Da konnte er noch live singen: Huey Lewis bei einem Auftritt im Juli 2017. 
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BerlinIch habe einen schlechten Tag“, begrüßt uns Sänger Huey Lewis (69) im Büro seiner Plattenfirma in Berlin-Mitte. „Aber wir werden es schon irgendwie hinkriegen.“ Der Sänger leidet an der Menière-Krankheit, die mit Symptomen wie Gehörverlust und Tinnitus einhergeht. Wir sitzen direkt neben ihm, Mundablesen soll helfen. Am linken Ohr sieht man das Kabel seiner Hörhilfe. Die Verständigung klappt dann doch den Umständen entsprechend gut. In die unangenehme Situation begibt sich Lewis, weil er das neue Album „Weather“ von Huey Lewis & The News bewerben will. Es dürfte das letzte Werk der Band sein, die mit „The Power Of Love“ aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ 1985 zu Weltruhm gelangte.

Mr. Lewis, was hören Sie, wenn ich jetzt mit Ihnen spreche?

Ich höre Sie sehr leise. Sprache ist für mich sehr viel einfacher zu hören als Musik. Tiefere Frequenzen werden von meinem linken Ohr, auf dem ich noch 20 Prozent Hörkraft besitze, völlig verzerrt. Anstelle eines Bassspiels höre ich dann lärmenden Krach. Selbst eine einzige Note erzeugt da schon ein Gewitter in meinen Ohren. Es ist geradezu ironisch, dass ich auf der Platte von „beautiful noise“ singe.

Huey Lewis: Erstes Albvum seit zehn Jahren

Huey Lewis, bürgerlich Hugh Anthony Cregg III., machte zunächst als Mundharmonikaspieler, etwa bei Thin Lizzy, auf sich aufmerksam. Als Frontmann von Huey Lewis & The News feierte er 1985 den größten Erfolg.
„Weather“ ist das erste Studioalbum der Band seit zehn Jahren.
Im April 2018 gab Lewis bekannt, dass bei ihm die Menière-Krankheit diagnostiziert wurde und er nicht gut genug hören kann, um zu singen. Die Konzerte der Band wurden abgesagt.

Die Platte hat auch nur sieben Songs.

Ja, weil ich nicht mehr singen konnte. Wir ließen sie eine Weile liegen, weil wir immer dachten, ich würde mich wieder erholen und noch ein paar Stücke mehr aufnehmen können.

Wann haben Sie festgestellt, dass Sie an der Menière-Krankheit leiden?

Die Diagnose bekam ich bereits 1987. Damals verlor ich das komplette Gehör auf dem rechten Ohr. Es fühlte sich plötzlich an, als hätte ich kontinuierlich Wasser in meinem Ohr. Die Ärzte sagten mir: „Gewöhnen Sie sich besser dran.“ Aber das ist natürlich schwer als Musiker.

Aber Sie haben sich dran gewöhnt.

Schon, es ließ sich lange gut damit leben. Aber im Januar 2018 sollten wir dann ein Konzert in Dallas spielen. Ich war gerade auf dem Weg zur Bühne, als der Lärm losging. Es war wie Krieg in meinem Ohr. Ich ging trotzdem auf die Bühne, weil ich dachte, es würde besser werden. Aber als die Band loslegte, wurde es nur noch schlimmer – so, als wären die Lautsprecher explodiert. Ich konnte mich weder selbst hören noch meine Tonlage finden. Es war ein Albtraum, die schlimmste Nacht meines Lebens.

Was hat die Krankheit mit Ihnen gemacht?

Die Zeit danach war tough. Ich lag monatelang im Bett. Ich hatte anfangs sogar Selbstmordgedanken. Aber meine Töchter halfen mir, aus dem Loch rauszukommen. Sie haben sich einfach um mich gekümmert und halfen mir zu realisieren, dass da viele Leute sind, die es noch übler erwischt hat als mich. Ich habe immer noch sehr viel, wofür ich dankbar sein kann. Egal, wie schwierig die Situation manchmal ist, ist es wichtig, dass ich das nicht vergesse.

Was haben Sie gegen die Krankheit unternommen?

Ich probierte sämtliche Therapien aus: Ich ließ mir Steroide in die Ohrtrommel injizieren, probierte Akupunktur, Chiropraktik, kraniosakrale Massagen. Ich änderte meine Essgewohnheiten: kein Salz, kein Koffein, keine Schokolade mehr, nur noch Bio-Lebensmittel. Ich klapperte eine Klinik nach der anderen ab – aber Hilfe gab es nicht.

Wie geht es Ihnen heute?

Es schwankt ziemlich. Am heutigen Tag bin ich eine Zwei auf einer Skala, die bis Zehn geht. An einem guten Tag liege ich bei fast Sechs, dann kann ich mit Bluetooth-Hörhilfe relativ okay hören. Vielleicht sogar singen. So genau weiß ich es nicht, weil es bisher nie lange genug stabil blieb, um es im Studio auszuprobieren. Einmal hatte ich sogar schon eins gebucht, doch bis die Jungs aus der Band eintrafen, hatte sich mein Gehör schon wieder verabschiedet.

Was vermissen Sie am meisten von Ihrem alten Leben?

Nicht hören zu können, isoliert auf gewisse Weise, besonders in meinem Job. Ich vermisse die Kameradschaft innerhalb der Band, die es 40 Jahre lang gab. Dazu kommen die Schuldgefühle, die Jungs im Stich gelassen zu haben. Ich fühle mich immer noch schlecht deswegen.

Sie wohnen auf einer Ranch in Montana. Können Sie da runterkommen?

Oh ja. Ich gehe Fliegenfischen. Ich reite, gehe wandern. Oder im Winter laufe ich Ski. Ich bin so viel draußen, wie es geht. Wenn mein Gehör so schlecht ist wie heute, bin ich glücklicher, wenn ich allein bin.

Singen Sie dennoch manchmal zu Hause?

Wenn mein Hören gut ist, versuche ich es zum Computer, um meine Stimmbänder in Form zu halten. Aber mit Band ist das noch mal eine andere Geschichte. Lautstärke ist der Teufel für mich.

Gibt es ein Lied, das Sie gern mal wieder auflegen und genießen würden?

Ich hab seit zwei Jahren keine Musik mehr genossen. Aber es gibt einen Song, der auf meine Situation passt. Er heißt „Ain’t No Need In Crying“ von der Rance Allen Group. Es gibt Schlimmeres als mein Schicksal.

Hilft es trotzdem, darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen?

Mir bleibt ja keine andere Wahl, wenn ich unsere neue Platte, auf die ich wirklich stolz bin, auf den Weg bringen will. Es kostet mich schon etwas Überwindung. Die Sache ist natürlich immer noch frustrierend, denn ich wünschte, ich könnte die neuen Songs live singen. Sie sind alle in der Tonlage für meine jetzige Stimme geschrieben. Es wäre einfach für mich, wenn ich die Musik nur hören könnte.

Beethoven war taub.

Aber der hatte auch keine Top-Ten-Hits.

Gehörverlust ist in Musikerkreisen dennoch gar nicht so selten. Erhalten Sie Unterstützung von Kollegen?

Von einigen. Ryan Adams hat Menière, aber sein Problem sind hauptsächlich Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. Intensive Schübe davon hatte ich auch, als ich jünger war. Aber das hat sich zum Glück gebessert.

Ihre Platte klingt so gar nicht melancholisch: Sie singen über One-Night-Stands und „Pretty Girls“.

Mit meiner Libido ist ja auch noch alles okay. Das Gehör ist scheiße, aber der Sex ist gut!

Was bedeutet Ihnen der Song „The Power Of Love“?

Er war unser erster großer, internationaler Hit. Dass er im Film „Zurück in die Zukunft“ so prominent eingesetzt wurde, ermächtigte uns, überall auf Tour zu gehen. Von Asien über Australien bis nach Osteuropa – jeder liebt das Lied. Und das Erste, was den meisten Menschen zu mir einfällt, ist heute noch: Marty McFly, Doc und der DeLorean.

Durch den Film sind Sie quasi unsterblich.

Der ist nicht totzukriegen. Und es ist schon cool, die Lieblingsband von Marty McFly zu sein. „Zurück in die Zukunft“ ist einer der größten Filme aller Zeiten. Es war vermutlich die glücklichste Fügung meines Lebens, als Regisseur Robert Zemeckis nach einem Song für den Film fragte.

Haben Sie noch Kontakt zu Michael J. Fox, der an Parkinson erkrankt ist?

Ja, er ist ein wundervoller Mensch. Wir sehen uns immer bei den Reunion-Events von „Zurück in die Zukunft“. Es gibt ständig irgendwelche Zusammenkünfte. Zemeckis lädt dann gerne am Vorabend zum gemeinsamen Dinner ein. Wie gesagt: Es gibt viele Leute, denen es schlechter geht als mir. Ich verschwende keine Zeit darauf, mich selbst zu bemitleiden. Streichen Sie mich gerne durch auf der Liste von Leuten, die anderen Menschen leid tun müssen. Mir sind so viele gute Sachen im Leben passiert.