Wenn niemand im Bundestag noch die Reißleine zieht, wird es in der Umgebung des künftigen Humboldt-Forums auf dem Berliner Schlossplatz wenigstens an zweierlei nicht mangeln: An Goldglanz und an in die Irre führenden Symbolen.

Am Donnerstag sollen die Abgeordneten bekräftigen, was sie schon 2007 und 2008 beschlossen haben: Dass auf dem Sockel des 1950 demontierten Denkmals für Kaiser Wilhelm I. am Kupfergraben ein Denkmal für die deutsche Freiheit und Einheit entstehen soll. Zwar hatte dieser Ort keine reale Bedeutung für die Revolution in der DDR 1989, für den ehemaligen Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse steht er aber dafür, dass der kaiserzeitlichen „Einheit von oben“ ein Denkmal für die heutige „Einheit von unten“ entgegen gesetzt werde.

Manche Bürger sind gegen das Denkmal

Noch umstrittener als der Ort ist der von dem Stuttgarter Veranstaltungsarchitekten Johannes Milla 2013 gelieferte Entwurf des Denkmals: Eine riesige goldene Schale sieht er vor, die sich je nach Verteilung der darin Herumgehenden nach der einen oder anderen Seite senken kann. Titel des Projekts: „Bürger in Bewegung“. Manche Bürger sind allerdings eher gegen das Denkmal bewegt.

Am Mittwochnachmittag gab es eine Demonstration gegen das Projekt: Vertreter von Bürgervereinen fürchten, dass ein altes Denkmal zerstört wird, um das wuchtige neue Einheitsmal draufzusetzen. „Wippe nicht hier“ fordern sie. Für Hans-Karl Krüger vom Verein Stadtbild Berlin ist offensichtlich, dass die Wippe nicht in das historische Umfeld passt.

So sieht es auch Annette Ahme, Vorsitzende des Vereins Berliner Historische Mitte. Und dessen Mitglied Hubertus Müller ärgert es, wie die Politik den Bürgerwillen ignoriert. Benedikt Goebel von der Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin, erschreckt die Vorstellung, dass der „wunderbare Sockel samt Mosaik“ versehrt wird. Der müsse sechsfach durchbohrt werden, um je zwei Meter dicke Betonpfähle für die Gründung in den Boden zu treiben.

Die neuerliche Abstimmung im Bundestag ist nötig, weil der Haushaltsausschuss das Projekt 2016 wegen der Kostensteigerung um 5 Millionen Euro gestoppt hatte. Als derselbe Ausschuss dann aber 18 Millionen für den bis dahin nicht debattierten Nachbau der Säulenhalle des Kaiserdenkmals freigab, war das Chaos perfekt. Bundestagspräsident Lammert forderte Respekt vor den Entscheidungen des Bundestags, ohne allerdings den Entwurf Millas zu erwähnen. Bei der Abstimmung will sich die Große Koalition also auch an einer haushaltstechnischen Marginalie beweisen, dass sie noch handlungsfähig ist: Die CDU- und SPD-Abgeordneten sollen nicht vom Fraktionszwang befreit werden. Offenbar wäre eine geheime Abstimmung unkalkulierbar.

Millas goldene Wippe wird abgelehnt

Eine Mehrheit der Kommentare in den Zeitungen, Umfragen, Leserbriefe oder Radiosendungen zeigen: Zwar wird die Idee eines Freiheits- und Einheitsdenkmals weithin unterstützt, Millas goldene Wippe aber abgelehnt. Selbst der Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums Christoph Stölzl plädierte vor allem deswegen für ein Festhalten daran, weil ein neuer Wettbewerb kein besseres, sondern nur ein anderes Ergebnis bringen würde.

Wolfgang Thierse interpretiert den Widerstand gegen das Projekt als Missachtung der Revolutionäre in der DDR. Und die Berliner Denkmalforscherin Gabi Dolf-Bonekämper sieht den Ort, das einstige Kaiserdenkmal, wegen seiner „historischen Ambivalenz“ als richtig an, Millas Entwurf zudem „offen für Deutungen“.

Wieso offen? Dass sich die liberalen Demokratien des Westens gerade nicht durch Entscheidungen zwischen A und B, sondern die Rücksicht auf die vielen Minderheiten dazwischen auszeichnen – das ist in dieser Wippe nicht vorgesehen.

Was heißt „historische Ambivalenz“, wenn die noch erhaltenen Bedeutungsträger des Kaiserdenkmals entfernt wurden? Auch künftig sollen die Mosaiken mit den Wappen der 1871 durch Preußen zusammengezwungenen deutschen Bundesstaaten und des annektierten „Reichslands“ Elsass-Lothringen nicht zu sehen sein. 

Der einzig einleuchtende Grund wäre unsichtbar

Der einzig einleuchtende Grund, dieses Denkmal an diesem Ort zu errichten – die Spannung zur Einheitsbewegung des Kaiserreichs – wäre also unsichtbar. Es würde in seiner nationalen Verengtheit auch verschleiern, dass die deutsche Freiheitsbewegung von 1989 ohne das Vorbild der Polen, Ungarn, Tschechen, Balten und ohne die Perestroika Gorbatschows undenkbar ist. Nicht einmal ein „Ort der Information“ ist geplant, wie ihn die Robert-Havemann-Gesellschaft forderte.

Kurz: Die „Wippe“ ist ein falsches Symbol für die Vielfalt der liberalen Demokratie und der Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa. Und so lustig wie auf dem Spielplatz war die Sache auch nicht. Das sollte der Bundestag einsehen und auf die Bürger in Bewegung hören.