Von Links nach Rechts: Nora Fuchs’ „Schwimmtieralarm“, Olf Kreisels „Sockelhütte“ und Tina Schwichtenbergs „Holterdiepolter“.
Foto: Kulturamt Treptow

Berlin-TreptowDas Böse ist immer und überall. Auch im Park, im öffentlichen Raum, der bekanntlich allen gehört und wo Kunst inmitten der steinernen Großstadt ein wenig Schönheit und Lebensfreude verbreiten will. Die Zerstörungswut tobt sich an wehrloser Kunst aus, beschädigt, beschmiert. Oder es wird geklaut. Bronze ist ein begehrtes Buntmetall, bringt Geld. Und der Kunstwert einer Plastik zählt den diebischen Vandalen nichts.

Das Schicksal der Treptower Bildhauer

Auch im Treptower Park und in den Grünanlagen des Stadtbezirks stehen seit Jahrzehnten Figuren auf Sockeln, aufgestellt zwischen Blumen, Büschen, Bäumen, vor der Schwimmhalle, vor Sportplätzen: Kunstgrüße ans Gemeinwesen.

Irgendwann im Winter letzten Jahres haben Anwohner der Treptower Kiefholzstraße es bemerkt: Der „Schwimmer“ der Bildhauerin Gertrud Classen ist weg, der Sockel gähnend leer. Es gab Anrufe beim Bezirksamt, die Kripo ermittelte. Der Bronzedieb aus einem Brandenburgischen Dorf wurde überraschend schnell gefasst, die Legende von angeblich polnischen oder weißrussichen Bronze-Diebesbanden war damit widerlegt. Aber der gierige Mann hatte das Kunstwerk schon zerschnitten, um sie auf einem Metallhof zu Geld zu machen. Jetzt harren die Einzelteil des Schwimmers der äußerst aufwendigen Restaurierung. Das kostet viel Geld.

 Bis 2018 stand der „Schwimmer“ von Gertrud Classen an der Kiefholzstraße.Jetzt harren die Einzelteil des Schwimmers der äußerst aufwendigen Restaurierung.
Foto: Lisa Vanovitch + Martin Schönfeld

Auch Spaziergänger im Treptower Park standen im Jahr 1990 verdutzt im „Rosengarten“: Da war doch mal was! Da lagerte doch die anmutige „Sitzende“ von René Graetz’, einem sehr bekannten Ostberliner Bildhauer. Aufgestellt wurde die Plastik schon im Jahr 1958.

Nach dem Mauerfall spurlos aus dem Rosengarten im Treptower Park verschwundenen „Sitzenden“ von René Graetz’ (1958).
Foto: Lisa Vanovitch + ARchiv KUlturwerk BBK

Und in einer Novembernacht 2014 hatten sich auch die 1978 geschaffenen possierlichen, von Kindern im Park stets freudig begrüßten „Heinzelmännchen“ des Bildhauers Werner Richter unfreiwillig auf Nimmerwiedersehen davongemacht. Der hohe Betonsockel ragte seitdem aus den Berberitzenbüschen-Rondell heraus wie ein trauriger Zahnstumpf.

Die „Heinzelmännchen“ (1978) des Bildhauers Werner Richter, verschwunden im November 2014 im Treptower Park, nahe Bulgarische Straße. 
Foto: Lisa Vanovitch + Archiv Bezirksamt Treptow-Köpenick

Schwimmtier-Alarm und Heinzelmännchen

Nun, zu Jahresende 2019, wollte man sich im Rathaus Treptow nicht mehr abfinden mit den leeren Sockeln. Die rührige Treptower Kunsthistorikerin Petra Hornung hat die Idee zu einem Künstlerwettbewerb – und die Senatsverwaltung für Kultur und Europa stellte unbürokratisch die Finanzen bereit. Gesagt, getan: Die Teilnahme war rege, in kürzester Zeit wurden acht Entwürfe eingereicht: Die Jury entschied sich für drei der Arbeiten – für die witzigsten, sei dazu gesagt. Ende Oktober wurden die Gewinner bekannt gegeben:

Nora Fuchs hatte „Schwimmtieralarm“ – in Erinnerung an Gertrud Classens „Schwimmer“ zu bieten, einen Käfig voller Plastik-Märchentiere. Olf Kreisel baute eine originelle „Sockelhütte“ – die sich auf René Graetz’ „Sitzende“ bezieht. Und Tina Schwichtenberg überzeugte und amüsierte die Juroren mit einer lustigen „Holterdiepolter“-Parade frei nach Werner Richter, indem sie dem Betonsockel lauter kleine bunte Kinderkarren aufsetzte – fest angeschraubt, wohlgemerkt. Sie weiß, freilich, dass auch diese „Ersatz“-Heinzelmännchen leicht entwendet werden könnten.

Aber diese Kunstaktion ist nur temporär, angelegt auf die Feier des Flüchtigen. Die Väter dieser Kunstform, Marcel Duchamp und Joseph Beuys, hätten wohl ihre Freude daran. Nichts an den „Ersatzwerken“ ist darauf angelegt, Ausgleich sein zu wollen für das, was dummdreiste, tumbe Diebe der Kunst im öffentlichen angetan haben.

Kunst mit Humor 

Der Verlust bleibt sichtbar. Aber der traditionelle Kunstbegriff und Kunstgeschmack, da waren sich Wettbewerbs-Auslober wie Künstler einig, sollte für diesen Wettbewerb gegen die „Leeren Sockel“ außer Kraft gesetzt sein. Die Antwort auf den schnöden Kunstklau sollte Humor sein, fröhliches Lachen – und sogar Interaktion mit dem Publikum. Nora Fuchs rechnet damit, dass ihre Schwimmtiere so peu à peu aus dem Stahlkäfig an der Kiefholzstraße/Ecke Hohenbirker Weg „entnommen“ werden. Sie wünscht sich allerdings, es mögen dort, unweit der Schwimmhalle, Kinder sein, die sich mit dem Inhalt des Käfigs einen Spaß machen und nicht betrunkene Nachtpassanten. „Es kommt, wie’s kommt“ so die Bildhauerin. Für Ersatz-Schwimmtiere hat sie gesorgt.

Olf Kreisel hat in den Rosengarten im Treptower Park eine Skulptur gesetzt, die halb Sockel, halb Hütte ist, angedeutet die Tür und das Rundfenster darüber, ansonsten hermetisch verschlossen. Nichts erinnert an die sinnliche nackte „Sitzende“ aus Bronze, mit der René Graetz damals das klassische Schönheitsideal der Nachkriegsjahre zitiert hatte.

Aber womöglich haben destruktive Kräfte in der Stadt auch damit ein Problem. In der Nacht zum Montag, kurz nach der Einweihung der drei Arbeiten in Treptows Grünanlagen, haben Unbekannte Kreisels Arbeit übel beschmiert – ausgerechnet mit Anti-Kapitalismus-Parolen. Falsch gebrüllt, Löwe! Aber so irrational ist eben leider der Umgang mit öffentlicher Kunst.

Die Ausstellung zum Wettbewerb „Leere Sockel“ ist im Rathaus Treptow, Neue Krugallee 4., bis 20. 12., tgl. 9–18 Uhr zu sehen.