Berlin vor dem Klimawandel (Winter 1978)
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-T0106-0016 / CC-BY-SA 3.0

BerlinEs ist ein nachdrücklicher Moment in Schwarzweiß. Die junge Katharina Thalbach mit ihrem Bubikopf lehnt sich aus dem halb geöffneten Fenster, Licht fällt in die gute Stube, schaut nach oben in die Sonne, schaut in den Himmel. Und mit ihr begreifen auch die Zuschauer die Veränderung. Es herrscht Stille! Die Abwesenheit von Lärm wird in ein präzises Bild gegossen. Bis zu diesem Moment ist der Fluglärm im Film „Engel aus Eisen“ von Thomas Brasch allgegenwärtig. Der Film spielt zur Zeit der Luftbrücke 1949, eine Schmugglerbande organisiert sich zwischen den Sektorengrenzen, zwischen Ost und West. Die Szene am Fenster in ihrer Idylle offenbart den Wendepunkt des Films. Solange die alliierten Flugzeuge über Berlin dröhnen, funktioniert der Absatzmarkt.

Im März 2020, ist es wieder still in der Stadt. Wenn in den Wintern vor dem Klimawandel der Schnee im Januar kam, war es ähnlich. Ein Himmel aus Watte fiel über die Stadt und erstickte ihren Hallraum.

So ist es heute wieder. Die Epidemie macht die Stadt leise. Mit dem fehlenden Geräuschpegel wird sie zum Stummfilm ohne Musik, und zur Stille kommt die Erinnerung an den Geruch von Kohlenstaub. Der im Schnee hing, der in den Straßen schwebte, und das in Ost und West. Wie viele Kreuzberger haben mit den billigeren, bräunlicheren Ost-Briketts geheizt! Die Anfeuerprozedur der Kachelöfen war ein gesamtberliner Ritual. Mit dem Abnehmen der Geräusche ging das Zunehmen des Geruchs einher. Ist etwas überspitzt formuliert, weil die Kohle monatelang in der Luft hing, aber mir gefällt die Idee einer Explosion der Sinne, die von einem schwarzweißen Kinobild ausgelöst werden. Thomas Brasch ist wie der Kohlenstaub ein gesamtberliner Phänomen. Er hat „Engel aus Eisen“ im Westen gedreht.

Vor gar nicht langer Zeit sang Masha Qrella mit einer Stimme, wie aus der Welt gefallen, Texte von Thomas Brasch im Hebbel am Ufer. Draußen waren Monitore aufgebaut, ein journalistischer Altarraum für Thomas Brasch, auch der Skandal seiner Rede zum Bayrischen Filmpreis war wiederzuentdecken. Er hatte sich bei der Filmhochschule Konrad Wolf in Babelsberg für seine Ausbildung bedankt, und es schien, allein die Erwähnung einer Einrichtung der DDR war für Franz Josef Strauß ein Grund zur Schnappatmung. Der Bayerische Filmpreis für einen Ostdeutschen offenbarte in diesem Moment die Kluft zwischen beiden Staaten.

Ein halluzinierter Geruch

Ich bin das Schnitzel, das die Westdeutschen goutieren sollen, sagte Brasch in einem Fernsehinterview. Die Presse ist der Kellner, das Kinopublikum der Gast, der das Essen bestellt hat. In Babelsberg an der Filmhochschule war Brasch kreuzunglücklich, er wurde verhindert, er reiste 1976 mit Katharina Thalbach in den Westen aus, und wird zum Schnitzel. Gesamtberlinerisch gedacht ist Brasch nicht ein Wandler zwischen den Welten, sondern einer, der weder in Ost noch West vereinnahmbar ist, aber deutsch bleibt und das in einer ungeheuer analytischen Schärfe.

Ich stehe an der Hungerharke, dem Denkmal für die Luftbrücke, der Verkehr auf Tempelhofer Damm und Columbiadamm ist dystopisch gering. Ich rieche nichts, der Kohlenstaub war Halluzination, ein Hallraum aus Erinnerung. Brasch sagt, bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Logo: Irina Rastorgueva
Perspektiven auf die Stadt

„Modell Berlin“ ist ein  medienkünstlerisches Graswurzelprojekt mit Unterstützung der Berliner Kulturverwaltung, geleitet von Thomas Martin.

Beteiligt sind unter anderem die Berlinische Galerie, die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche, die Universität der Künste, das Museum der Subkulturen, das Institut für Sexualwissenschaft der Charité, die Zeitschriften Flaneur Magazine und Die Epilog, die Verlage Das Kulturelle Gedächtnis und Matthes & Seitz, das Walter Benjamin Archiv der Akademie der Künste.

Ausgewählte Texte, die in diesem Rahmen entstehen, erscheinen in der Berliner Zeitung.