„REGIERT ENDLICH!“ – mit dieser Überschrift in bildschirmfüllender Größe  ist der Deutschland-Ableger der Huffington Post am Donnerstag online gegangen, einer der größten  Online-Nachrichtenplattformen weltweit. „Schon jeder dritte Deutsche will Neuwahlen“ schreit es unter der Hauptüberschrift – natürlich in Rot. Das Aufmacher-Bild zeigt Kanzlerin Merkel neben Sigmar Gabriel und irgendwie hat sich auch ein rotes Fragezeichen darauf verirrt.

Alles auf der Huffington Post-Website schreit atemlos nach Aufmerksamkeit. VERSALIEN sind dabei ein beliebtes Mittel der Redaktion dies zu unterstreichen. Konsequenter Weise sind die Artikel-Anreißer im Newsticker-Stil mit Punkten zwischen den Sätzen geschrieben ... Das verstärkt den ATEMLOSEN Eindruck…Alles sagt: Ist schnell hier! Wichtig! KLICKT ENDLICH!  Um zu dem ersten Text in normaler Schriftgröße zu kommen, muss man schon etwas scrollen.

Huffington-Post-typisch verbergen sich hinter den reißerischen Überschriften recht unspektakuläre Texte bis nicht-vorhandene Inhalte: „Pleite! Zerschlagung! Untergang!“  ist etwa die Überschrift des Wirtschafts-Aufmachers, darunter steht das Foto eines mit Graffiti besprühten Schlecker-Landens. Wer drauf klickt, kommt zu einer Fotoklickstrecke über den Wandel deutscher Traditionsunternehmen.

Nachrichten auf einem Pferd

Kurz: Alles ein bisschen wie Bild.de – nur dass die Huffington Post dagegen aussieht wie eine Website, die aus den Anfangszeiten des Web-Zeitalters stammt. Das minimalistische Layout soll das hektisch zusammengestrickte unterstreichen, die Geschwindigkeit. Die ist das Markenzeichen der Huffington Post. Früher habe man auf der Couch Nachrichten gelesen,  sagte Arianna Huffington, die Gründerin der US-Originalausgabe der Plattform, beim Launch in München. „Heute auf einem galoppierenden Pferd.“

In Wirklichkeit  steht hinter der kargen Website dagegen ein  Redaktionssystem, das technisch den meisten anderen überlegen ist: Es werden automatisch Bilder und Überschriften an verschiedenen Zielgruppen getestet, die Verbreitung von Tweets genau kontrolliert. Alle technischen Mittel also, die es der Redaktion ermöglichen, eine größtmögliche Reichweite zu erzielen. Entsprechend prominent sind die Buttons der sozialen Netzwerke positioniert  - aus ihnen möchte die Huffington Post hauptsächlich die Besucher ziehen.

In den USA hat das funktioniert. Dort ist die Huffingtion Post mit ihrem Konzept innerhalb von acht Jahren von einem Blog zum Mediengiganten geworden, mit mehr Besuchern als die New York Times. 800 Journalisten arbeiten weltweit für die die Plattform, sagte Arianna Huffington in München. In den USA produzieren sie auch längere eigene Reportagen – mit einer konnte die Huffington Post sogar den renommierten Pulitzer-Preis gewinnen.

Volontäre und Praktikanten

In Deutschland wird es wohl zumindest fürs Erste eher Zusammengeschriebenes und Übersetztes geben. Es ist eine Mini-Redaktion, die die Schlagzeilen und Text-Anhängsel produzieren: Mit 15 Redakteuren startet die Huffington Post, rund ein Drittel davon sind Volontäre und Praktikanten. Ihr Job ist es den nachrichtlichen Unterbau zu liefern – der Großteil der Texte kommt dagegen von den Gastautoren, die umsonst schreiben und dafür hoffen, dass ein Teil der Aufmerksamkeit, nach der Huffington Post giert, für sie abfällt. 

Unter den Gratis-Autoren sind Blogger und Prominente wie  Boris Becker, der in seinem ersten Beitrag klarstellt, das er für Klartext steht, und Arbeitsministerin Ursula von der Leyern, die in ihrem Text die Einsicht verkündet, dass wer als erster kluge Antworten findet, morgen der Gewinner sein kann. „Hochspannend“ findet das von der Leyen alles, wie sie im Eigen-Interview mit der Huffington Post erzählt. Für Arianna Huffington beschreibt es den Anspruch, Deutschland dabei zusehen, wie es mit sich selbst redet. 

Eine Art Schirmherrschaft  über all das hat Cherno Jobatey übernommen. Der  turnschuhtragende Ex-Morgenmagazin-Moderator und Autor („Fit wie ein Turnschuh“) ist der Editorial Director der Huffington Post. Editorial Director?  So nennt es die Huffington Post zumindest offiziell. Inhaltlich-redaktionell wird Jobatey wohl nichts zu sagen haben, er ist eher eine Art Maskottchen, das „alle über 25 Jahren“ (Cherno  Jobatey) auf die Website locken soll oder wie es es der designierte Huffington-Post-Chefredakteur Sebastian Matthes ausdrückt, „ein Gesicht, das auch Menschen wie meine Eltern kennen“.  

Am Donnerstag durfte Cherno Jobatey seiner Chefin Arianna Huffington zur Eröffnung schon mal einen Bierkrug überreichen, auf dem „Huffington Prost“ stand. Er wirkte dabei sehr glücklich.