Mutter (vorn) und Tochter.
Foto: Cornelia Geißler

BerlinHach, sagt die Frau, die wir am Parkausgang treffen, die kenne ich ja noch, da war sie so! Sie zeigt etwas mit ihren Händen, das Haustierfreunde höchstens als meerschweinchengroß klassifizieren würden, wenn nicht bloß hamsterartig. Ich kenne die Frau nicht, sie trägt einen abwaschbaren Mantel und hat einen Hund mit wirren Haaren und müden Augen an der Leine. Sie spricht über meine Lotta in diesem Erwachsenenton, der Kinder erschreckt. Was bist du aber groß geworden!

Wir befinden uns nicht weit von der Rennbahn Scheibenholz, wie die abgesperrte Anlage im Clara-Zetkin-Park zu Leipzig heißt. Die Hundebesitzerin spricht sehr vertraut mit dem Mann, von dem ich mich gerade verabschieden will. An seiner Leine hängt eine Setter-Hündin, eine Schönheit mit leicht gebeugtem Rücken. Mein Hund und ich waren sozusagen auf Verwandtenbesuch. Die Setterdame Sylva ist Lottas Mutter.

Hach, sagt die Frau wieder, ich weiß noch, wie die Welpen bei Ihnen durch die Kanzlei wuselten und überall hinpinkelten. Sylvas Besitzer arbeitet als Steuerberater, auch während der Pandemie muss er über einen Mangel an Beschäftigung nicht klagen. Vermutlich wegen seiner Auftragsfülle liegt für ihn die Zeit der Welpenbetreuung recht lange zurück, oder doch eher aus einem Bedürfnis nach Hygiene. Er muss erst mich fragen, wie alt Lotta denn sei (bald sechs Jahre), um zu errechnen, wie alt seine Sylva jetzt ist (bald acht Jahre). Sie war eine sehr junge Mutter, stellt er fest, als wollte er von der früheren Unreinheit in seinem Umfeld ablenken.

Seine Hündin hat ein freundliches Wesen und zeigt sich nicht nur ihrem Besitzer und der mir fremden Frau, sondern auch mir sehr zugewandt. Während des Gesprächs streichle ich Sylvas Seidenhaar. Hätte die Setterdame sich damals nicht mit einem Labrador eingelassen, sondern mit einem Collie, würde Lotta auch ein langes Fell tragen. Spaßeshalber nennen wir ihre Rasse, die es nicht gibt, Labretter. Das klingt logisch, so wie ja offiziell Labradoodles verkauft werden. Zum Glück war der Rüde kein Collie! Dann hätten wir Sellie sagen müssen oder Cotter.

Die Frau mit dem traurigen Zottelhund hat auch etwas zum Thema Alter zu sagen, über sich und ihr Tier, beide seien sie ja nun nicht mehr so schnell. Und dann möchte sie noch einmal aufzählen, was sie alles über den bunten Wurf von damals weiß: drei helle, zwei schwarze und ein gefleckter Hund. Ist nicht der eine so schrecklich gestorben, fragt sie nun? Da weiß ich wieder, warum ich mich als Kind bei meinen Großeltern und während des Studiums in Leipzig nie so ganz wohlfühlen konnte. Aus Berliner Sicht reden die Leute dort einfach zu gern. Man fragt nach dem Weg und erfährt die Lebensgeschichte. Man steht in der Kaufhallenschlange und wird über das Sortiment der vergangenen Wochen informiert.

Es war wirklich eine schreckliche Geschichte, wie sich Lottas in Leipzig verbliebene Schwester beim Spielen auf einer Baustelle verletzte. Das möchte ich jetzt nicht hören. Sylvas Besitzer ist, das zeigt sich nun, ein Zugezogener. Sein norddeutscher Hintergrund offenbart sich, als er der Frau knapp entgegnet, dass wir uns lieber freuen sollten, wie gut es dem Besuch aus Berlin gehe. Und überhaupt, alle müssten vorsichtig sein und Abstand halten, aber auf der Hundewiese durften sich auch die Fremden ganz nahe kommen. Lotta und ich verabschieden uns endlich.