In den vergangenen acht Wochen wurde umgeräumt in der Bibliothek der Humboldt-Universität. 1,2 Millionen Bände vor allem geisteswissenschaftlicher Literatur kamen in das neue Speichermagazin nach Adlershof. 600.000 Bände wurden alleine im Grimm-Zentrum bewegt. Um Platz für neue Bücher zu schaffen, wie die Bibliotheksleitung mitteilte. Ausgelagert worden seien aber nur Materialien, die weniger gelesen würden, wird uns versichert. Oder „Altbestände“.

Weniger gelesen? Seit der Eröffnung des Grimm-Zentrums 2009 ist die Humboldt-Universität weit über Berlin hinaus berühmt dafür, dass man hier zwei Millionen Bücher des 2,5 Millionen umfassenden Bestands direkt aus dem Regal ziehen konnte. So lange diese Bände nicht aus dem Haus ausgeliehen werden, weiß also auch der erfahrenste Bibliothekar nicht, wie oft, von wem und wozu sie in die Hand genommen werden, oder ob sie nur einstauben. Und was heißt Altbestand? Um 1700 erschienene Werke und zumal solche aus dem faktengierigen Historismus des 19. Jahrhunderts haben für Theologen, Historiker, Archäologen oder Kunsthistoriker oft genau die gleiche Bedeutung wie die von 2015. Sie sind Forschungsmaterial und Forschungsgegenstand zugleich. Außerdem entstehen gute Ideen oft durch unerwartete Funde am Regal. Die Neugier, der Zufall gehören zum Forschen dazu.

Alleinstellungsmerkmal

Wie keine andere deutsche Bibliothek war und ist noch das Grimm-Zentrum also Lehr- und Forschungsbibliothek zugleich. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Doch der Direktor Andreas Degkwitz, seit drei Jahren im Amt, will grundlegend Abschied nehmen vom Konzept seines Vorgängers Milan Bulaty: Die Uni-Bibliothek soll künftig auch in den Geisteswissenschaften wie schon jetzt in den Naturwissenschaften vor allem der neuen Literatur verpflichtet sein. Sie soll wie alle anderen Uni-Bibliotheken strikt auf die Lehre ausgerichtet werden. Und dafür wird aus der Angebotsbibliothek eine Nachfragebibliothek: Bücher, die öfter in Adlershof nach Mitte bestellt werden, verspricht Deckwitz, wieder ins Grimm-Zentrum zu stellen.

Aber der umfassende Freihandbereich garantiert auch den Studierenden das Erlebnis der Entdeckung, der Forschung. Seine Einschränkung hingegen stärkt die Macht der auswählenden Bibliothekare sowie die der Professoren und fest angestellten Lehrenden. Diese nämlich können ohne Weiteres zwei, drei Tage auf die aus Adlershof anzuliefernden Bücher warten. Studierende hingegen, gequält von den engen Prüfungstakten des Studiums, und freie Forscher haben diese Zeit nicht. Sie werden also voraussichtlich auf die ausgelagerten Bände kaum Zugriff nehmen. Und irgendwann teilen uns die Bibliotheksplaner dann mit: Sparen wir uns doch die Lagerhaltung, behelft euch mit den Digitalisaten.

Diese Philosophie des „Wir wissen, was gut für euch ist“ sägt an der Einheit von Lehre und Forschung. Sie stabilisiert aber vor allem die Machtverhältnisse in der Forschung, statt diese aufzubrechen. Was für ein radikaler Sprung zurück.