Dass die spätklassizistische Kuppel des Berliner Schlossfassadennachbaus in der Form von 1854 mitsamt der zierlichen Engellaterne wieder ersteht, die so nett an Pariser oder Londoner Straßenbrunnen erinnert, das ist nur konsequent. Wenn man sich schon auf ein Nachbau-Abenteuer einlässt, sollte es so weit als möglich getrieben werden.

Auch wenn dabei an manch unerfreuliche Botschaft erinnert wird: Die barocken Schlossfassaden etwa waren einst militante Propaganda für das 1701 ziemlich dubios erlangte Königtum der Hohenzollern. Und die über die Dächer Berlins ragende Schlosskuppel signalisierte nach der Revolution von 1848 den Untertanen: Der König hat wieder die Macht, fügt Euch. 

Zwei Konzepte nebeneinander

Formen verkünden eben immer auch Botschaften. Aber diese hier sind längst verarbeitete Erinnerung geworden. Ganz anders als die Botschaft des goldenen Kuppelkreuzes, das nun ebenfalls zum Nachbau vorgesehen ist. Es ist im Unterschied zu Putten und Adlern immer noch ein überaus bedeutungsvolles Symbol. Dessen Vieldeutigkeit offenkundig auch den Verfechtern des Schlossfassadennachbaus bewusst ist. Jedenfalls wurde nicht offen geworben für den Nachbau dieses Kreuzes, der jetzt dank einer Einzelspende möglich wird.

In der Kreuzfrage stoßen zwei Konzepte aufeinander, die bisher nebeneinander her existierten. Seit 1993 behaupten die Anhänger des Fassadennachbaus, dass hier ein „Schloss“ gebaut oder „rekonstruiert“ wird. Doch das stimmt allenfalls für Teile der Fassaden. Hinter diesen entsteht ein Museums- und Kulturzentrum, das in Grundrissen, Räumen und Nutzungen nichts mit dem 1950 auf Befehl der SED gesprengten Schloss zu tun hat.

Nichts spricht gegen eine Fahnenstange

Wenn die Kapelle und das Kuppelkreuz darauf noch existierten und nun als Museum genutzt würden, sie wären als historische Merkmale unantastbar. Aber hier handelt es sich um ein neues Kreuz über einem vollständig neuen Gebäude. Es geht also nicht um die Bewahrung historischer Bedeutungszeichen, sondern um ein neues (!) kulturelles Signal, das unsere Gesellschaft setzen wird.

Im Humboldtforum wird es keine christliche Kapelle geben, keine Tempel, Moscheen, Synagogen oder schamanistische Heiligtume. Allenfalls wird über zeitlich streng begrenzte religiöse Rituale in den  Museumsräumen nachgedacht, und selbst das ist überaus umstritten. Denn das Humboldtforum ist als Bildungsraum grundsätzlich säkular. Es gilt hier die Gleichheit aller Menschen, Religionen, Regionen und Kulturen vor der Geschichte, vor den Göttern oder sonstwas.

Nichts spricht gegen eine Fahnenstange auf der Engellaterne, auf der es europäisch, deutsch, katholisch, evangelisch, hindu-oder buddhistisch oder auch regenbogenbunt wehen kann. Aber es darf keine feste Hierarchie geben. Ein goldenes Preußen-Kreuz würde eine solche Hierarchie signalisieren. Also darf es dieses Kreuz nicht geben.