Es gibt in der Kulturgeschichte nur zwei Menschen, die mit dem Spiel der Querflöte zu nachhaltiger Popularität gelangt sind. Der eine war Friedrich II., der andere ist Ian Anderson. Der König ist schon lange tot, der Flötist der britischen Rockband Jethro Tull ist nach schweren gesundheitlichen Malaisen wieder wohlauf. Am Donnerstag wird Ian Anderson siebzig Jahre alt.

Unlängst hat er nun allerdings bekanntgegeben, nicht mehr länger Sänger und Instrumentalist von Jethro Tull sein zu wollen. Er ist jetzt bitte Ian Anderson, der als Sänger und Instrumentalist die Musik von Jethro Tull spielt. In einem Interview hat er gesagt, er sei es leid von den Leuten auf der Straße mit „Mister Tull“ angesprochen zu werden. Die Namensverwechslung ist ein Indiz dafür, wie sehr sich über 50 Jahre seine Persönlichkeit mit dem Image seiner Band verbunden hat.

Dabei gehörte der Flöte nicht von Anfang an seine Leidenschaft. Begonnen hatte Jethro Tull 1967 als Bluesband, besser gesagt, als eine von ungefähr hundert Bluesbands in London. Ian Anderson, Schotte von Geburt, begleitete sich auf der Gitarre und blies dazu bisweilen die Mundharmonika, was im Londoner Blueskontext auch nicht sonderlich originell wirkte. Irgendwann muss ihm dann die Idee mit der Querflöte gekommen sein, die er nie klassisch gelernt hatte. Er tauschte Gitarre und Harmonika gegen die Flöte und kreierte einen Sound, der die Band Jethro Tull zu einer mittleren Sensation der 70er-Jahre machte.

Auf einem Bein stehend, das andere angewinkelt

Als Flötist stand Ian Anderson in seinen besten Zeiten gern auf einem Bein, das andere angewinkelt. Eine skurrile Erscheinung, wozu auch seine Garderobe in Strumpfhose und Lederstiefeln beitrug. Benannt nach einem englischen Landmann des 18. Jahrhunderts fühlten sich Jethro Tull auf eine originelle Weise in der Vergangenheit beheimatet. Einer ihrer Hits hieß denn auch programmatisch „Living in the Past“.

Diese musikalische und ästhetische Rückbesinnung reichte bis hin zur Musik der Renaissance, bis zum „Bourree“ von Bach, zur keltischen Folklore und was sich sonst noch so auf dem Instrument verblasen ließ. Kontrastiert wurde das Ganze von Bluesrock, was die eigentümliche Spannung dieser Musik ausmachte. 1969 bekam Jethro Tull eine Einladung zum Festival in Woodstock, die Ian Anderson indigniert ausschlug. „Nackte Frauen, die sich im Schlamm wälzen, ohne mich“, sagte er später einmal dazu.

Was ihn allerdings nicht davon abhielt, mit Jethro Tull beim Konzert auf der Isle of Wight zu gastieren, wo sich nackte Frauen am Bühnenrand verzücken ließen, wie vor ein paar Tagen erst in dem auf Arte gezeigten Festivalfilm zu sehen war. Wenn man Ian Anderson dort mit wilder Mähne rocken sieht, die Querflöte im Hüftanschlag, kann man verstehen was für eine Faszination einst von ihm ausgegangen ist.

Mitte der 70er-Jahre war es dann vorbei, er war „too old to rock’n’roll, too young to die“, wie er es in einem Song gesungen hat. Zu alt für den Rock’n’Roll, zu jung zum Sterben. Beinahe wäre es sogar passiert, als er nach einem Langstreckenflug eine Thrombose erlitt. Er hat es überstanden und falls er nicht mit der Flöte unterwegs ist, genießt er das Leben in seinem Landschloss.