Hypermoderne Wearables: Japanische Firma Achilles stellt selbstlaufendes Schuhwerk vor

Wearables − die kleinen, immer körpernäheren Gerätchen − sind nicht nur in aller Munde, sie stecken nun auch in den Zungen von Schuhen. So präsentierte die japanische Firma Achilles gerade das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Kato Denki, einem Unternehmen, das eigentlich auf den Bau von Anti-Diebstahl-Geräten für Autos spezialisiert ist: einen Schuh, der verlorengegangene Demenzpatienten wiederfinden helfen soll.

Die Grundidee ist nicht neu. In dem Film „Goldfinger“ von 1964 versteckt James Bond einen Minisender im Rolls Royce des dubiosen Auric Goldfinger und folgt ihm vermittels eines kleinen Radarschirms in seinem Aston Martin, auf dem das Sendersignal als piepsender Punkt wahrzunehmen ist, quer durch Europa bis in die Schweiz.

Das Dementenfinden ist nicht billig. Ein Set aus Schuhen, Sender, Antenne und Tracker kostet rund 1600 Euro, einschließlich die ersten zwei Jahre Mobilfunkgebühr. Haustierfindegeräte mit gleichartiger Funktionalität, wie es sie bereits seit einigen Jahren gibt, sind bedeutend kostengünstiger. Aber vielleicht gibt es auch in diesem innovativen Bereich eine irrationale Differenz wie etwa beim Friseur, wo Frauen mehr bezahlen müssen als Männer.

Zielbestimmung per Smartphone-App

Eine aktive Version der Schuhnavigation hat das Startup Ducere Technologies aus dem indischen Hyderabad entwickelt, wobei sich einem erst einmal nicht sofort erschließt, wie ein Schuh „Indiens Antwort auf Google Glass“ sein soll, des brillenförmigen Minicomputers von Google, der wegen seiner unauffällig integrierten Kamera viel Unwillen auf sich gezogen hat. Der Schuh von Ducere, der „Le Chal“ heißt − auf Hindi soviel wie „Nimm mich mit“ − hat sich im übrigen nach mehrjähriger Entwicklungsarbeit auf eine technologiebefüllte Einlegesohle reduziert, die in jeden Schuh platziert werden kann.

Die Gemeinsamkeit mit Google Glass liegt offenbar darin, dass sowohl die Brille als auch der Cyberschuh den Träger durch die Welt navigieren möchten. Bei Glass funktioniert das, indem wie ins Helmvisier eines Kampfjägerpiloten Richtungspfeile ins Sichtfeld eingeblendet werden. Der indische Schuh dagegen vibriert an verschiedenen Stellen, um Richtungsempfehlungen abzugeben. Die Idee dazu entstammt ursprünglich einer lobenswerten Absicht, nämlich Blinden eine bessere Orientierung zu ermöglichen. Zwar kann man mit einem Blindenstock Kanten und Hindernisse ertasten, nicht aber die richtige Richtung.

Krispian Lawrence, einer der beiden Gründer von Ducere Technologies, war zuvor in den USA Anwalt für Patentfragen und hat die Schuhe, die wissen, wo’s langgeht, durch eine Reihe internationaler Patente schützen lassen. Denn über den Blinden-Markt hinaus sieht man in dem Unternehmen sozusagen noch weiter. Bei Tests zeigte sich, dass die Schuhe auch von Sehenden erfolgreich genutzt werden können. Jogger, Mountainbiker oder Touristen können ihr Ziel in einer Smartphone-App eingeben und müssen so auf dem Weg keine Zwischenhalts mehr einlegen, um sich zu orientieren – das Vibrieren in den Schuhen macht sie darauf aufmerksam, wo der Weg ist.

Interessant für Militär oder das Ballett

Natürlich können einem dazu auch noch andere Dinge einfallen. So wären Varianten der elektronischen Fußfessel denkbar. Mit Außensteuerung und speziellen Sanktionsmechanismen im Schuh könnten Stalker davon abgehalten werden, bestimmte kartographisch definierte Bereiche aufzusuchen. Auch für Arbeiter in Logistikzentren, die Waren aus Regallabyrinthen zusammensuchen müssen, eröffnen sich weitere Beschleunigungsmöglichkeiten, wenn sie auf dem Weg zum nächsten Ziel nicht mehr anhalten müssten, um an den Kreuzungen der Regalstraßen richtig abzubiegen, sondern stattdessen der Schuh dafür sorgt, dass stetig gegangen wird.

Interessant könnte derlei Schuhwerk auch für’s Militär oder das Ballett sein, etwa durch die Möglichkeit, im Gefechtsdienst stumme Befehle zu erteilen oder das einheitliche schnelle Bewegen besser zu choreografieren. Letztlich könnten digitale Schuhe auch dazu beitragen, eine seit Jahrhunderten tradierte Ungerechtigkeit zu beseitigen. Im Schauspiel nämlich haben bis heute nur die Darsteller Hilfe, wenn sie ihren Text vergessen haben – den Souffleur in seinem versenkten Kasten am Bühnenrand. Mit Richtungsschuhen dürfte endlich auch mal dem Tänzer zwischendurch etwas entfallen – die Schuhe sind weisungsgebunden.