Der etablierte Kunstbetrieb nahm ihn nie so richtig ernst, viel zu kitschig, zu populistisch, zu effektheischend bombastisch und vielleicht auch zu platt pervers waren seine Gemälde, die er zudem in der scheinbar „billigen“, jedenfalls nicht als Kunsthandwerk anerkannten Airbrush-Technik ausführte.

Um die hochkulturelle Anerkennung zu kompensieren, eröffnete der Schweizer Hans Rudolf oder Hansruedi, markennamentauglich abgekürzt zu H. R. Giger einfach sein eigenes Museum. Er baute das Schloss St. Germain im mittelalterlichen Dörfchen Greyerz im Kanton Freiburg um und stellte dort seit 1998 seine pop-surrealistischen Bilder und Plastiken aus.

Auf Kunstmessen, besonders der Art Basel, waren die Werke des „Designers“ – Giger hatte in Zürich Architektur und Industriedesign studiert – öfter zu sehen, in Berlin stellte der auf Randständiges von Schröder-Sonnenstern über Kippenberger bis Dorothy Iannone spezialisierte Galerist Jes Petersen die bizarr satanistisch-erotischen Bilder Gigers 1988 aus. Zu gleicher Zeit entstand in Tokio die erste von vier „Giger-Bars“, in denen Giger vom Barhocker bis zu den Tischen und Lampen alles gestaltete. Nach 1992 hörte Giger auf, am Kosmos seiner Kopfgeburten zu arbeiten. Erst nach der Jahrtausendwende gab es Retrospektiven in Paris, Prag, Wien oder zuletzt, 2007, in Bern.

Höllen des Unterbewussten

In seinen „Biomechaniden“, wie er seine aus organischen Körpern und technoiden Maschinenmonstern geschaffenen Wesen nannte, vereinigte sich die Glätte artifizieller Schönheit mit ekligen Horrormutationen, die psychedelischen Albträumen, entglittenen Visionen und tiefenpsychologischen Ursuppen entsprungen zu sein schienen. Seine futuristischen „Gebärmaschinen“ (schon 1967 betitelte er ein Bild so) wirken wie in den notdürftig verborgenen Höllen des Unterbewussten herangezüchtet und wie mit der sexuellen Emanzipation und dem Einsatz „bewusstseinserweiternder“ Drogen befreit – Giger lernte noch den Erfinder des LSD, Albert Hofmann, persönlich kennen.

In jenem Terrain der aus Albträumen materialisierten künstlichen Wirklichkeit, wie sie am überwältigendsten und technisch avanciertesten die Illusionsfabrik des großen Kinos produzieren kann, lag auch Gigers Eintrittskarte zur Hall of Fame: Aus Gigers Kopf und Werkstatt stammen die „Alien“-Figuren.

Abgründig beklemmend

Die Schockszene gehört zur Erfolgsgeschichte des Science-Fiction-Horrorfilms: Plötzlich bricht aus der Brust des Astronauten Gilbert Ward Kane eine bluttriefende Wurmgestalt hervor. Als „Chestburster“ (Brustzertrümmerer) gehört das Monster seit Ridley Scotts Kinohit „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ von 1979 zu den beliebtesten Figuren auf Halloween-Partys. Indirekt hatte Giger damit auch wesentlichen Anteil am Durchbruch der Schauspielerin Sigourney Weaver im Action-Genre. Eine ganze Reihe von „Alien“-Filmen orientierte sich am Giger-Vorbild.

Für die „Alien“-Gestalten bekam der Schöpfer fantastisch realistischer Weltraum-Monster 1980 den Oscar in der Kategorie „Beste visuelle Effekte“. Zudem machten ihn seine Entwürfe für „Poltergeist II“ von Brian Gibson (USA, 1986) und Roger Donaldsons „Species“ (USA, 1995) zu einer Kultfigur des Science-Fiction- und Horror-Fachs.

Zu seinem popkulturellen Ruhm trugen auch viele seiner Auftragsarbeiten im Bereich der Musik bei: Giger entwarf Plattencover etwa für Debbie Harry, Emerson, Lake and Palmer, Böhse Onkelz oder gestaltetete die Ästhetik für Computerspiele wie „Dark Seed“ 1 und 2.

Am Montag starb der Schöpfer dieses Universums abgründig beklemmender bis kosmisch futuristischer Geschöpfe überraschend in einem Züricher Krankenhaus an den Folgen eines Sturzes.