Am Anfang war Skepsis, denn der erste Eindruck sagte: Das ist doch Überwältigungskunst! Er packt einen, dieser sich über einen Holz-Thron ergießende, Wachsblut spuckende Wasserfall. Und er ist lesbar als traditionelles Rollbild-Natur-Religions-Klischee, zugleich Blutzollverweis auf die Geschichte Chinas, von den alten Kaiserreichen, den Kriegen und Machtkämpfen über die Mao-Ära bis hin zum von der Kommunistischen Führung befohlenen Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, Peking 1989.

Signalhaft für die weit zurückreichende Unterdrückung des chinesischen Volkes und die Verletzungen der Menschenrechte wirkt also das blutige Rot auf dem Sitz des „Gottkaisers“. Zhao Zhao aus Peking, geboren 1982 in Xinjiang, hat zu einer wirkmächtigen Paraphrase ausgeholt. Zhao, der auch schon mit Ai Weiwei zusammengearbeitet hat, nutzt mit Vorliebe solch kulturelle Stereotypen und fordert so die ideologischen Konstellationen und Konventionen in Chinas Gegenwart heraus.

Aber gerade diese starke Metaphorik war wohl Absicht für das kühne Projekt „Spiel der Throne“ im Humboldt-Lab Dahlem im Asiatischen Museum. Gewagt deshalb, weil die Kuratorin Angela Rosenberg die Sonderausstellungshalle als Probebühne für das wirksame Zusammenspiel von alter Kunst des außereuropäischen Raumes, in diesem Falle aus dem alten China, verstanden wissen will. Es geht schließlich um die Konfrontation mit existenziellen Fragen der Gegenwart.

Testlauf im Viererpack

Lab steht für Labor. Und so gilt die Schau als Test, lange bevor die Asiatischen Sammlungen, den Planungen zufolge um das Jahr 2019/20, ins künftige Humboldt-Forum/Stadtschloss umziehen dürfen. Die Ausstellungsmacher sprechen von „Standbein und Spielbein“, als effektvoller Titel des „Labor-Tests“ dient der Name einer amerikanischen Fantasy-Filmserie, in der es um Machtkämpfe alter Königreiche geht.

Nun, das Erzählerische, Sinnliche des Projekts wirkt und das Konzeptionelle erschließt sich. Das Zusammenspiel von altem Thron als Insignie einstiger Macht und Pracht, als historisches Lehrstück nicht zuletzt, und dem jetzigen Museumsort wagt den Schritt in die Zukunft. Dies, indem es unsere Fantasie kitzelt, wie überhaupt dereinst Artefakte fremder Kulturen sich mit junger Kunst präsentieren lassen, ohne dass es allzu gewollt, zu platt, gar penetrant wird.

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Das „Spiel der Throne“ in der dramatisch abgedunkelten Lab-Halle bestreiten neben Zhao Zhao drei weitere jüngere Künstler: Der Brite Simon Starling, der bei chinesischer Hintergrundmusik den kostbaren Ornamentschmuck eines alten Thrones auf eine Großleinwand überträgt. Die Dänin Kirstine Roepstorff, die vor einem nachgebauten schmucklosen Holz-Thron große, fragile Lampions ein zauberisches, meditatives Schattentheater vollführen lässt. Und schließlich erweist der Münchner Konstantin Grcic sich als Minimalist. Er baute vor einer puristischen Thron-Kopie metallene Laufsperren auf: Symbol für eine Administration, die den Weg einer Menschenmasse mit gleichem Ziel lenken und kontrollieren kann.

So also schafft jeder der Vier auf eigenwillige Weise den Bezug zu dem alten, kostbaren chinesischen Kaiserthron der Qing-Dynastie (17. Jahrhundert, Abb. oben r.). Kaiser Kangxi, heißt es, habe seinen Reisethron, diesen palisadenhölzernen Sitz mit Rückenlehne und Paravents, viel benutzt. Grandios die goldgrundierten Perlmutt-Intarsien, deren Teilchen grün, violett, lila schimmern. Das Farbspiel ist so faszinierend, wie die Bildfelder vom daoistischen Paradies und seinen „Unsterblichen“ beredt sind.

Dieses Kunstwerk aber steht im ohnehin beengten Dahlemer Museum in einem kleinen, abseitigen Raum mit diffuser Beleuchtung. Die Schönheit des Objekts ist fast versteckt, so gehen Besucher oft achtlos vorbei. Das „Spiel der Throne“ insistiert also auch darauf, was sich ändern muss. Ändern kann – wenn die Humboldt-Forum-Planung hält, was sie verspricht. Nicht nur zeitlich, auch räumlich – am künftigen Ort der Außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen.

Humboldt Lab Dahlem, Museum für Asiatische Kunst, Lansstr. 8, noch bis 27. Oktober Di–Fr 10–18/Sa+So 11–18 Uhr. Infos: www.humboldt-lab.de