Der Designer Milton Glaser in seinem New Yorker Büro.
Foto: dpa/Christina Horsten

BerlinWas für eine ironische Wendung: Bei dem wohl schlechtesten Geschäft seines Lebens schuf der Designer Milton Glaser eines der berühmtesten Wahrzeichen der Welt. Der Amerikaner war der Erfinder des „I Love New York“-Logos, eine recht ordentliche, quadratische Ansammlung dreier Buchstaben und eines, diese Ordnung herausfordernden, da einigermaßen kitschträchtigen roten Herzens. 

2000 Dollar bekam er im Jahre 1975 für seinen Entwurf – der Bundesstaat New York, nicht die Stadt, hatten Glaser damit beauftragt, ein stimmiges, leicht verständliches Bild für den später massenhaft kopierten Liebesschwur zu finden: „I ♥ NY“ avancierte in seiner grafischen Schlichtheit zu dem unerreicht erfolgreichen Vorbild für das visuelle Stadtmarketing.

Das ikonische Logo funktioniert auch in der Horizontalen.
Foto: dpa/Hans Pennink

Milton Glaser war New York, durch und durch. Der Designer gehörte zu den Gründern des New York Magazine und entwarf das Emblem für die Brooklyn-Brauerei. Er zeichnete auch für das visuelle Erscheinungsbild der „Windows on the World“ verantwortlich, dem berühmten Restaurant im World Trade Center.

Geboren wurde Glaser 1929 in der South Bronx. Der Sohn jüdisch-ungarischer Einwanderer wuchs hier in der kommunistisch geprägten „United Workers Cooperative Colony“ auf, einem auch Allerton Coops genannten Häuserkomplex der Vereinigten Arbeitergenossenschaften. In dieser Umgebung, so sagte Glaser rückblickend, habe sich ein neues New Yorker Stadtgefühl entwickelt – jüdisch, fortschrittlich und weltoffen.

Milton Glaser: Einer der wichtigsten Grafiker seiner Zeit

Aus der Welt der Coops, aus dem Geist einer politisch-emanzipatorischen, einer sozial engagierten und bildungsorientierten Bewegung entwickelte sich Glaser zu einem der wichtigsten Grafiker seiner Zeit. Mit 14 Jahren hatte er seine Leidenschaft, das Zeichnen, entdeckt, er studierte Kunst an der High School of Music & Art und dann an der Cooper Union, einer der wenigen höheren Bildungsanstalten in den USA, die allen Studierenden ein gebührenfreies Studium gewährt, und gründete schließlich mit einigen Kommilitonen die Push Pin Studios. Dort erregte er erste Aufmerksamkeit mit kühn gefärbten, üppig ausgestatteten Entwürfen für Plakate, Plattencover, Buchumschläge und Zeitschriften.

In dieser popkulturell aufgeladenen Umgebung entstand 1966 dann auch jenes berühmte Plakat, das eine schwarze Silhouette Bob Dylans zeigt – und im Kontrast dazu dem Künstler eine feurig-bunte Haarwolke aufsetzt. Ein in vielfacher Hinsicht gelehrtes Bildnis, nahm es doch die psychedelische Entgrenzungsästhetik der Zeit auf und verband sie mit der poetologischen Strenge von Dylans Texten; hinzu kamen weiter Referenzen wie die zu Marcel Duchamps „Selbstporträt im Profil“ (1957). Das Poster machte Glaser schlagartig zu einem der führenden Stimmen in der New Yorker Designerszene und tauchte später als hochpreisiges Cover-Artwork für eine Platte Bob Dylans auf.

Barack Obama (r)  überreicht Milton Glaser 2009 im Ostsaal des Weißen Hauses die „National Medal of Arts“.
Foto: dpa/Charles Dharapak

Glaser entwickelte sich zu einem gefragten Illustrator und Posterkünstler. Sein Werk reicht von der Architektur bis zum Möbeldesign. 2009 verlieh ihm Präsident Barack Obama im Weißen Haus die National Medal of Arts, die bedeutendste Kunstauszeichnung der USA. Glaser war der erste Grafikdesigner, der sie erhielt. Die Londoner Royal Society of Arts ernannte ihn zum Ehrenmitglied; er lehrt an der New Yorker School of Visual Arts und der Cooper Union. Die bescheidene Entlohnung für sein New-York-Logo hat dem Lokalpatrioten mit Weltgeltung nach eigenen Bekunden nie gestört. 2001 griff er selbstbewusst darauf zurück, in dem er nach den Terroranschlägen des 11. September in „I LOVE NY MORE THAN EVER“ änderte – mit einem kleinen schwarzen Fleck auf dem roten Herz.

Heute bringt das „I ♥ NY“-Logo dem Staat New York jedes Jahr rund 30 Millionen Dollar Lizengebühren ein. Es ist längst zu einer Ikone der Popkultur geworden. Der Merchandise erstreckt sich auf alles denkbare, T-Shirts und Hüte, Tassen, Schlüsselanhänger und Bettwäsche, Süßigkeiten und Kugelschreiber … Und zwar nicht nur in New York, sondern weltweit.

T-Shirts mit der Aufschrift „I ♥ NY“.
Foto: imago images / Design Pics

Hinzu kommen die zahllosen Imitationen – man kann ja auch London, Berlin oder Rom lieben. Die Logo-Liebe gilt aber auch Radios oder Burgern. Der Lizenträger, also der Staat New York, verfolgt mit einiger Strenge die unerlaubte Verwendung des Logos, über 3000 Abmahnungen wurden bislang gegen Raubkopisten ausgesprochen.

Bis zuletzt hatte Glaser in seinem Büro nahe dem Empire State Building gearbeitet. Immer wieder erklärte er, am liebsten ewig weiterarbeiten zu wollen. „Ich sage immer, dass die Pensionierung eine furchtbare Verschwörung ist, gemacht, damit die Menschen nicht am Leben bleiben. Mein Gott, wer hat das erfunden?“ So fragte er empört zu seinem 90. Geburtstag in der New York Times. Der Zeitung erzählte er auch, dass all seine Entwürfe nicht primär der Werbung gedient hätten. Es sei vielmehr darum gegangen, dass ihm die Arbeit an seinen Entwürfe  eine ganz besondere Kraft gegeben habe – Lebenskraft. Am Freitag ist Glaser an seinem 91. Geburtstag in Manhattan gestorben, wie die New York Times unter Berufung auf seine Frau Shirley berichtete.