Am Mittwochvormittag wird die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dem Vertreter der indianischen Chugach Alaska Corporation, John Johnson, geschnitzte Masken und kleinere Fragmente etwa einer Kinderwiege übergeben. Sie wurden nach stiftungsinternen Untersuchungen in den 1880er-Jahren aus Gräbern an der Nordwestküste Amerikas geraubt. Das sei, so die Preußen-Stiftung, etwas grundsätzlich anderes als eine genehmigte archäologische Grabung, die Objekte müssten also restituiert werden.

Geraubt wurden sie von jenem norwegischen Kapitän, unermüdlichen Sammler und Ethnologen Johan Adrian Jacobsen, dessen Erwerbungen sich heute etwa in den ethnologischen Museen in Berlin und Hamburg wiederfinden. Er interessierte sich wirklich für die Kulturen und Menschen, rettete viele erlesene Masken, Skulpturen, Kultobjekte und Haushaltsgegenstände, die sonst längst vergangen wären. Überwiegend kaufte er seine Bestände gegen eine aus damaliger Sicht angemessene Bezahlung. Aber Jacobsen ließ sich eben auch zum Grabraub herab – der selbst für die damalige, kolonial geprägte Gesellschaft kaum akzeptabel war und deswegen in den Akten verschleiert wurde.

„Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“

Lassen wir hier einmal die Frage beiseite, ob eine von britisch-kanadischen Kolonialbehörden genehmigte Ausgrabung indianischer Gräber jemals legal, geschweige denn legitim sein konnte. Viel wichtiger ist nämlich: Erstmals konnte hier eine „Herkunftsgesellschaft“ in Berlin durchsetzen, dass vor mehr als 130 Jahren von den heutigen Staatlichen Museen erworbene Kulturgüter zurückgegeben werden.

„Herkunftsgesellschaften“, das ist der sperrige Kompromissbegriff für diejenigen menschlichen Gemeinschaften, deren Vorfahren einst aus den unterschiedlichsten Gründen und auf den unterschiedlichsten Wegen Objekte wirklich aller Art − von Mineralien und Landwirtschaftsprodukten bis hin zu erlesenen Kunstwerken oder Waffen − an Sammler oder Museen Europas und Nordamerikas transferiert haben. Überwiegend übrigens nicht in Folge von Kriegen oder Plünderungen, sondern als Handelsgut, als Tributabgaben oder in Form von Geschenken, mit denen die gegenseitigen Machtverhältnisse stabilisiert werden sollten.

Die Preußen-Stiftung stellt sich mit dieser Herausgabe von Objekten, die mehr als 120 Jahre als Eigentum der Museen beansprucht worden waren, auch demonstrativ hinter jenen „Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“, den Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Montag gemeinsam mit dem Deutschen Museumsbund vorgestellt hatte. Zugleich wird der Umgang mit der Kolonialzeit zu einem der zentralen Themen des von der Preußen-Stiftung wesentlich mitbetriebenen Berliner Humboldt-Forums erklärt – dessen erster richtiger Intendant am Dienstagabend einstimmig gewählt wurde: der bisherige Direktor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Hartmut Dorgerloh.

Die Direktorin des Bremer Übersee-Museums, Wiebke Ahrndt, wies bei der Vorstellung des Museumsbund-Leitfadens darauf hin, dass es den Nachfahren der einst Kolonisierten heute weniger um einen Rücktransport der Objekte geht als vielmehr um Gleichberechtigung des Zugangs, um Teilhabe am gewonnenen Wissen, um die Digitalisierung von Fotografien und Archiven, um die Mitbestimmung bei der Präsentation der Objekte im Museum oder auch im Internet. Viele Traditionen sehen nämlich vor, dass nicht alles von allen immer gesehen werden darf. Darauf müsse man, da sind sich Ethnologen heute einig, Rücksicht nehmen.

Der Leitfaden des Museumsbundes versucht nun, einen pragmatisch gangbaren Weg durch das Dickicht der unterschiedlichen Ansprüche zu schlagen. In einem allerdings verborgenen Nebensatz sind sogar die Interessen derjenigen in Europa und Nordamerika angedeutet, die mit den musealen Ausstellungen der vergangenen Jahrzehnte auch eigene Geschichten und Identitäten verbinden. Auch der Wandel der Objekte durch das Museum gehört eigentlich zur Aufarbeitung des Kolonialismus: So manches Werk wurde erst durch seine Präsentation im Museum zum Identitätsanker der Beherrschten – siehe der Fall Büste der Nofretete.

Immerhin, schon im Titel spricht der Museumsbund klugerweise nicht vom „Erbe“ der Kolonialzeit, was einen Besitzanspruch signalisieren würde, sondern vom „Kontext“, also von historischen Zusammenhängen. Der Plural deutet dabei an, dass es eben um viele, oft einander widersprechende Geschichten geht. Die Broschüre ist entsprechend spannend. Man kann sie kostenfrei im Netz herunterladen (museumsbund.de). Sie sollte mit ihren historischen Einführungen auch im Schulunterricht gelesen werden.

Man erfährt etwa, dass eigentlich alle Museen Deutschlands (und wohl auch Europas) irgendwie mit dem Kolonialismus und seinen Folgen leben. Noch im kleinsten Heimatmuseum finden sich Sarotti-Mohren oder als „Nick-Neger“ bezeichnete Spardosen von Missionsgesellschaften. Im Berliner Naturkunde-Museum locken die gewaltigen Saurierskelette, die im heute tansanischen Tendaguru erst nach den sogenannten „Befriedungs“-Feldzügen des deutschen Militärs und widerrechtlichen Enteignungen ausgegraben werden konnten. Ausgrabungen in Ägypten, im heutigen Irak oder in Kleinasien waren nur möglich, weil das Osmanische Reich zu schwach war.

Es muss verhandelt, nicht verharrt werden

Auch der Kunstmarkt lebte prächtig von der Schwäche des Osmanischen Reichs oder derjenigen Chinas – und der grassierenden, hier höflich verschwiegenen Korruption lokaler Eliten. Geradezu erheiternd ist übrigens die Liste von irgendwann einmal kolonisierten Gebieten: Irgendwann war eigentlich jeder Flecken Erde einmal die Kolonie von irgendwem.

Doch das sind Petitessen vor dem Gesamtbild. Denn was schnell klar wird beim Lesen der knapp 130 Seiten: So einfach, wie es sich der französische Präsident Emmanuel Macron vorstellt, ist es nicht. Er hat angekündigt, in den nächsten fünf Jahren ganze Sammlungen an Afrika zurückzugeben. Aber was ist überhaupt Afrika? Mit wem muss verhandelt werden? Wessen Herrschaftsansprüche können bestätigt, welche müssen hinterfragt werden? Wer finanziert die nötigen neuen Museen? Das sind nur einige Fragen. Doch zu groß ist andererseits der politische Druck aus den „Herkunftsgesellschaften“ in Afrika, Asien, Nord- und Südamerika, Australien, im Pazifik oder auch im Norden Europas. Das bloße Beharren auf Eigentumsrechten, das bisher so manche Debatte prägte, hat seine Wirkung verloren. Es muss verhandelt werden. Über Teilhabe. Und sicher auch über Rückgabe.