Nichts ist je von Dauer, natürlich nicht. Das steht am Ende dieses Buchs. Aber es gebe, heißt es weiter, keinen Grund, die Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchte der Menschen gering zu schätzen, auch wenn viele davon zu Asche verfielen, „wie alles am Ende“.

Die Hoffnungen, Erwartungen, Sehnsüchte der Menschen im Mai 1945, als der Zweite Weltkrieg, aber nicht der Schrecken vorbei war: Sie stehen im Scheinwerferlicht dieses Buchs von dem Schriftsteller, Essayisten und Gelehrten Ian Buruma. Menschen wie sein Vater, der das Kriegsende in Berlin erlebte. Oder wie Brian Urquhardt, ein junger britischer Offizier, der als einer der Ersten das Konzentrationslager Bergen-Belsen nach seiner Befreiung betrat. Oder Josef Rosensaft, „ein sehr zäher polnischer Jude“, der mehreren Auschwitz-Transporten entkam.

Die Großfiguren der Geschichte sind hier Nebengestalten, die breiten Linien der historischen Zusammenhänge allenfalls eine Angelegenheit von Nebensätzen. Wer die Vor-, Haupt- und Nachgeschichte des Zweiten Weltkriegs nicht kennt, wird deshalb mitunter den Überblick verlieren. Das aber hat Methode. Ian Buruma misstraut den historischen Überschauen, scheut den distanzierenden Draufblick, meidet die Kälte einer Geschichtsschreibung, die sich ins bloß Faktische zurückzieht. Weil es für ihn die Nacktheit der Fakten nicht gibt. Geschichte ist für Buruma an Gefühle gekoppelt, an das Erleben, die Blickwinkel der Betroffenen. Sein Buch ist deshalb ein Splitterwerk. Es sammelt Stimmen, Eindrücke, Atmosphären. Das unterscheidet es von der Mehrheit an Büchern, die sich 70 Jahre nach dem Kriegsende dem Thema widmen: Buruma verficht keine Geschichtsdeutungsthese, er beteiligt sich nicht an den Schulddiskussionen; er ist Erinnerungssammler. Walter Benjamin liefert ihm entsprechend das Motto: Nichts, was sich jemals ereignet hat, ist für die Geschichte verloren zu geben. Für die Gegenwart auch nicht.

Was war, als der Krieg zu Ende war? In einem ersten Teil, „Befreiungskomplex“ überschrieben, zeichnet Buruma eine Welt in Widersprüchen. Hier der Jubel, die Gier nach Nähe und Normalität, dort das Entsetzen, Länder in Trümmern, Menschen in Not.

Das „konservative Bedürfnis nach Rückkehr zur ,Normalität‘ stand in Konkurrenz mit dem Wunsch nach Änderung, nach Neuanfang, nach einer besseren Welt“. Aus dieser Konkurrenz ging für Buruma das Nachkriegseuropa hervor und letztlich auch der Kalte Krieg.

Er findet diese Widerspruchs-Welt überall, in den sprunghaft ansteigenden Geburtszahlen bei gleichzeitigen größten Existenzsorgen, in Zeitungsartikeln, Romanen und den Erzählungen seines Vaters. Und er findet dabei einen Krieg, der mit 1945 keineswegs vorbei war, sondern lange, tiefe Schatten bis Ende der 1950er-Jahre warf.

Vor allem anhand sorgfältig recherchierter Leidensgeschichten von sogenannten Displaced Persons, von Kriegsgefangenen und Vertriebenen in Deutschland, Japan oder Indonesien, in seiner niederländischen Heimat und seiner eigenen Familie entwirft Buruma das Bild einer Welt, die nicht am Nullpunkt, sondern an einem Wendepunkt stand. Und Wendepunkt heißt nicht, dass nach dem Krieg alles anders geworden war, aber dass alles unter anderen Vorzeichen stand.

Die Nachkriegswelt ist dieser Erzählung zufolge aus einem dichten Gemisch von andauernden Kriegs- und Zerstörungszuständen und den Illusionen eines Neuanfangs gleichermaßen gemacht. Buruma weiß dabei sehr genau und sehr sinnlich zu beschreiben, was es 1945 bedeutete zu hungern oder auf Kriegsheimkehrer zu warten, wie das Leben in zerbombten Städten und wie verschieden es in Berlin, Tokio oder Budapest war. „Trümmerbeseitigung“ und „Nie wieder“ sind die beiden folgenden Teile dieses Geschichtsessays genannt, auch sie beinhalten Splitter-Bilder über ein Leben in Chaos und in Not und zugleich über Erleichterung und Hoffnung zugleich.

Nichts ist je von Dauer. Das ist die so einfache wie eindringliche Botschaft dieses Buches. Sie lautet: Der Frieden ist ein fragiler Zustand. Unser Frieden hier und heute.