen, aber satten und gut definierten Rumms ergibt. 

Aber als sie dann aus übergroßer Höhe die Tüte über einer kleinen Kaffeemühle auskippt, wobei die meisten Bohnen natürlich nicht die winzige Öffnung treffen, sondern abprallen und auf den Bühnenboden rieseln, sich dort sternartig verteilen, regnet es prickelnde, kitzelnde, stichelnde Liebkosungen für die Trommelfelle der Zuschauer, die an diesem Abend vor allem als Zuhörer glücklich werden.

Stimmungsverändernde Lichtbäder

Der 1975 in Ungarn geborene David Marton wird als Musiktheatermacher vor allem von den Sprechbühnen herumgereicht. In Berlin hat er an der Schau- und an der Volksbühne inszeniert, wo er am Beginn seiner Karriere für Frank Castorf und Christoph Marthaler Theatermusik machte. Ein Zufall soll das gewesen sein; der in Budapest ausgebildete Pianist hatte ein Dirigier- und Regiestudium an der Hanns-Eisler-Hochschule für Musik drangehängt und war so in Berlin und im Theater gelandet. Zuletzt bespielte er als Hausregisseur für Matthias Lilienthal die Münchner Kammerspiele.

Die Musikalität übersteigt bei Marton, der bald selbst zu inszenieren begann und in Wien, Kopenhagen, Paris arbeitete, das Klangliche. Seine Inszenierungen, die man vielleicht besser als Kompositionen bezeichnet, arrangieren nicht nur akustisches Sinnenfutter: Das Licht wechselt die Temperatur und taucht den Raum in stimmungsverändernde Vollbäder. Das Spiel findet seinen Ausdruck im eskapistischen Traumtanz, in der einen oder anderen Rauschattacke oder im fröhlichen Übermut von plötzlich aufwallenden und ebenso plötzlich abebbenden Gefühlen.

Der knisternde Rätselgesang des Denkens

Die Figuren begegnen einander selten im Konflikt, sondern eher mit verkappter Sehnsucht. Sie behalten ihre Individualität und biegen spielmusizierend in eine Mehrstimmigkeit ein, was aber nicht heißt, dass es nicht auch mal knallt oder scheppert. Der Text begibt sich als Wohlklang auf den Spazierweg. Und das Denken selbst entfaltet sich als knisternder Rätselgesang.

An der Grenze von Gesang und Text, dort, wo das Verstehen aufhört und neu anfängt, operiert auch Allen Ginsbergs Gedicht „Howl“ (Geheul). Es besteht grob gesagt aus drei Teilen: Einer Klage über das Schicksal unangepasster, zarter und kostbarer Menschenseelen, einer Verfluchung des lebensfeindlichen kapitalistischen Molochs und einem empathischen Gruß an den in der Irrenanstalt Rockland leidenden Freund Carl Solomon. Dazu kommt als Fußnote eine Heiligsprechung, die bei Nase, Zunge und Schwanz beginnt und bei der Seele endet: „Holy the supernatural extra brilliant intelligent kindness of the soul!“

Er schrieb und sang „Howl“: der amerikanischen Poet Allen Ginsberg.
Foto: Imago

Der 1926 als Nachkomme von Lemberger Juden in New Jersey geborene Allen Ginsberg hat das Gedicht 1955 geschrieben und trug es bis zu seinem Tod 1997 in New York gern immer wieder selbst wie ein Mantra vor − rufend, singend, mit voller Stimme und schwerer Zunge − im Internet kursieren viele Tondokumente. Die Dichtungen von Walt Whitman, William Blake und vor allem von William Carlos Williams beeinflussten die zentrale Figur der Beatgeneration nicht weniger als bewusstseinserweiternde Drogen, der Bebop, der Buddhismus und der enge Umgang mit anderen Künstlern, Außenseitern, Liebesuchern und Konventionsverweigerern: zum Beispiel mit William S. Burroughs, der wie Ginsberg mit seinem Buch „Naked Lunch“ die Sittenwächter in ruhmfördernder Weise aufscheuchte, oder Jack Kerouac, dessen „On the Road“ (Unterwegs) sozusagen die Prosa-Antwort auf Ginsbergs „Howl“ ist.  

Der mit diesem Gedicht entfachte Flow griff auf die Hippiebewegung über, inspirierte Bob Dylan, Leonard Cohen und Patti Smith und gewann immer nur an Dringlichkeit, schon weil der verfluchte Moloch mit Geld in den Adern immer weniger Spielräume ließ. Er habe mit „Howl“ eine emotionale Zeitbombe schaffen wollen, schrieb Ginsberg, „die immer im Bewusstsein der Vereinigten Staaten explodieren sollte, falls der militärisch-industrielle nationalistische Komplex sich zu einem repressiven Polizeistaat entwickeln sollte“. Also wenn das nicht aktuell ist …

Schreie in der Nacht

Dieser dezidiert politische Anspruch ist bei David Marton erst einmal nicht zu spüren, aber so ist das ja auch mit Zeitbomben, die lange unbemerkt ticken. Von dem Gedicht, das man in ungefähr zwanzig Minuten rezitieren kann, werden nur ein paar Zeilen gesprochen − die Fußnote kommt zu Beginn in schönster englischer Sonorität von Sir Henry, wobei die lautliche Nähe von Howl und Holy − von heulen und heilig − zu einer auch sinnhaften Nähe wird.

Zwischenzeitlich rattert Hendrik Arnst, in einer hohlen Felsformation an der Seite einer Frau in Zwangsjacke sitzend, leise die Rockland-Grüße an den durchgedrehten Freund herunter, wie man eben etwas herunterrattert, wenn das Gegenüber für jeden Trost geschlossen ist. Und kurz vor Schluss schreit Silvia Rieger die Molochflüche in die Nacht. Es gehört irgendwie zur Erzählung und hat einen eigenen Beat, dass diese drei Recken der kürzlich verstreuten Castorf-Volksbühnen-Generation einen großen Auftritt im Echoraum erhalten.

Rauchen, planschen, musizieren

Das war es an diesem Abend dann aber auch schon fast mit der Verbalität im engeren Sinn. Außer den Dreien huschen neun weitere Individuen über die sich permanent drehende Bühne. Sie sprechen nie, singen höchstens mal ein paar Worte, sie jagen und schlagen einander, sie trösten und liebkosen einander, sie stehen einander im Weg und ignorieren einander, und bei allem, was sie tun, musizieren sie miteinander.

Sie musizieren auch dann, wenn sie nicht mit kämpferischer Virtuosität drei Klaviere, Spinett, Trompete, Saxophon, Kontrabass, große Trommel oder Musiksoftware bedienen, sondern zum Beispiel Gasbausteine zu einer Mauer aufstapeln, wieder umschmeißen, wenn sie sich einen runterholen, als Cowboys und Pferde durchs Rund preschen, wenn sie im Springbrunnen planschen, die Rockland-Felsen erklimmen oder einfach nur eine Zigarette rauchen.

Das Auge sollte lauschen lernen

Ungefähr dreimal schwillt an diesem Abend eine geloopte Tonfolge an, variierende Stimmen und Klänge stapeln und steigern sich, dissonante Hektik kommt auf, löst sich in neuer euphorischer Harmonie. Man beginnt so einen Trip schreitend bei einem Bach’schen Akkord, stampft wie in einem Beerdigungszug in New Orleans weiter und entschwebt dann irgendwann zu elektronisch piepsenden und flötenden Temerinklängen. Computerschrott wird zerdroschen, jemand hat Schluckauf, besagte Kaffeebohnen knirschen unter Stiefelabsätzen und verbreiten einen herrlichen Gesamtkunstwerksduft. Schade, dass es nach nicht einmal anderthalb Stunden schon wieder vorbei ist.

Als Fußnote gibt es im Halbdunkel eine minimalistische rau-zarte Variante von Pergolesis Stabat Mater, während Thorbjörn Björnsson mit dem Fotoapparat herumschleicht und einen neben Allen Ginsberg zweiten Apostel des Abends vergegenwärtigt, nämlich den in diesem Jahr gestorbenen Fotografen Robert Frank, der 1924 in Basel geboren, in Amerika Ginsberg, Kerouac kennenlernte und zum Beatnik wurde. Sein Bildband „Die Amerikaner“ ist kurz nach „Howl“ erschienen und wie dieses hat er ein neues Licht angemacht. Von Robert Frank stammt ein Zitat, das im Programmheft abgedruckt ist und als Motto für den Abend, ja überhaupt die Theaterkunst von David Marton stehen kann: „The eye should learn to listen before it looks“ Das Auge sollte zu lauschen lernen, bevor es schaut.

Howl Nächste Vorstellungen: 23.11.: 19.30Uhr, 8., 22.12.: 18 Uhr, Volksbühne, Karten unter Tel.: 24065777 oder volksbuehne.berlin